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Pia Lamberty und Katharina Nocun: „Gefährlicher Glaube“ - Radikale Entgiftungskur

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Von: Lisa Berins

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Die Prognose der Autorinnen: Der Einfluss der Esoterik nimmt zu. epd
Die Prognose der Autorinnen: Der Einfluss der Esoterik nimmt zu. © epd

Pia Lamberty und Katharina Nocun klären über die gefährliche Gedankenwelt der Esoterik auf. Von Lisa Berins.

Handauflegen, Schamanismus, Astrologie – Esoterik hat oft noch immer den Ruf, eine harmlose Spinnerei zu sein. Dass sie mehr als ein Randphänomen ist, dass sich magisches Denken in der Gesellschaft festsetzt – und das mit fatalen Folgen –, zeigen Pia Lamberty und Katharina Nocun in ihrem Buch „Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik“.

In ihrer umfassend recherchierten, fesselnden Analyse beschreiben die Psychologin Lamberty und die Publizistin Nocun nach ihrem Bestseller „Fake Facts“ (2021), wie stark Esoterik, Verschwörungsglaube und menschenfeindliche Überzeugungen zusammenhängen und welche Sprengkraft die Mischung für die Demokratie besitzt – was in drastischer Weise am Aufmarsch von Coronaleugnern und Impfgegnerinnen zu sehen ist. Das sind aber nur die offensichtlichen Auswüchse. Esoterik wächst in einer unaufgeklärten Gesellschaft weiter heran und schleicht sich in den Alltag: Man findet sie beim Einkaufen, beim Bäcker, in Apotheken, in Coaching-Seminaren.

Ein Besuch der Autorinnen im Biosupermarkt: Die Barcode-Verschwörung veranlasst zahlreiche Firmen dazu, den Code mittels eines Querstriches zu „entstören“, um einen angeblich schlechten Einfluss auf die Lebensmittel abzuwehren. Nach der Idee, Wasser könne mit Energien aufgeladen werden, bieten diverse Unternehmen „informiertes“, „belebtes“ oder „vitalisiertes“ Wasser an. Es gibt Bäckereien, die nur mit „belebtem“ Wasser backen. Und das Demeter-Siegel verpflichtet zum Anbau nach „biodynamischem“ Prinzip. Unter anderem werden mit Mist gefüllte Tierhörner eingesetzt, die kosmische Energie besitzen sollen. „Wer beim Einkauf im Supermarkt voll und ganz auf Esoterik verzichten will, muss ganz genau hinschauen“, heißt es.

In der Medizin werden esoterische Ideen in Form von „alternativen“ Behandlungsmethoden teilweise von den Krankenkassen unterstützt. Eine Grundannahme der Homöopathie ist es, daran erinnern die Autorinnen, dass sich „geistartige Stoffe“ in Präparaten durch kräftiges Schütteln und Verdünnen „potenzieren“ und „dynamisieren“ lassen. Apotheken verkaufen Zuckerkügelchen, die mit solchen Stoffen beträufelt sind, als Globuli. Wissenschaftlich nicht bewiesene Heilsversprechen und ein nicht näher definierter „ganzheitlicher“ Ansatz, der eine „perfekte Projektionsfläche“ sei, lockten die Kundschaft an. Das Perfide - neben schlimmen Auswirkungen auf Patienten und Patientinnen: Kritik vonseiten der Wissenschaft wird oft als Beweis für eine Verschwörung der „Pharmalobby“ interpretiert.

Das Buch

Pia Lamberty/ Katharina Nocun: Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik.

Quadriga. 303 S., 22 Euro.

Auf einer Esoterikmesse begeben sich Nocun und Lamberty in die Sphäre der Wahrsagerei, Persönlichkeitscoachings und Reinkarnationstherapien. Selbstoptimierung (und Geldmacherei) ist das Ziel. Gelingt eine Anwendung nicht, war man womöglich spirituell einfach nicht offen genug. Einen „Holistic Lifestyle“ propagieren auch spirituelle Influencer und Influencerinnen im Internet. In der Pandemie entwickelten sich Accounts, auf denen sich zuvor alles um den „eigenen Flow, spirituelle Selbstfindung und den Verkauf von Vitaminpräparaten drehte“, zu „Superspreadern von Falschinformationen“.

Abgesehen davon, dass solche Angebote Türöffner für weitere, gefährliche Ideen sein können (das Thema Sekten hat ein eigenes Kapitel), machen Nocun und Lamberty darauf aufmerksam, dass die Anbieter, selbst wenn sie gute Absichten verfolgten, die Tragweite ihrer Behandlung unmöglich absehen könnten.

Dass aber häufig keine „guten“ Gedanken hinter den esoterischen Ideen stehen, wird ebenso deutlich: Ihre Ursprünge reichen unter anderen in die Anthroposophie und Ariosophie zurück, eine „Braune Esoterik“ entstand. Noch heute sei die esoterische Gedankenwelt anschlussfähig für rechtsradikale und menschenverachtende Ansichten. Das Konzept des Karmas könnte zur Schuldumkehr und etwa zu der Annahme führen, die Shoah sei das Karma der Juden gewesen. Der Glaube an eine höhere Gerechtigkeit und die Fixierung auf das eigene Selbst führe zu einer gefährlichen Entpolitisierung. In Krisenzeiten seien die Menschen empfänglicher für Esoterik; die Befürchtung der Autorinnen ist deshalb: Der Einfluss der Esoterik wird zunehmen.

Eine große Stärke des Buches ist es, dass immer wieder die manipulativen Methoden und die Dynamiken in esoterischen Kreisen durchleuchtet werden: Es werden „psychologische Grundbedürfnisse angesprochen, die wir alle in uns tragen“. Niemand kann sich sicher sein, nicht selbst in die Falle zu tappen.

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