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Rachel Cusk: „Coventry“ – Was genau wir eigentlich beklagen

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Von: Judith von Sternburg

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Rachel Cusk in Barcelona, 2021.
Rachel Cusk in Barcelona, 2021. © Imago

„Coventry“: Großartige Essays von Rachel Cusk über Familie und Ehe, Enthemmung und Problemlösung, Brexit und Jesus.

Die Essays von Rachel Cusk sind in englischsprachiger Tradition lange, ruhige, entspannt und privat wirkende Gedankengänge. Die Belesenheit, ohne die das nicht möglich sein kann, drängt sich nicht auf. Die Texte fußen auf der Beobachtung und auf den Überlegungen, sie sind originell, pointenreich und gelegentlich erschütternd. Wenn die Autorin vor Schonungslosigkeit im Umgang durchaus warnt, so gilt dies offensichtlich nicht für das Schreiben, wobei das Schonungslose nichts anderes ist als das Zu-Ende-Denken und das Hinschreiben. Keine Dramen, sondern schlichte Wahrheiten und – je nach eigenem Standpunkt – mehr oder weniger scharfe Provokationen. Sie treffen ins Zentrum des gesellschaftlichen Geschehens.

In „Autofahren als Metapher“ geht es neben vielem anderen um die vertraute Klage, früher habe ein Kind noch auf der Straße spielen können, heute sei das viel zu gefährlich. Nun besteht die Gefahr aber nicht in Form von, sagen wir: giftigen Schlangen (das ist nicht Cusks Vergleich, es soll nur rascher deutlich machen, worum es geht), sondern von Autos, gesteuert von jenen, die eben noch geklagt haben. Und auch die Kinder werden wohl Auto fahren wollen, sobald sie groß genug sind. „Genau genommen wird also weniger der Untergang der alten, freieren Welt beklagt als vielmehr die Existenz von Annehmlichkeiten, denen der Einzelne nicht widerstehen kann und deren Abschaffung sich ohnehin niemand ernstlich wünscht.“

In „Danach“ geht es neben vielem anderen um die Schriftstellerin als Feministin, also um die Schriftstellerin, die sich als Feministin bezeichnet, jedoch: „Ich war wie meine Mutter, nur andersherum. Was ich als Feminismus lebte, war in Wahrheit eine Ansammlung männlicher Werte, die meine Eltern und andere Menschen mir in bester Absicht vermacht hatten ...“

2019, in einer anderen Welt

Das Buch

Rachel Cusk: Coventry. Essays. A. d. Eng. v. Eva Bonné. Bibliothek Suhrkamp, Berlin 2022. 160 Seiten, 21 Euro.

Wer schwungvoll denkt, geht das Risiko ein, frustriert zu werden. Aber die Vorteile überwiegen. „Coventry“ heißt der schmale Band mit sechs Essays, 2019 ist er auf Englisch erschienen – in einer umfangreicheren Fassung, die, so Suhrkamp, auf Wunsch der Autorin verkleinert wurde –, in einer anderen Welt, wie sich im Sommer 2022 sagen lässt. Die Folge kann aber nur sein, die Texte mit besonderer Aufmerksamkeit zu lesen. „Über manche Ereignisse im Leben kann es kein Vorwissen geben, beispielsweise über Krieg.“ Auch die Welt, in der Cusk, 1967 in Kanada geboren, in England und Frankreich lebend, über Autos, Wohnungseinrichtungen, pubertierende Kinder, das Schweigen, Reden und Schreien in der Ehe nachgedacht hat, ist längst fragil. Wobei – wie alles hier kommt einem das bekannt vor – keiner freiwillig darauf reagiert.

Eine Situation des Abwartens. „Für mich, die noch nie auf die Probe gestellt wurde, die weder Hunger noch Krieg, keinen Extremismus und noch nicht einmal Diskriminierung erlebt hat und deshalb nicht genau weiß, ob sie wahr oder falsch, mutig oder feige, selbstlos oder eigennützig, rechtschaffen oder verführbar ist, könnten gute Umgangsformen eine nützliche Orientierungshilfe sein“, schreibt Cusk in dem unter den erstaunlichen Texten allererstaunlichsten Text mit dem schönen Titel „Über Unhöflichkeit“. Es ist nicht auszuschließen, dass ein solcher Titel einem in England eher einfällt, aus mehr als einem Grund. Unhöflich ist zunächst die raunzende Frau an der Sicherheitsschleuse des Flughafens – sie ist für Cusk aber nicht bloß ein anekdotischer Ausgangspunkt, sondern der Kern des Ganzen, das sich an diversen Stellen und in diversen Formaten zeigt. „Die Unhöflichkeit ist ein Akt der Enthemmung“, erklärt Cusk, „wie eine Droge verschafft sie den Betroffenen das Gefühl, auf triumphale Weise Gefängniswärtern entkommen zu sein, die für den Rest der Welt nicht existieren.“

Jesus blieb höflich

Bei Jesus war es übrigens anders – „während der Kreuzigung blieb er meistenteils höflich“ –, beim Brexit hingegen genau so: „In den Wochen vor der Abstimmung glich der Umgang der späteren Wahlsieger mit der Sprache dem eines kleinen Kindes mit Sprengstoff“, schreibt Cusk, eine Meisterin der starken Vergleiche, „offenbar hatten sie überhaupt kein Bewusstsein für deren Gefährlichkeit oder Wirkmacht. Sie verwendeten beliebig interpretierbare Ausdrücke wie ,sich das Land zurückholen‘ oder ,die Kontrolle wiedergewinnen‘. Nun beklagen sie sich, sie würden als rassistisch, fremdenfeindlich oder ignorant missverstanden. Sie wollen den Streit möglichst schnell beilegen und das Feld der Sprache verlassen, auf dem sie nichts erwarten würde als die vertrackte Aufgabe einer genauen Analyse.“ Dazu passe der „plumpe Satz, und er ist bezeichnend unhöflich: ,Ihr habt verloren, findet euch damit ab.‘“

Geht es in den Essays von Rachel Cusk häufig um das Leben als Frau? Es geht um das Leben in unserer (liberalen, verunsicherbaren, womöglich doch untergehenden) Welt. Frauen, die Essays schreiben – und das haben sie nicht immer in großer Zahl und hoher Auflage getan –, erweitern lediglich den Horizont für alle. Wobei der Titelessay auf eine englische Redewendung verweist, „jemanden nach Coventry schicken“, jemanden ignorieren und schneiden, eine in der Tat typische verachtungswürdige Unter-Mädchen-Bestrafungsmethode.

Die Übersetzung von Eva Bonné wirkt so schwungvoll und exakt wie Cusks Gedanken. Dass das Englische noch durchzuhören ist, dass es nicht wegidiomatisiert wurde, lenkt in diesem Fall nicht ab, sondern bringt die Autorin noch näher, ist also ausschließlich ein Vorteil.

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