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Rachel Kushner „Harte Leute“: Tanzen auf der Klinge des Lebens

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Rachel Kushner. Foto: Gabby Laurent
Rachel Kushner. Foto: Gabby Laurent © Gabby Laurent

„Harte Leute“, die großartigen Essays von Rachel Kushner, erzählen von den 70er Jahren, aber auch von der Gegenwart der USA.

Wer verstehen will, was in den USA geschieht, der sollte Rachel Kushner lesen. Dieser Lehrsatz gilt, seit 2015 ihr Roman „Flammenwerfer“ in Deutschland erschien, um nicht zu sagen: einschlug. Klar, man kann sich Dutzenden soziologischen Studien widmen, über die gespaltene Gesellschaft, den „white trash“, die abgehängten Farmerfamilien und verarmten Menschen in den niedergehenden Industrieregionen, und was all das mit Donald Trumps Weg zur Macht zu tun hat. Temporeich, knapp, packend, bewegend und augenöffnend übernehmen das aber auch die literarischen Texte von Kushner. Gerade sind 20 Essays der mittlerweile 54-jährigen Autorin erschienen. „Harte Leute“ ist ein programmatischer Titel, ein guter Einstieg in ihr schriftstellerisches Universum.

Kushner wächst auf als Tochter armer Hippie-Eltern, die in den 70er Jahren mit einem umgebauten Bus durch die USA ziehen, sich schließlich in San Francisco niederlassen, im Sunset District, „zwischen Hippies und Heroin“, inmitten von „Ausreißern, Vietnam-Veteranen und anderen mit dem Leben ringenden Menschen“. Da ist Rachel elf, schlägt sich bald als Kellnerin und Verkäuferin durch. Streunt mit Gangs durch Straßen und Parks, lebt mit Leuten, die Musik machen, tätowieren, mit Drogen handeln. Bewundert insgeheim viele, die sie kennenlernt. Saugt alles auf. „Harte Leute“ eben.

Schon in ihrer Kindheit wurzelt die Leidenschaft für Motorräder und alte Straßenkreuzer. In Kalifornien fährt sie als Jugendliche ein illegales Langstreckenrennen durch Wüsten und Steppen. Ein schwerer Unfall tötet sie fast: „Eine so radikale Oberflächenveränderung beim Tempo 210, selbst wenn der neue Untergrund Sand ist, kann nicht folgenlos bleiben, und als ich vom Asphalt herunterfuhr, katapultierte mich das Motorrad in die Höhe. Meine Erinnerung an dieses Ereignis ist in Bilder zersplittert: Ich sehe den Reifen die Straße verlassen, und dann bin ich mitten in der Luft über dem Motorrad, davon getrennt, hoch über den Instrumenten und dem Lenker, und als nächstes ist da ein schneller Sturz und ein brutaler, dumpfer Aufprall, wohl mit dem Kopf, wie ich angesichts des enormen Kraters auf der Rückseite meines teuren Renn-Helms später ermitteln konnte. Ich werde wieder hochgeschleudert, mein Körper wird auf den Boden geknallt, mit dem Hüftknochen zuerst, und dieser vorstehende, verletzbare Knochen fühlt sich an, als wäre er zu einer Tüte Staub geworden. Dann hüpfe ich noch einmal kurz hoch und komme endlich trudelnd zum Liegen. Ich schrie in meinem Helm, gedämpfte Schreie, während der Schmerz in meinem Körper raste.“

So also schreibt Kushner und so geht es dahin über mehr als 300 Seiten. Harte Leute. Das sind für sie „Menschen, die auf der Klinge des Lebens tanzen“. Trucker, Prostituierte, Säufer. Sie schildert ihren Alltag. Der Titel des Buchs entstammt einer Zeile aus dem Song „White Room“ von Cream, den sie empfindet „wie einen übers kalte, stille Wasser hüpfenden Stein“. Da heißt es: „In the party she was kindness in the hard crowd“. Sie übersetzt das so: „Unter den harten Leuten war ich die Weiche.“

Sie lässt keinen Zweifel daran, dass der Kapitalismus diese Verwerfungen in der US-Gesellschaft provoziert: „Es heißt, der Kapitalismus beruhe auf dem System, eine Sache, die einem nicht gehöre, an jemanden zu verkaufen, der sie nicht haben wolle.“ Mit Kushner tauchen wir ab in eine Zeit, in der es möglich schien, in den USA das kapitalistische System zu überwinden. In den 70er Jahren in New York: Künstler und Schriftsteller wie William Burroughs und Marina Abramovic haben aus ihrer Sicht damals „befreite Zonen“ geschaffen: „Kunst war Freiheit.“ Wenn auch die Stadt heruntergekommen sei.

Das Buch ist auch eine Reise durch die Rockgeschichte, durch Konzerte, die „beängstigend, aber wegen der Gefahr, die sie verhießen, auch aufregend“ waren. Im Alter von neun die erste selbstgekaufte Platte: „Parallel Lines“ von „Blondie“, mit zehn bei den Rolling Stones im Candlestick Park, mit zwölf bei Black Sabbath im Cow Palace in Daly City. Im Alter von 18 Jahren geht sie als Austauschstudentin nach Italien, folgt dem Erben einer italienischen Reifen- und Motorrad-Dynastie, den sie liebt. Gerät in die Kämpfe der Roten Brigaden und in wilde Streiks hinein. Wieder scheint eine andere, eine gerechtere Gesellschaft möglich. Wieder wird sie enttäuscht.

Die Essays zeigen aber noch andere Seiten von Kushner. Reflexionen über US-Schriftsteller, die sie verehrt, wie Denis Johnson und Cormac McCarthy. Als Jugendliche verschlingt sie Johnsons Romane, wegen seiner „Leidenschaft für kaputte Menschen“ und weil er über Frauen schreiben konnte, Frauen, die „so komplex und angepisst“ waren wie Männer. Sie lobt McCarthy dafür, dass er „den amerikanischen Mythos der Eigenständigkeit und, weiterführend, der Individualität“ kunstvoll „pulverisiert“ habe.

Doch Kushner ist ehrlich genug zuzugeben, dass sie sich irgendwann vom harten Leben der harten Leute verabschiedet hat. In dem Moment, in dem sie Schriftstellerin geworden sei und über diese Menschen geschrieben habe. „Hart zu sein, heißt, Dinge von sich abperlen zu lassen, in der Gegenwart zu leben, nicht zu grübeln oder sich Sorgen zu machen.“ Schriftstellerin zu sein bedeute dagegen, „früher gegangen zu sein“. So, wie Kushner schließlich San Francisco verließ. Heute lebt sie mit Sohn und Ehemann in Los Angeles.

Also: Kushner lesen, auch ihren ersten Roman „Telex aus Kuba“ und den bisher jüngsten, „Ich bin ein Schicksal“, mit einer hoffnungslosen Protagonistin, die zu lebenslänglicher Haft verurteilt ist. Er eröffnet uns die beängstigende und düstere Welt der US-Gefängnisse. Aber das ist eine neue Geschichte.

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