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Rafael Chirbes in seinen Tagebüchern – Exerzitien der Aufrichtigkeit

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Von: Eberhard Geisler

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Rafael Chirbes im Hotel, 2015.
Rafael Chirbes im Hotel, 2015. © GlobalImagens/Imago

Spüren wir den Herzschlag einer Existenz, die der historischen Situation ebenso standzuhalten versucht wie den sehr privaten Sehnsüchten und Niederlagen: Tagebücher von Rafael Chirbes.

Rafael Chirbes (1949–2015) ist durch seine Romane wie „Der lange Marsch“, „Der Fall von Madrid“ oder „Alte Freunde“ auch in Deutschland bekannt geworden. Darin hat er die spanische Geschichte seit 1940 – die Franquisten hatten gerade über die Republik gesiegt und die Macht übernommen – bis in die Gegenwart dargestellt und die eigene Gesellschaft in ihren gescheiterten Hoffnungen und faulen Kompromissen mit sicherem soziologischem Blick nachgezeichnet. Die genannten drei Bände sind soeben – rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, die dem Gastland Spanien gewidmet ist – im Kunstmann Verlag als Kassette neu aufgelegt worden und unbedingt lesenswert.

Die Tagebücher dieses Autors aber, die jetzt vom selben Verlag zum ersten Mal auf Deutsch vorgelegt werden, halten für die Leserschaft eine neue Erfahrung bereit: der bislang nur als Erzähler geschätzte Autor entblößt sich selbst und erreicht auf diese Art und Weise, sein Schreiben in eine persönliche, gleichsam dreidimensionale Sphäre hinein zu erweitern.

Damit aber hält man ein besonders beeindruckendes Zeugnis für die Lebendigkeit der spanischen Gegenwartsliteratur in der Hand, und beim Weiterlesen wird man den Herzschlag einer Existenz verspüren, die der historischen Situation ebenso wie höchst privaten Sehnsüchten und Niederlagen standzuhalten versucht hat. „Inquietud“ sagen die Spanier und meinen damit einen Zustand intellektueller Aufgewecktheit, bei dem es einen nicht länger auf dem Hocker hält.

Auch in diesen Aufzeichnungen finden sich Auseinandersetzungen mit alten 68ern, deren revolutionäre Visionen Chirbes einmal geteilt hatte und die ihm nun wie aus der Zeit gefallen erscheinen. Mittlerweile sticht vor allem ins Auge, was für ein sensibler Seismograph seiner erotischen Empfindungen dieser Autor ist.

Dass Homosexualität in seiner Gesellschaft zutiefst verfemt gewesen ist, schert ihn nicht, und er beschreibt bis in die Verästelungen seiner oftmals widersprüchlichen Gefühlswelt hinein, was er seinem François oder anderen gegenüber empfindet – Raserei, Enttäuschung oder Schuld. Er stellt nachdenklich fest: „wenn es denn jemanden gibt, der dasselbe Geschlecht wie ein anderer hat“. Wenn am Ende jedes Individuum, gleichgültig ob Mann oder Frau, ein jeweils eigenes, persönliches Geschlecht hätte und insofern vollendeter Gleichklang überhaupt nie erreichbar wäre? Welch’ bestürzende, realistische Einsicht!

Es könnte dies insgesamt gut ein Zeugnis des neuen Spanien sein, in dem angesichts eines solch tiefen Ringens um Liebe keine Mitra mehr sich entrüsten muss und endlich auch der homosexuelle Federico García Lorca Verständnis seitens der gestrengen Kirche findet. Fanatische Priester hatten dem Dichter seinerzeit die Beichte abgenommen, bevor sie ihn erschießen ließen.

Das Buch

Rafel Chirbes: Von Zeit zu Zeit. Tagebücher 1984-2005. A. d. Span. v. Dagmar Ploetz/ Carsten Regling. Kunstmann 2022. 472 S., 34 Euro.

Als Chirbes 1985 Moskau besucht, um nach dem Zustand einer revolutionären Gesellschaft zu schauen, die ihm in der Jugend als Idol gegolten hatte, weiß er sensibel die prosaische Wirklichkeit zu protokollieren: „Es offenbart sich mir ein aufgewühltes, verwirrtes Land, das in einem Nahkampf mit sich selbst befangen ist, das wie Jakob mit dem Engel ringt.“

Kurz darauf reist er im Zug durch Frankreich und liest dabei Dostojewskis Roman „Der Idiot“, in dem er „das Beste der menschlichen Seele“ gespiegelt findet. Längst hatte Chirbes einen untrüglichen Instinkt für Elementares entwickelt, indem er übrigens auch eine erfolgreiche Gourmet-Zeitschrift „Sobremesa“ („Plauderei nach Tisch“) herausgab und für sie Restaurants besprach.

Chirbes stammte aus kleinen Verhältnissen und hatte sich eine breite literarische Bildung selbst angeeignet. Historisch bedeutsame Titel wie „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers gehören dazu, aber ebenso enzyklopädisch angelegte Werke wie „Der Mann ohne Eigenschaften“ – „Mit Musil berührt man den Himmel“ – sowie die „Essais“ von Michel de Montaigne, der in seiner Selbstentblößung und Aufrichtigkeit für ihn das Höchste erreicht hatte, was einem Schriftsteller überhaupt möglich war.

Auch Teresa von Ávila – Santa Teresa de Jesús –, die ihre überwältigenden Gottesbegegnungen anschaulich zu schildern vermocht hatte und zugleich eine lebenspraktische Frau gewesen war, die im Land umherzog, um Klöster zu gründen, hat dieser Autor seine Reverenz erwiesen. Er liest ihr „Buch der Gründungen“ und bemerkt: „Sie schlägt mich in ihren Bann wie die Flötenspieler aus Marrakesch die Schlangen. Wie tief ist das Christentum in uns eingedrungen, auch bei jenen, die in ihrer Jugend zu Lukrez und Marx umgeschwenkt sind: Leiden als Energie gesehen, die nicht vergeudet, sondern vom mystischen Leib genutzt wird.“ Teresa gilt ihm im Scharfsinn, in der Beobachtungsgabe und Leichtigkeit ihrer Prosa als Vorbild: „Eine unabdingbare Lektüre für den, der in kastilischer Sprache schreiben will.“

Einmal war seine Wohnung mit Wasser vollgelaufen. Dokumente und Manuskripte waren unbrauchbar geworden und mussten entsorgt werden. Besonders schmerzhaft war es, sich von den Fotos ehemaliger Liebschaften zu trennen. Aber auch in solchen Situationen wusste Chirbes sich Rat: „Als ob mit dem Begehren aufzuhören nicht bedeutete, dem Leben Hoffnungslosigkeit hinzuzufügen und noch ein wenig Lieblosigkeit dazu.“

Die Übersetzung liest sich glatt, aber die Wahl des Buchtitels ist weniger glücklich. „A ratos perdidos“ meint Augenblicke, in denen ein Autor abseits vom Betrieb des Alltags und ohne Verpflichtungen Zeit finden kann, sich zu besinnen und in sich selbst hineinzuhorchen. Der Titel „Von Zeit zu Zeit“ klingt eher gelangweilt, als ginge es hier um sporadische, nicht weiter erhebliche Notizen. Dabei war es Chirbes in der Abgeschiedenheit doch wunderbar gelungen, sich als Autor zu erweisen, den es nicht länger auf dem Hocker gehalten hatte.

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