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Schöne wässrige Gegend, auch sonst ist vieles im Fluss in „Der andere Ort“.
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Schöne wässrige Gegend, auch sonst ist vieles im Fluss in „Der andere Ort“.

„Der andere Ort“

Rachel Cusk: „Der andere Ort“ – Als wäre sie immer knapp daneben

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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„Der andere Ort“, Rachel Cusks meisterlich verrätselter Roman über eine verunsicherte Frau und ihren Versuch, etwas zu unternehmen.

Es gibt den Moment, in dem man womöglich doch denkt: Jetzt müsste einmal wieder etwas in mein Leben treten, das mich aus dem Einerlei reißt und entflammt, so angenehm und erfüllt dieses Einerlei sein mag. Es müsste also etwas sein, das anregender ist als, sagen wir: mein Mann.

Aber auch M, 50, sagt das selbstverständlich nicht. Stattdessen lädt sie den Maler L ein, für eine Weile zu ihnen aufs Land zu kommen. „Marsch“ wird die küstennahe Gegend genannt, aber nicht näher lokalisiert. „Wir führen ein einfaches sorgloses Leben“, schreibt M an L, und wer jetzt neugierig wird und sich Bilder des Hauses anschaut, das die sehr erfolgreiche kanadische Schriftstellerin Rachel Cusk und ihr Mann bis vor kurzem im Norden der englischen Grafschaft Norfolk besaßen, stellt sich die Frage, was M unter einem einfachen Leben verstehen mag. Und ob auch das jüngste Buch von Rachel Cusk autobiografischer sein könnte, als man meint. Nein, wohl nicht. Dazu gleich mehr.

M ist von L regelrecht besessen, wie ein der Einladung vorangehendes erstes Kapitel andeutet, dessen wiederum erster, spektakulärer Satz lautet. „Ich habe dir einmal erzählt, Jeffers, wie ich in einem Zug ab Paris den Teufel getroffen habe und wie nach dieser Begegnung das Böse, das für gewöhnlich ungestört unter der Oberfläche der Dinge schlummert, sich erhob und über jeden Bereich meines Lebens ergoss.“ In Paris war M, wie sie berichtet, und man hat noch keinen Grund, einen Zusammenhang herzustellen, in einer L-Ausstellung. Sie war gebannt von seinen Bildern, gebannt von dem Satz, der für sie über dem Ganzen stand: „Hier bin ich.“ Für M ein anspruchsvoller und lockender Satz. Aus ihrem Munde käme er nicht so leicht.

Das jüngste Buch von Rachel Cusk heißt „Der andere Ort“, ein, wie sich zeigt, trefflicher Titel. Auch wenn das Original, „Second Place“, jenes unangenehme (zerstörerische) Gefühl der Zweitrangigkeit enthält, das M durch ihr Leben begleitet. Der andere Ort, erklärt sie in der Übersetzung von Eva Bonné entsprechend, sei der, „der immer knapp daneben ist, aber genauso mühsam zu erreichen wie das eigentliche Ziel oder der Sieg, der mir dauerhaft verwehrt wurde durch eine Kraft, die ich nur die Kraft des Vorrangs nennen konnte. Ich würde niemals gewinnen oder ans Ziel kommen, ich würde mich immer an jenem anderen Ort wiederfinden ... .“ Ms Mann Tony stellt fest: „Für mich bedeutet es etwas anderes. Eine Parallelwelt. Eine andere Wirklichkeit“, denn Tony ist nüchtern und sehr vollständig. Er weigere sich, heißt es später, „das Leben als Spiel zu betrachten, und auf diese Weise stellt er andere bloß, die Spielchen spielen und ihre Vorstellung von der Realität aus der subjektiven Befindlichkeit der Spielenden ableiten“. Nachdem er L Modell gesessen hat, erklärt er lediglich: „Ich frage mich, warum der Mann sich nicht einfach umbringt.“

Denn L ist nach einigen Verzögerungen (Spielchen?) gekommen, er hat unangekündigt Brett mitgebracht, eine engelsgleiche Engländerin mit einer hängenden Unterlippe „wie ein Cowboy aus einem Comic“. Brett versteht es, andere vor den Kopf zu stoßen. Angereist für das Beziehungskammerspiel außerdem: Ms Tochter Justine aus erster Ehe, die sich mit der knapp älteren Brett anfreunden wird. Und Justines schöner, stattlicher, argloser Freund Kurt, der zwischendurch gerne Schriftsteller würde. Schon legt er mit dem Schreiben los, schon liest er einen langen Text vor. „Es ist wirklich viel zu lang“, sagt L. „Es ging nicht anders“, sagt Kurt „ein wenig steif. ,Aber jetzt ist es vorbei‘, sagte L. ,Und warum? Warum musste es so viel Zeit in Anspruch nehmen?‘ ,Wegen der Geschichte‘, antwortete Kurt sichtlich verwirrt. ,Das war nur der erste Teil.‘ L zog die Augenbrauen hoch und lächelte kurz. ,Meine Zeit gehört mir‘, sagte er. ,Überleg dir gut, was du den Leuten zumutest.‘“

Kurt will dann nicht mehr Schriftsteller werden. Rachel Cusks Gespür für die ungeheuerlichen Demütigungen des zivilisierten und kultivierten Lebens ist erneut überwältigend. Faszinierend auch, wie trocken M von der Szene berichtet, denn mit Abwertungen kennt M sich aus, „denn wie ich schon sagte, wurde ich mein Leben lang kritisiert und habe nur dadurch erfahren, dass ich da bin“. Ihr steht in dieser Hinsicht noch einiges bevor.

Das Buch

Rachel Cusk: Der andere Ort. Roman. A. d. Engl. v. Eva Bonné. Suhrkamp. 205 S., 23 Euro.

Seltsame Frau, M. Einerseits ist sie eine typische Cusk-Figur, mit der Themen aus der vorangegangenen „Outline“-Trilogie („Outline“, „Transit“, „Kudos“) wieder auftauchen: Das Frau- und das Muttersein, die Ambivalenzen von Selbstgefühl, Fremderwartungen, eingeimpften, pardon: anerzogenen Empfindungen.

Das Cottage, das M und Tony für L vorbereiten, sehe aus, meint Tony, wie für Justine gemacht. M winkt ab, denn sie hat nur für L Platz in ihrem Kopf, „und sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen. Gleichzeitig war ich fest entschlossen, mich nicht berauben zu lassen. Diese beiden Gefühle treten immer als Paar auf, wie um mich noch wirkungsvoller zu lähmen und zu behindern. Sie haben mich von Anfang an belastet, seit Justine auf die Welt kam und offenbar dort sein wollte, wo ich mich befand, bloß dass ich früher da gewesen war. Nie hatte ich mit dem Gedanken Frieden schließen können, dass man, kaum hat man sich von der eigenen Kindheit erholt, aus der Grube befreit und zum ersten Mal das warme Licht im Gesicht gespürt, seinen Platz an der Sonne für ein Baby aufgeben soll, das natürlich auf keinen Fall dasselbe erleiden darf wie man selbst, und so kriecht man in die nächste Grube hinunter, bloß dass es diesmal die Grube der Selbstaufopferung ist!“

Das sind verschlungene, unnoble Gedankengänge, die Rachel Cusk, Meisterin des weiblichen Unbehagens, in ihrer schonungslosen Klarsicht in Worten zu fassen bekommt. Man kann sie zurückweisen, man wird sie persönlich sogar ganz bestimmt zurückweisen, aber sie werden dadurch nicht unwahrer.

Trotzdem, und das ist das große Andererseits auch mit Blick auf M, wirkt vieles um M herum eigentümlich altmodisch. Sei es die Selbstverständlichkeit, mit der L nicht auf Google-Maps einmal die Lage des Hauses anschaut, zu dem er reisen könnte. Sei es, dass Tony die Kleider seines (praktischerweise gleichgroßen) Vaters und (ebenfalls gleichgroßen) Großvaters weiterträgt. Sei es, dass das Bild, das „Der andere Ort“ vom Wesen des Künstlerseins im Gegensatz zum „gewöhnlichen Menschen“ malt, doch recht konventionell ist. Außerdem stellt sich die Frage, wer „Jeffers“ ist, der Angesprochene aus dem ersten Romansatz, an den sich Ms Worte auch weiterhin richten.

Nun, all dies löst Rachel Cusk am Ende des Buches auf, wenn sie uns die Mitteilung macht, dass „Der andere Ort“ ihre Version eines anderen Buches ist. Die amerikanische Mäzenin und Autorin Mabel (M) Dodge Luhan (1879-1962) erzählte in „Lorenzo in Taos“ von der Zeit, die der englische Schriftsteller D. H. Lawrence (L) 1922 in ihrem Haus in Taos, New Mexico, verbrachte. Den Poeten Robinson Jeffers setzt sie als Adressaten ihres Berichts ein.

„Der andere Ort“ ist also eine Überschreibung, das verändert alles, löst Rätsel auf, schafft neue – denn was genau hat Cusk übernommen, auch an M-Zitaten und schönen Sentenzen? „Das Böse stirbt nie, schon gar nicht aus Reue.“ Vor allem zieht es einen doppelten Boden ein. Der für ein deutschsprachiges Lesepublikum womöglich noch verblüffender ist als für ein englischsprachiges, das von dem originellen Haus in Taos, einer sehr anderen Gegend als ein Marschland in Küstennähe, immerhin gehört haben mag.

Tatsächlich ist es aber vor allem eine Bereicherung, ein doppelter Boden (und der doppelte Fall, wenn es sich, wie hier, durchaus um einen Abgrund handelt). Es ist das Geheimnis, das auch ein Bild begleiten kann, unter dem etwas anderes durchschimmert, den Film, in dem man das Remake erkennt, ohne es zuordnen zu können. Man merkt nur, dass es da noch eine Schicht gibt.

Und auch als Geschichte einer unsicheren, verunsicherten Frau gewinnt „Der andere Ort“ dadurch weiter an Fahrt. Denn wie viel genau in M gehört in eine andere Welt, andere Zeit? Ist es eine Frau von gestern, die beim Blick auf ihren lange kultivierten Selbsthass sagt: „Ich sah ein Monster“. Zugleich passt es zum Leben, dass es weitergeht, trotz allem. Dieses Buch ist ein Geschenk, in mancherlei Hinsicht.

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