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Ralf Rothmann „Die Nacht unterm Schnee“: Was vom Krieg übrigbleibt

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Von: Judith von Sternburg

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Petticoat-Zeit, und mittendrin Elisabeth, lebenslustig, verzweifelt.
Petticoat-Zeit, und mittendrin Elisabeth, lebenslustig, verzweifelt. © imago/photothek

Ralf Rothmanns Roman „Die Nacht unterm Schnee“ weiß so viel über die Vergangenheit wie über die Gegenwart und Zukunft.

Luisa ist inzwischen Bibliothekarin geworden und der Autor überlässt es ihr, der ausgebildeten Leserin, uns das Gerüst seines Romans kurz zu zeigen. Ein Schriftsteller, erklärt Luisa schon ganz am Anfang, „verfügt selten über mehr als seine Biographie, und wenn er redlich ist, präsentiert er den Lesern nichts von dem, was eigentlich jeder erfinden könnte, etwas Originelles womöglich; trostlos klug sind wir schließlich alle. Vielmehr schreibt er, was nur er schreiben kann: seine eigene, von den Echos und Schatten der Vergangenheit und dem Vorschein der Zukunft umschwebte Geschichte. Nur dann wird seine Sprache eindringlich werden und, so paradox das klingen mag, auch andere angehen.“

Das ist eine merkwürdig absolute Setzung, wenn man an Literatur denkt, und Luisa, die Leserin, wird das wissen. Aber der Autor kann über sie verfügen, selbstverständlich, und vielleicht tut sie ihm auch gerne den Gefallen, seine Gedanken zu den ihren zu machen, ähnelt der Autor doch dem Schriftsteller im Roman, der Wolf heißt und der Sohn von Walter ist, in den sie verliebt war und über den sie einmal aus vollem Herzen den hinreißenden Satz sagt: „Er war einfach erschütternd schön.“

Wolf wiederum fühlt sich schon als Wölfchen zu Büchern hingezogen und betrachtet die Seiten von „Madame Bovary“, auch wenn er das Buch noch verkehrtherum in den Händen hält: rührende Vorwegnahme eines Leserlebens, feiner Kommentar zur schweigsamen Glücklosigkeit der Ehe seiner Eltern. Auch klärt sich – Flaubert: „Madame Bovary, das bin ich“ –, was Luisa und Ralf Rothmann mit der „eigenen Geschichte“ meinen. „Die Nacht unterm Schnee“ ist kein autobiografischer Roman, obwohl Wölfchen Schriftsteller werden wird und seine Eltern nach Rothmanns eigenem Bekunden an seine eigenen Eltern angelehnt sind (und Luisa – ihre Haarfarbe, Klugheit, Belesenheit – an seine Frau).

Wir kennen sie schon alle. Der neue Roman schließt eine (erst im Verlauf der Entstehung so bezeichnete?) Trilogie zum Zweiten Weltkrieg ab. „Im Frühling sterben“ (2015) und „Der Gott jenes Sommers“ (2018) ließen sich jedoch wie „Die Nacht unterm Schnee“ auch jeweils für sich lesen und verstehen. Umgekehrt ziehen sich die Fäden der Figuren und Geschichten hinein in andere Bücher Rothmanns. Vor allem die Eltern Walter und Elisabeth sind der familiäre Hintergrund schon in „Junges Licht“ (2004) oder „Milch und Kohle“ (2000), Romanen über die Kindheit in einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet.

„Milch und Kohle“ ist sogar eine Art erstes Buch über Elisabeth, dem Zentrum auch im neuen Roman. Der dadurch tatsächlich einen abschließenden Charakter hat, wie der Titel deutlich macht. „Die Nacht unterm Schnee“ ist sicher bildhaft zu verstehen – und eine Nacht unterm Schnee ist nicht gut, aber ruhig und friedlich wie der Tod –, sie bezieht sich jedoch auch konkret auf den Dreh- und Angelpunkt in Elisabeths Leben. Ihre Vergewaltigung als junges Mädchen in den letzten Kriegstagen durch russische Soldaten steht schon im Raum, sie erwähnt es beiläufig, aber sie erzählt es nie. Das kann nur das Buch, das Buch kann es mit allem Schrecken und aller Genauigkeit. Rothmann schiebt die Geschichte, nüchtern, aber aus Elisabeths Perspektive geschildert, zwischen die anderen Romankapitel.

Das Buch:

Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee. Roman. Suhrkamp, Berlin 2022. 304 Seiten, 24 Euro.

Das ist ein an sich einfaches Verfahren, wobei er die Übergänge zum Teil raffiniert verfugt. Am Kapitelende schläft Luisa in den fünfziger Jahren bekümmert, aber ruhig ein, am Kapitelanfang wacht Elisabeth in ihrem Alptraum 1945 wieder auf. Die Wirkung entsteht dabei weniger durch den Kontrast als durch die Rigorosität, mit der Rothmann das unkommentiert stehen lässt. Obwohl er mit offenen Karten spielt: Wir erfahren eingangs durch Luisa, die Ich-Erzählerin, dass Wolf ein Buch über seine verstorbene Mutter plant. „Dass sie ihr Leben für erwähnenswert gehalten hätte, bezweifle ich ... .“ Luisa erzählt dann, was sie weiß. Rothmann schiebt ein, was sie nicht weiß, was keiner weiß und auch keiner erfahren wird: die Nacht unterm Schnee.

Luisas Erzählung nimmt den Hauptanteil des Buches ein, es ist dramaturgisch ein kluger (man könnte sagen: origineller) Schachzug, eine reflektierte, aber den Figuren nahestehende und durch nicht zu hundert Prozent verlässliche Stimme sprechen zu lassen. Aus „Der Gott dieses Sommers“ wird mancher noch wissen, wie sehr sich die zwölfjährige Luisa in den jungen Melker Walter verguckt hat. Walter aber liebt Elisabeth, die beliebteste Bedienung in der Kieler Kneipe, die nach dem frühen Tod von Luisas Vater von ihrer Mutter weitergeführt wird. Was der zur SS gepresste Walter seinerzeit in den letzten Wochen des Krieges erlebt hat, steht in „Im Frühling sterben“. Alle Geschichten sind zeitlich extrem eng verzahnt, umso lastender ist das Schweigen.

Elisabeth ist unstet, aber lebenslustig. Luisa erkennt, „dass sie eine Leerstelle mit sich herumtrug, ein tiefinneres Vakuum, aus dem das Echo ihrer frohgemuten Schlagermusik wie ein fernes, kaum hörbares Wehklagen widerhallte“ – für solche Formulierungen braucht Rothmann sie, die Bibliothekarin –, und ist doch überrascht von Elisabeths Suizidversuch. Alternativlos heiratet Elisabeth (wie schon am Ende von „Im Frühling sterben“) schließlich den geduldig werbenden Walter und zieht zu ihm zurück aufs verhasste Land, wo Wölfchen (wie Rothmann 1953 in Schleswig) geboren wird.

Die beiden arbeiten als Melkerpaar, ein beinharter, zudem untergehender Beruf, den Elisabeth nach einer zweiten, schwierigen Geburt ohnehin nicht mehr ausüben kann. Walter verdingt sich als Bergsteiger, Elisabeth ist froh, wieder in der Stadt zu wohnen, aber es ist ein kümmerliches Leben und bleibt eine unfrohe Ehe ohne Ausweg jenseits von Elisabeths wilden Kneipen- und Tanzabenden. Als Luisa sie begleitet, ist sie angeekelt, ganz anders ihr eigener Lebensweg mit Studium, Beruf, interessantem Freund (wirklich interessant, wer weiß, ob Rothmann-Leserinnen und -Leser nicht noch von ihm hören werden). Vielleicht baut Rothmann diesen Kontrast etwas überdeutlich auf – die schüchterne, zurückhaltende Luisa, in „Der Gott dieses Sommers“ als Kind selbst Opfer eines schweren Übergriffs durch einen Verwandten, findet sogar sexuell von vornherein ein selbstbestimmtes Glück. Andererseits entsteht so doch ein reeller Entwurf von denkbar unterschiedlichen Frauenbiografien in den frühen 60ern. Ohnehin erlebt Luisa Elisabeths und Walters zehrenden, engen Alltag bereits als etwas Fremdes und Befremdliches.

So plausibel, fesselnd und bedrückend die Gesamtkonstellation, so brillant die Szenen, ein lupenreiner Realismus – es gehört immer zur Rothmann-Lektüre, sich später an Einzelheiten zu erinnern, als hätte man sie selbst erlebt – durch Luisas kluge, manchmal ein wenig altkluge Brille. „Was mich und meine Lebenserfahrung betraf“, schreibt sie, „so blieb die damals weit hinter meiner Erfahrung als Leserin zurück. Alles in meinem Innern war sehr kompliziert, also sehr oberflächlich, und wäre als Text einer von denen gewesen, in denen der Autor Kunsthandwerk mit Kunst verwechselt und eine unsinnliche, kantige, verwinkelte Syntax schreibt, die quälend viel Aufmerksamkeit okkupiert, um den Leser am Ende ins Leere laufe zu lassen … .“

Rothmann müsste uns nicht auf seinen eigenen, straffen, eleganten Stil verweisen, damit wir ihn bemerkten. Aber die Reflexionsebene macht „Die Nacht unterm Schnee“ tatsächlich noch einmal schillernder. Und nicht nur sind etwa die Szenen beim Melken Worte, die zu Bildern werden. Sie finden auch einen Spiegel in der Nacht unterm Schnee, wenn die durstige, hungrige Elisabeth am Euter einer toten Kuh saugt. Sie weiß selbst, wie unsinnig das ist. Das Leben will so lange wie möglich überleben.

Die Fragen, was Redlichkeit in der Literatur ist und ob das Originelle in der Literatur ein pikiertes „womöglich“ verdient, bleiben interessant, aber für einen anderen Tag. Dass Ralf Rothmanns Geschichten vom Schrecken des Krieges sich zur Stunde in der nicht fernen Ukraine wiederholen, ist ungeheuerlich und braucht volle Aufmerksamkeit.

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