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Die Lutherrose, Luthers Siegel, hier ein Exemplar aus dem Nachlass des Bildhauers Gustav Nonnenmacher.

Literatur

Ran, ran, ran!

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"Evangelio": Feridun Zaimoglu versucht sich an einem Luther-Roman.

Jede halbwegs ernstzunehmende Luther-Biographie beginnt mit dem Hinweis darauf, wie fremd der Reformator uns Heutigen ist. Die besseren von ihnen verhandeln diese Fremdheit auch in theologischer Hinsicht, diejenige von Heiko A. Oberman zum Beispiel, erschienen bereits 1982, jetzt im Reformationsjubeljahr als Taschenbuch wieder aufgelegt. Luther verstehen zu wollen, mache es nötig, so Oberman, seine Geschichte zwar „im Lichte der Ewigkeit, doch nicht im milden Schein eines stetigen Fortschritts gen Himmel, sondern im Schatten der chaotischen Endzeit einer nahe herbeigekommenen Ewigkeit“ zu lesen. Luther hielt seiner Zeit gemäß Gott und Teufel gleichermaßen für reale Größen, die konkret ins Leben eingreifen. Die Eschatologie, die Theologie von den letzten Dingen, ist entsprechend das Zentrum seines Denkens.

Es ist gut, daran zu erinnern, gerade in der allgemeinen Gedenkseligkeit, die sich übers Land legt. Es erweist sich allerdings als nicht gut, den Lutherschen Teufelsglauben und seine Endzeitangst in Literatur verwandeln zu wollen. Der ausgewiesene 52-jährige Romancier und Dramatiker Feridun Zaimoglu versucht es dennoch: Sein Luther-Roman „Evangelio“ ist ganz der einen Idee verschrieben, den fremd gewordenen Luther als „sturen Krieger Christi“ im Kampf gegen das „Endzeittier“ vorzuführen, als einen so selbstquälerischen wie selbstverherrlichenden Polterer im Dauerzwist mit dem „Tausendkünstler Satan“, der sich „die Sünder in den offenen Arsch“ steckt.

Der „Ketzer“ Martin Luther brüllt und brunzt dem Leser hier entsprechend auf jeder Seite entgegen: „Das Böse quillt allüberall.“ Es quillt vor allem aus den „Arschmäulern“ von „Papst, Jud und Türck“, allesamt „Teufels Kotbröckchen“. Luther? Ein derber „teutscher“ Mann, „schäumend im Wahn“. Der Roman erzählt dabei den kurzen Abschnitt aus Luthers Leben, als er vom Mai 1521 bis zum März 1522 als Junker Jörg auf der Wartburg versteckt lebte, dort die Bibel zu übersetzen begann – und sich keineswegs nur von Reformationsfreunden umgeben sah.

Feridun Zaimoglu war an den Luther-Stätten in Wittenberg, auf der Wartburg, in Eisenach, er hat die Briefe gelesen, die Tischreden, die zentralen theologischen Texte. Man spürt es seinem arbeitsintensiven Roman ab. Man spürt allerdings auch arg die beflissene Müh’, einen ordnungsgemäß fremden Luther zu präsentieren.

Nicht Luther selbst ist bei ihm der Ich-Erzähler, sondern der erfundene Landsknecht Burkhard, der Luther bewachen muss. Dessen Schlachtruf lautet „Ran ran ran!“, wenn es gegen Hexen, Teufel oder Schandtäter geht. Daran hält sich Zaimoglus Roman: immer forsch ran an die historische Materie! Er bedient sich dabei eines hübschen Erzähltricks: Der Knecht ist (und bleibt) altgläubig und darf sich ausführlich über einen Luther wundern, der ihm vorkommt, als habe er einen „Wurm im Verstand“. Beim Essen auf der „festen Warte“, bei der Treibjagd, beim Ausmerzen einer Räuberbande, beim heimlichen Besuch in Wittenberg: Der Leser soll in verschiedenen Szenen, aber mit dem immergleichen Duktus einen Luther erleben, wie er mit „teutscher Zunge große Worte zwischen die Zähne hinauswirft“. Die Sprache ist ohnehin Zaimoglus eigentlicher Held, eine aus Luthers Frühneuhochdeutsch herausgeschälte Kunstsprache, angereichert mit viel „Stank und Dampf“. Nur erstickt der Roman an diesem seinen ständigen „Gebrunze“, er entwirft ein erzählerisch ungelenkes Ensemble nicht fremder, sondern festgefrorener Figuren.

„Ein guter starker Zorn erfrischt das Geblüt“ schreibt Zaimoglus Luther in einem der eingestreuten fiktiven Briefe an Georg Spalatin. Das mag sein, doch als Leser seufzt man bald wie dieser Roman-Luther selbst: „Ich veröd am Immergleichen.“

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