Rätsel ohne Magie

Haruki Murakamis etwas überanstrengter Roman "Afterdark"

Von MARTIN KRUMBHOLZ

Als Mitte der neunziger Jahre im Berlin Verlag nacheinander zwei Erzählbände mit sehr sonderbaren Titeln erschienen, war ihr Autor, der 1949 geborene Haruki Murakami, in Europa ein Unbekannter. Die Titel hießen: Der Elefant verschwindet und Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah, und die Bücher hielten, was ihre Titel versprachen. Sie handelten von jungen Menschen in Japan, die ebenso gut junge Menschen in Mitteleuropa hätten sein können, die Spaghetti aßen, Woody-Allen-Filme sahen und, das vielleicht als signifikante Abweichung, eher Jazz- als Popmusik hörten. Ihr Autor pflegte einen mühelos lesbaren, aber doch beharrlich nachwirkenden Stil, geschmeidig, elegant und sehr modern. Die Geschichten handelten vom Einbruch des Irrationalen ins alltägliche Leben. Sie hatten eine magische Dimension, das machte sie aufregend.

Meister atmosphärischer Valeurs

Trotzdem hatten die Erzählbände noch nicht die Resonanz, die sie verdient gehabt hätten. Erst mit den folgenden oft dickleibigen Romanen wurde Murakami zum Bestsellerautor, ja zur Kultfigur. Äußerst produktiv ist er außerdem: Fast in jeder Saison kommt etwas Neues von ihm auf den Markt. Er ist ein Meister atmosphärischer Valeurs; erotische Ambivalenzen kommen eher in den schüchternen, verhaltenen Annäherungen der Geschlechter zum Ausdruck als in explizit sexuellen Szenen - die ohnehin rar sind. Murakami ist zwar nicht prüde, aber im Grunde interessiert ihn etwas anderes. In der wunderbaren Erzählung Der Elefant verschwindet heißt es einmal: "Manchmal habe ich das Gefühl, als verlören die Dinge um mich herum ihr eigentliches, ihnen angemessenes Gleichgewicht." Das Gefühl trügt den Erzähler wohl nicht, und es sorgt dafür, dass auch er selbst aus dem Gleichgewicht fällt - allerdings nicht auf dramatische Art. Murakami-Texte behalten in der Regel eine angenehme Leichtigkeit, etwas Swingendes, Jazz-Kompatibles sozusagen. Der Held sitzt in einer Cocktailbar, hört ein Jazz-Stück, zum Beispiel Five Spot After Dark mit dem Posaunisten Curtis Fuller, und erlebt dann, etwa durch eine unvorhergesehene Begegnung (zum Beispiel mit einer früheren Liebe), einen Perspektivwechsel. Der kann Folgen haben oder auch nicht.

Im jüngsten Roman Afterdark trifft ein junger Jazzposaunist in einem Lokal eine Gleichaltrige. Mari ist eine der typischen zurückhaltenden, aus Verletzlichkeit schnippischen Murakami-Frauen. Der Dialog zwischen den beiden kommt allerdings über einen üblichen Small Talk nicht hinaus und bleibt banal. Mari wird später als Dolmetscherin in ein Bordell gerufen, wo eine chinesische Prostituierte von einem Freier misshandelt wurde. Schließlich trifft sie den Musiker wieder. Murakami-Figuren tendieren dazu, sich selbst zu erklären, so wie es Menschen im wirklichen Leben tun. Was dort schon wenig hilfreich ist, ist es im Roman noch weniger. Es schwemmt die Texte auf.

In einer Parallelhandlung von Afterdark, das in einer einzigen Nacht spielt, lernen wir Eri kennen, Maris hübschere ältere Schwester. Eri schläft. Und das bereits seit zwei Monaten. Doch es handelt sich dabei nicht um ein Koma, sondern durchaus um Schlaf, wenn auch keinen normalen Schlaf: "Während wir Eri Asai betrachten, gewinnen wir allmählich den Eindruck, irgendetwas an ihrem Schlaf sei nicht normal. Er ist zu rein und vollkommen."

Worauf der Rätsel-Autor damit hinauswill, bleibt undeutlich. Auch die sich anbahnende Liebesgeschichte endet im freien Fall. Die Dramaturgie von Afterdark ist offensichtlich von einigen Filmen amerikanischer Provenienz inspiriert, die mehrere autonome Handlungsstränge punktuell miteinander vernetzen. Aber den magischen Moment, in dem die Dinge ihr Gleichgewicht verlieren, hat der Vielschreiber Murakami diesmal verfehlt. Und der Versuch, eine filmische Suggestion zu erzeugen, wirkt angestrengt und vergeblich. Man denkt, wenn man diesen Roman liest: Das stand doch in einem früheren Murakami-Buch schon ähnlich und besser.

Haruki Murakami: "Afterdark". Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Verlag, Köln, 237 Seoten, 19,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion