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Die Schriftstellerin Petra Morsbach.

Petra Morsbach

Rätsel Mensch

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Petra Morsbach begibt sich in „Justizpalast“ auf vermeintlich unliterarisches Gelände – und schreibt einen hochunterhaltsamen Roman.

Die Sphäre der Justiz und die der Literatur haben kaum Gemeinsamkeiten. Das liegt nicht nur am komplett unterschiedlichen Zugriff und der differenten Perspektive auf die Welt, sondern ist vor allem sprachlich begründet: Wo die Literatur den Anspruch erhebt, lebendig, beseelt und anschaulich zu werden und den Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, lebt die Juristerei von ihrer Kühle, ihrer behaupteten Objektivität und dem eher schematischen, genauer gesagt: unbestechlichen Zugang zu den Ereignissen. Die Ratio, so könnte man meinen, hat das Gefühl zu bändigen. Aber stimmt das überhaupt?

Die Schriftstellerin Petra Morsbach hat für ihren mittlerweile siebten Roman fast zehn Jahre recherchiert. Das heißt: Sie ist in die Gerichte gegangen, Amts- und Landgerichte, hat sich Prozesse angeschaut, angehört, Material gesammelt, mit Richtern gesprochen. Das Ergebnis ist der Roman „Justizpalast“, für den sie bereits kurz nach Erscheinen mit dem Wilhelm-Raabe-Preis und dem Roswitha-Preis ausgezeichnet wurde, beides völlig zurecht, denn einen Roman, der in so vollendeter Eleganz einen derartigen Stoff auf eine Weise aufarbeitet, dass man sich über knapp 500 Seiten hinweg nicht nur belehrt, sondern vor allem glänzend unterhalten fühlt, gibt es selten zu lesen.

Thirza Zorniger heißt ihre Protagonistin, geboren 1956 in München. Und es wirkt, als wiese Petra Morsbach ihr gleich von Beginn an die Rolle einer vermittelnden Instanz zu. Ihr Vater, ein Schauspieler und Hallodri, verlässt die Mutter, als Thirza sechs Jahre alt ist; bis dahin hat sie sich bereits zwangsweise als Schlichterin im Streit der Eltern betätigen müssen. Der Großvater mütterlicherseits war bereits als Strafrichter tätig.

„Justizpalast“ ist ein elegant gebautes Buch, das in der Chronologie hin und her springt und manchmal Jahre im Zeitraffer erzählt. Wir begleiten Thirza auf ihren Karrierestationen und folgen ihr in das Justizwesen, in den Münchener Justizpalast. Dort trifft sie, über die Jahre verteilt, zwei Vorbilder, die, ohne als Typen aufzutreten, typologisch für den unterschiedlichen Umgang mit den Gesetzen stehen. Die wiederum sind tatsächlich Auslegungssache und werden erfüllt vom Geist ihrer Interpreten.

Thirza Zorniger wird Richterin am Landgericht. Und Petra Morsbach gelingt eine fluide Erzählung von Falldarstellungen auf der einen Seite und der biografischen Entwicklung ihrer Protagonistin auf der anderen Seite. Die Fälle, die Thirza zu verhandeln hat, mögen banal sein, der Umgang mit ihnen ist es nicht. Justiz wird von Menschen betrieben. Der Mensch (und auch die Literatur) darf mit halbreligiösen Begriffen wie Wahrheit und Gerechtigkeit arbeiten. Die Justiz tut das nicht; sie sucht den Rechtsfrieden. Es geht darum, eine Ordnung herzustellen, die das Durcheinander des Alltags in angemessener Form zu bändigen weiß. Da sind Geschwister, beide weit älter als 70 Jahre alt. Sie streiten sich um das elterliche Erbe; er ist bei den kranken Eltern geblieben und hat Buch geführt über jede einzelne seiner Handreichungen. Was gibt es dazu zu sagen?

Die Natur des Menschen, die im Grunde vor Gericht in Klarheit vor dem Gesetz überführt werden soll, wird innerhalb der Prozesse immer mehr zum Rätsel: „Kann man sich wirklich drei Jahre lang darüber streiten, wie Bäume gekürzt werden? Ohne weiteres. Zwei Nachbarn attackierten einander erbittert. Streitwert 10 000 Mark. Allein das Gutachten zu Gartenplan und Bestandsschutz hatte 6000 gekostet; wozu jetzt, für nochmal 6000, ein weiteres Gutachten zu Wuchs und Verschattung? Oder: Warum prozessierte eine Witwe, die neun Millionen besitzt, vier Jahre lang um 28 000 Mark, auf umstrittener Anspruchsgrundlage?“ So geht das immerfort.

Die Befürchtung jedoch, dass das serielle Bauprinzip des Romans, das auf einer unablässigen Abfolge von Gerichtsfällen beruht, in die Monotonie führen könnte, unterschätzt die erzählerische Kraft Petra Morsbachs und ihr Vermögen, die Fallgeschichten im Akt des Erzählens selbst in allgemeingültige Parabeln zu verwandeln.

Und dann gibt es noch das Privatleben der Richterin Zorniger. Sie, die sich eigentlich der Leidenschaftslosigkeit verschrieben hat, trifft den Rechtsanwalt Max, deren Ehe sie selbst vor etwa zehn Jahren geschieden hat. Max hat Thirza nicht vergessen, und so kommt so etwas wie Leichtigkeit, Übermut, Rausch in ihr Leben. Doch das Glück, so viel sei verraten, mündet in ein tragisches Ende.

„Justizpalast“ ist ein zutiefst humanes Buch. Und ein Roman, der dem Rechtsstaat, bei allen Lächerlichkeiten, Eitelkeiten und Aktenbergen, ein Loblied singt. Das System ist nicht perfekt, aber es funktioniert. Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. In diesem speziellen Fall ist man in Petra Morsbachs Händen bestens aufgehoben.

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