Fragiler Friede: In der Altstadt von Damaskus, 2010.

Rafik Schami

Rafik Schami: „Die geheime Mission des Kardinals“ – Er schwieg wie Tausende, wie Millionen

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Damaskus 2010: In seinem neuen Roman „Die geheime Mission des Kardinals“ lässt Rafik Schami seinen syrischen Kommissar Barudi noch einmal ermitteln.

Die Bilanz, die Kommissar Barudi nach 40 Jahren Polizeidienst zieht, ist bitter. Nichts, aber auch gar nichts hat sich geändert, seit er als junger Grünschnabel antrat, „der Wahrheit oder der Gerechtigkeit dienlich zu sein“. Damals torpedierte der syrische Geheimdienst seine Ermittlungen im Fall eines ermordeten Offiziers und nutzte die Bluttat als Vorwand, um sich einiger unliebsamer Dissidenten zu entledigen. Barudi wurde an die jordanische Grenze verbannt und durfte erst fünf Jahre später nach Damaskus zurückkehren.

40 Jahre später werden zwei des Mordes Überführte auf freien Fuß gesetzt. Ein dritter Verdächtiger erhängt sich angeblich in seiner Zelle. „Hurensöhne“, wütet Barudi, ehe er seinen Arbeitsplatz räumt. Und notiert in sein Tagebuch: „In einer hochmodernen, aber unfreien Gesellschaft ist die Wahrheitsfindung aussichtslos.“

Barudi ist nicht der einzige, der am syrischen Staatswesen verzweifelt. Rafik Schami, in dessen gerade erschienenem Roman „Die geheime Mission des Kardinals“ der frustrierte Kriminalkommissar die Hauptrolle spielt, teilt die nachtschwarze Verzweiflung seines Protagonisten. Seit I971 lebt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller, der 1946 unter dem Namen Suheil Fadél in Damaskus geboren wurde, in Deutschland. Seine Kindheits- und Jugenderlebnisse inspirierten ihn zu dem 1987 veröffentlichten Tagebuchroman „Eine Hand voll Sterne“. In sein Heimatland ist der Regimekritiker nie zurückgekehrt. Zu viele Intrigen, zu viele Bespitzelungen. „Die Freiheit in Deutschland hat mich und meine Zunge gerettet“, sagte er in einem Interview in der FR zu seinem 70. Geburtstag. „Ein geniales Wahnsinnssystem“ nennt Schami in diesem Gespräch das syrische Regime, das ihn Jahrzehnte zuvor in die Flucht schlug. Es gründe „auf der Sippe“ und lasse die Syrer „durch ein Spinnennetz von 15 Geheimdiensten“ verstummen.

Eine Einschätzung, die Kommissar Barudi durchaus teilt. Der beleibte Ermittler verzweifelte bereits in Schamis 2004 erschienenem Roman „Die dunkle Seite der Liebe“ an seinem Land. Inzwischen befindet er sich beruflich in der Schlusskurve. Unter Kollegen wird der beharrliche, vielfach erfolgreiche Kommissar durchaus geschätzt. Barudi selber sieht sich als Versager. Seine Vorstellung, „als Kriminalpolizist für Gerechtigkeit zu sorgen und Gewalt durch Aufdeckung und Strafe unattraktiv zu machen“, habe sich als Illusion entpuppt, muss er sich eingestehen. „Als würde die Befreiung der Gesellschaft von den kleinen Verbrechern die Gesellschaft sicherer machen, die Ordnung wiederherstellen. Welche Ordnung denn?“

Rafik Schami: Die geheime Mission des Kardinals. Roman. Hanser Verlag, München 2019. 432 Seiten, 26 Euro.


Sein letzter großer Fall ist nicht dazu angetan, den latent depressiven Kommissar eines Besseren zu belehren. In der italienischen Botschaft in der Ata-al-Ayubi-Straße in Damaskus wird eines frühen Morgens ein Fass angeliefert. Absender unbekannt. In dem Fass befinden sich etliche Liter Olivenöl – und die verstümmelte Leiche von Kardinal Angelo Cornaro aus Rom. An der Stelle des Herzens trägt er einen faustgroßen Basaltstein im Brustkorb.

Cornaros Besuch habe von Anfang an unter einem schlechten Stern gestanden, erfährt Barudi von dem italienischen Botschafter. Eine Entführung durch eine Terrorgruppe namens „Saladins Brigaden“ habe in letzter Sekunde vereitelt werden können. Doch was wollte der christliche Würdenträger überhaupt in dem arabischen Land, das im Handlungsjahr 2010 zunehmend Anzeichen von Zerrüttung zeigt? Es steht zu vermuten, dass der alte Herr im Auftrag von Papst Benedikt XVI. unterwegs war, doch was genau sein Auftrag in Syrien war, hat er nicht einmal dem katholischen Patriarchen in Damaskus verraten.

Barudi und sein Kollege Commissario Marco Mancini, aus Rom eingeflogen, um den bizarren Mord an seinem Landsmann aufzuklären, stehen vor einem Rätsel. Zumal Barudi eines gelernt hat in seinem langen Berufsleben: „Wir dürfen jeden vernehmen, der nicht zu den Großen auf den obersten Stufen der Pyramide gehört. Denen, die sich an der Spitze befinden, darf man nicht einmal eine Frage stellen.“ Jeder Syrer wisse, dass „sie da oben“ die Fäden in der Hand hielten „wie eine gut organisierte Mafia“.

Dennoch gelingt es den beiden ungleichen Ermittlern, die letzten Tage des Ermordeten zu rekonstruieren. Ihre Recherche führt sie in die Untiefen religiösen Wahnsinns, wo sie geschäftstüchtigen Wunderheilern und deren verpeilten Anhängern begegnen. Das liest sich durchaus vergnüglich. Gemeinsam spotten der Syrer und der Italiener über einen Heiler, der selbst seine Blähungen zu Geld macht und seine Anhänger gnadenlos ausbeutet.

Im Norden des Landes treffen sie schließlich auf die ersten Kämpfer des Islamischen Staats, der die Region bald fest im Griff haben wird. „Wir wollen eine Islamische Republik mit gerechten Gesetzen“, erklärt ihr Anführer den beiden Kommissaren, die Böses ahnen. „Was aber ist der Islamismus anders als ein Aberglaube, an dem Millionen heimlich oder offen hängen?“, fragt sich ein beunruhigter Barudi. Und mutmaßt mit dem Weitblick eines Mannes, der schon viel erlebt hat: „Diese „Islamische Republik“ wird kein einziges Problem lösen. Sie ist selbst ein Problem.“

Die Handlung wird unterbrochen durch zahlreiche Tagebucheintragungen Barudis. Der Kommissar philosophiert über Gott und die Welt und vor allem über die katastrophalen Zustände in Syrien. Schami schildert ein Land unter der Knute eines unbarmherzigen Regimes, das seinen Bürgern die Luft zum Atmen und die Fähigkeit zu denken nimmt. Und genau das ist es auch, was seinen Roman so lesenswert macht. Sicher, die Kriminalgeschichte ist spannend und gut konstruiert. Die Lösung ist stimmig, der Weg dahin stringent erzählt. Es macht einfach Spaß, sich Schamis bedächtigem und manchmal orientalisch-ausuferndem Erzählfluss hinzugeben und den beharrlichen, immer wieder ins Leere laufenden Aufklärungsversuchen der beiden Kommissare zu folgen.

Der wahre Schatz dieses Buches aber sind Schamis Alltagsbeobachtungen, der scharfe Blick, mit dem er dieses Syrien an der Schwelle zum Bürgerkrieg analysiert. Da sind die Geheimdienste, die ihre Augen, Ohren und Abhörmikrofone überall haben. Da ist die weit verzweigte Herrschersippe, deren Mitglieder sich hochmütig über das Gesetz erheben. Und da ist ein Volk, das nicht mehr zu mucksen wagt und seine Seele verloren zu haben scheint. „Wir schieben alles Schlechte gern unseren Herrschern in die Schuhe. Das ist bequem. Unsere Herrscher sind dumm und sadistisch. Sie sind korrupte Verräter. Aber was sind wir? Wir sehen uns gern in der Rolle der Opfer, aber wir verkörpern das Schlechte in reinster Form.“

Man spürt den Kummer des Exilanten Schami über sein verlorenes Land in jeder Zeile. Selbst Barudi, der zu den letzten Aufrechten zählt, ist zu Beginn seiner Karriere einmal schwach geworden und hat geschwiegen, wo er hätte reden müssen. „Er schwieg wie Tausende, wie Millionen.“ Barudis Rebellion gegen das Eingreifen des Regimes in seinen finalen Fall beschränkt sich letztendlich auf eine trotzige Verweigerung: Er schwänzt seine eigene Verabschiedung und vergnügt sich stattdessen mit seiner Freundin im Bett.

Mitte Septembergeht der Autor auf große Lesereise, Termine in der Region gibt es etwa am 17.9. in der Bensheimer Bücherstube, am 18.9. in der Römerhalle in Dieburg und am 19.9. im Main-Kinzig-Forum in Gelnhausen.

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