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Was wird aus den Freundinnen? Elena Ferrante lässt Fragen offen.

"Neapolitanische Saga"

Rätsel und Fragen bleiben

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Der Abschluss von Elena Ferrantes "Neapolitanischer Saga" bestätigt die Kunst dieser Autorin.

Zunächst ein paar Worte an die bereits infizierten Leser der „Genialen Freundin“. Wer noch keines der Bücher aus Elena Ferrantes „Neapolitanischer Saga“ gelesen hat, mag diesen Absatz überspringen. Ihren Freunden aber stillt der vierte Band die Sehnsucht, die nach dem dritten blieb, denn das Buch ist ebenso geschichtenreich wie die Vorgänger, und diesmal führen viele Fäden wieder in einem Knäuel zusammen. „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ überrascht mit jähen Wendungen, hält schlimme Momente bereit und ein bisschen Glück auch. Enttäuschung stellt sich nur ein, wenn man nach 616 Seiten die vertrauten Figuren im Buch zurücklassen muss. In diesem Stadium des Verlusts hilft es, wieder ganz von vorne anzufangen. Der Beginn des ersten Teils fügt sich tröstlich an die letzten Seiten des vierten.

Wie erzählt man davon aber den Noch-nicht-Ferrante-Lesern, die nur von Bestsellerruhm und Kritikerlob wissen? Vom gelüfteten oder nicht gelüfteten Autoren-Pseudonym? Was taugt für sie der Hinweis auf den großartigen vierten Band? Ihnen sei versichert: Sie haben noch große, soghafte Leseerlebnisse vor sich.

In diesen Romanen steckt die literarische Wahrheit vom Leben fiktiver Personen in einem alten Viertel Neapels und auch die reale politische Entwicklung Italiens im 20. Jahrhundert. Die verschlungenen Geschichten über Elena Greco, genannt Lenù, und ihre geniale Freundin Raffaella Cerullo, von allen Lina genannt (von Elena jedoch Lila), erkunden Menschenseelen und Menschenwerk. Sie führen auf die leuchtenden Felder von Zuneigung und in die finsteren Ecken von Hass, buchstabieren das Verhältnis von Männern und Frauen durch und deklinieren die gesellschaftlichen Schichten.

Ungeduldige können mit dem vierten Band beginnen, weil vorn die handelnden Personen im Familienverband mit Berufen sowie Vorgeschichte aufgeführt sind. Zumal die Autorin uneitel vorgeht. An Knotenpunkten des Geschehens fasst sie in kleinen Bemerkungen zusammen, was zum Verständnis wichtig ist. Obwohl: Der Verzicht auf zwei, drei Figuren hätte dem Roman nicht geschadet.

Vor dem Hintergrund der siebziger Jahre erzählte Elena Ferrante im dritten Buch von der Situation ihrer Heldinnen in Familie, Bildung, Erwerbstätigkeit. Gegen das alte Gesetz der Macht, dass Männer jede Frau haben können wie Material, begehrte Lila in einer Fabrik praktisch auf. Elena übernahm den theoretischen Part. Denn sie fütterte mit Lilas Erlebnissen ihren ersten Roman, wurde eine feministische Autorin. Wenn der vierte Band einsetzt, sind die Freundinnen Anfang 30 und nicht gut aufeinander zu sprechen. Elenas Ehe mit einem jungen Universitätsprofessor ist kaputt, weil sie sich wieder zu Nino hingezogen fühlt, ach was: hingerissen, verzehrt von ihm. Nino war die Jugendliebe beider Freundinnen. Sie fühlt sich stark genug, sich aus den besseren Verhältnissen zu lösen, in die sie durch Studium und Heirat gelangt war. Ohne die Folgen durchzurechnen, kehrt sie nach Neapel zurück, in die Stadt, die Lila nie verlassen hat. Lila wirkt verwachsen mit dem Viertel ihrer Geburt, wo eine Camorra-Familie die Geschicke lenkt. Sie wird allerdings in diesem Buch eine eigene kleine Firma gründen, wird beweisen, was ihre beste Freundin mal froh, mal neidisch macht: Wie intelligent sie ist, geschickt, weise und weitsichtig.

Auf die selbstbewusste Elena, die ihrem Herzen folgen will, warten Fallstricke. Was bedeutet es für ihre Kinder? Wenn ein Ex-Freund ihr Verhalten anerkennend „männlich“ nennt, kann sie sich nicht freuen. Der geliebte Nino wird sich noch als Frauenheld zeigen, als sei er den heutigen Debatten entsprungen. Und während er mit dem Sprung vom politischen Journalisten zum Politiker die tollste Karriere hinlegt von allen aus dem Rione, dem Stadtviertel, funkelt an ihm bald nicht nur Stolz, sondern auch gekaufter Glanz. Elena Ferrante lässt die fragile Situation im Italien der Achtziger durchscheinen, ins Rutschen gebracht durch die Wankelmütigkeit der Parteien, erschüttert vom Terror der Roten Brigaden.

Elenas Welt weitet sich in diesem Buch, sie reist erstmals in die USA. Lilas Welt dagegen scheint immer enger zu werden, doch kommen Politik, Gewalt und Drogen bis in ihr Umfeld. Die Grenze zwischen Elenas und Lilas Leuten ist oft eine Sprachgrenze. Die Übersetzerin Karin Krieger wählt dafür keine deutsche Mundart, sondern schreibt bei barschen Wortwechseln hinzu, wer „im Dialekt“ spricht.

Als Katalysator der Verhältnisse setzt Ferrante das Erdbeben vom November 1980 ein, das schwerste in der italienischen Nachkriegsgeschichte. Zwar ist danach die Freundschaft der beiden so stark wie lange nicht mehr, aber um sie herum bricht vieles auseinander. Elena fühlt sich stabil wie eine „Zirkelspitze, die immer still steht, während die Mine umherfährt und Kreise zieht“, Lila aber „setzte ein ganzes Heer von Dämonen zu“. Gelegentlich erinnert Elena als Erzählerin daran, dass sie mit Abstand zurückschaut, ihr lauerndes Beobachten der Freundin erklärt sich als Suche. Der erste Band begann mit Lilas Verschwinden. Hier liegen ein paar Fährten aus.

Am Ende bleiben Rätsel, Fragen. Es bleibt zugleich ein genauerer Blick auf Korruption, auf Gewalt, auf die Macht der Blender und die forterzählten Lügen in Familien. Die Tetralogie zeigt, was für eine geniale Erzählerin diese Elena Ferrante ist, über die Zeiten hinweg und hinein in die Psyche der Figuren. An der Oberfläche handeln ihre Bücher von einer Freundschaft, aber sie erzählen von so viel mehr, direkt und indirekt. Egal, ob hinter dem Autorennamen nun eine Frau steckt oder ein Paar, egal auf welches Konto die Tantiemen für diese Bücher gehen mögen: Die Literatur kann für sich allein sprechen. Am Ende weiß man wieder, warum Lesen so glücklich machen kann.

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