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Raphaela Edelbauer, vor 31 Jahren in Wien geboren. Victoria Herbig
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Raphaela Edelbauer, vor 31 Jahren in Wien geboren.

Science-Fiction-Roman

Raphaela Edelbauer „Dave“: Wie sich die KI das vorstellt

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Raphaela Edelbauers labyrinthischer Science-Fiction-Roman „Dave“.

Künstliche Intelligenz gibt Rätsel auf, vor allem mit Blick auf den Menschen, dessen Wissen und Denken hier mit erheblichen Bemühungen nachgestellt werden. Dabei werden sie, das Wissen und Denken, bei Gelingen auch ins ungeheuerlich Fähige gesteigert, zugleich aber fehlt dem Menschen daran doch immer das Menschliche. Allerdings: Was genau soll das sein, das Menschliche? Der Erzähler trifft in der Wüstenei die Frau, die er liebt, aber dann zeigt sich, dass es bloß ein Chatbot ist. Er spricht sie direkt darauf an. „,Ja‘, sagte sie nach kurzer Verzögerung. ,Aber ich habe 8,4 tausend Antworten parat, was für einen Unterschied macht das?‘“

Da ist mehr dran, als man zu diesem Zeitpunkt von Raphaela Edelbauers Science-Fiction-Roman „Dave“ wissen und denken kann. Das Wissen und das Denken sind überhaupt vertraute und vertrauenerweckende Vorgänge, die sich hier immer mehr relativieren. Worauf aber kann sich der Mensch sonst verlassen? Das ist ein wesentlicher Teil des alten Problems, das in „Dave“ frisch und fesselnd verhandelt wird.

„Dave“ ist nach „Das flüssige Land“ der zweite Roman der 1990 geborenen österreichischen Schriftstellerin und ein – der Mensch kann und will nicht anders – mit Wissen und Denken angefüllter Weitwurf. Die Situation ist einerseits bereits in einem fortgeschrittenen Stadium, andererseits krebst das bestens geschulte Personal in der KI-Entwicklung vor sich hin und laboriert trotz enormer technischer Erfolge immer noch an den grundlegendsten Fragen: Wie wichtig ist Bewusstsein, damit eine KI mehr ist als ein Rechner, der Zeichen, mit denen er zuvor gefüttert worden ist, korrekt verarbeitet? Wie lässt es sich in eine Maschine implementieren?

Aber auch: Was will der Mensch von dieser Maschine? Kann sie gefährlich für ihn werden? Kann er gefährlich für sie werden? Über die klassischen Big-Brother-Fragen ist „Dave“ schon hinaus. Der Einzelne wird maximal kontrolliert, das ist wohl wahr, aber das verändert den Menschen weniger als erwartet. Liebe, Defätismus, Sektierertum, Eigensinn, alles findet weiterhin seinen Platz. So scheint es.

Erst 400 Seiten später zeigt sich, aber nicht schockartig, sondern fließend – wie der Ich-Erzähler haben auch wir es im Grunde schon gewusst und gedacht –, was für ein Spiel Raphaela Edelbauer gespielt hat. Die Leserin, der Leser und der Ich-Erzähler müssen den Eindruck haben, sie würden in diesem ambitionierten Roman über etwas nachdenken. Dabei sind sie mittendrin.

Das Buch:

Raphaela Edelbauer: Dave. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2021. 432 Seiten, 25 Euro.

Dies ist die Situation, die Edelbauer gewieft skizziert und zum Teil auch akribisch beschreibt, aber wie aus dem Romaneschreiben-Lehrbuch. Denn das ist präzise und plastisch, zugleich werden wir nicht überinformiert. Der Erzähler ist in seiner vertrauten Umgebung und weiß nichts von unserer Neugier. Die Dinge, so viel wird klar, haben sich in der Zwischenzeit (der Spanne zwischen 2021 und „Dave“) dramatisch zum Schlechteren entwickelt. Während die Menschen in irrsinniger Überbevölkerung – von 30 Milliarden ist die Rede – vegetieren, suchen Zehntausende, die in einem spektakulären Labor untergebracht sind, nach einer Lösung, wie die Erde wieder bewohnbar gemacht werden könnte.

In erster Linie leben Programmierer und Programmiererinnen im Labor, und in erster Linie sind sie mit der Entwicklung des Titelhelden Dave befasst, einer KI, die in Kürze an den Start gehen und einen Vorschlag machen soll. Der Mensch baut sich (wieder einmal) selbst einen Gott. Auch in Zukunft ist die Zeit der transzendenten Fantasien nicht vorbei.

Edelbauers Gespür und Geschick als Schriftstellerin zeigt sich sofort in einem sicheren Umgang mit Mensch und Computer sowie mit dem Geerdeten und dem Bizarren. Die Verhältnisse dort draußen müssen so grauenhaft sein, dass es fast schon wieder komisch wirkt, und die kugelrunde, leutselige Professor Babusch, die den Nachwuchs im Laborbau auf dem Laufenden hält – Kinderinfosendungen gehören offenbar zu den unzerstörbaren Gegebenheiten der modernen Welt –, wirkt dann auch tatsächlich nicht wie die verlässlichste Gewährsfrau. Als der Erzähler sie fragt, was genau da draußen passiert sei, sagt sie: ein Erdbeben, eine Bombe, eine Sintflut oder so. „,Nun gut, aber diese Dinge lassen sich ja schwerlich miteinander verwechseln‘, sagte ich aggressiv.“ Babusch zieht sich aufs Läppische zurück: „Gehe nicht aus dem Haus, sonst ist es mit dir aus.“ Das Labor hat an den Seiten keine Außenfenster. Vielleicht ist es auch dieser Mangel an Übersicht, der einem vieles bekannt erscheinen lässt, unangenehm bekannt.

Zugleich wird man den Erzähler Syx bald mögen. Sympathischer Bursche, Ende zwanzig, als Programmierer bislang auf der mittleren Ebene hängengeblieben: Im Fußvolk, das in Tag- und Nachtschichten arbeitet – Dave muss gefüttert werden –, in Kojen haust und sich von Knircks Kargbrei nährt, einem allgegenwärtigen Produkt, über das man nicht zu viel wissen will (man erfährt es dennoch). Immerhin ist Syx kein „Erststöckler“. Er lernt früh im Roman die schöne Frau kennen, die ihm immer wieder begegnen wird. „Ich bin Medizinerin“, sagt sie. „Du arbeitest mit Menschen“, sagt er, und er sagt es überrascht und nicht respektvoll.

Edelbauer entwickelt nun geruhsam und scheinbar kreiselig eine aufregende Handlung. Auf der Suche nach einem Weg, Dave Bewusstsein einzupflanzen – und ihn damit auch besser gegen Manipulation zu schützen –, wird Syx ausgewählt: Seine Erinnerungen sollen in Dave kopiert werden. Syx’ jäher Aufstieg in der Laborhierarchie gibt ihm neue Einblicke. Es ist ein wahrlich seltsamer Ort, den Edelbauer flirrend lebhaft schildert.

Es gibt Szenen, die auch losgelöst von „Dave“ im Gedächtnis bleiben. Als seien es eigene Erinnerungen. Sprachlich findet Edelbauer glänzende, unaufdringliche Wege. Ja, die Sprache wird sich weiter verändern, die Vielfalt, in der sie hier auftritt, ist enorm – von kurios in den Alltag übernommenen Fremdwörtern (kalmieren, jumelieren, hibernieren ...) über gewitzte Namen bis zu unerwarteten Auftritten eines vorcartesianischen Solipsismus oder eines Laplaceschen Dämons.

Bei alledem ist stets zu spüren: Hier stimmt ganz gewaltig etwas nicht. Das stimmt.

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