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Rachefilme

Repräsentation und Multikulturalismus sind die Themen des vierten Band der Stuart-Hall-Schriften

Von GOTTFRIED OY

Die Cultural Studies, begonnen als Kritik eines ökonomiezentrierten Marxismus von links, sind heute etablierte kulturwissenschaftliche Methodik. Ihr "eingreifend-politisches Selbstverständnis" sei jedoch zugunsten bloßer dekonstruktivistischer Lektüre populärer Texte verloren gegangen - so die Klage von Juha Koivisto und Andreas Merkens, Herausgeber des vierten Bandes der Stuart-Hall-Schriften. Diese in loser Folge erscheinende Reihe hat sich zum Ziel gesetzt, einer entpolitisierten Cultural Studies-Rezeption Originaltexte eines ihrer berühmtesten Vertreter, zum größten Teil in deutscher Erstübersetzung, entgegenzusetzen - und so auf deren immens politischen Charakter zu verweisen.

Halls Bekanntheitsgrad ist auch 25 Jahre nach seiner Zeit als Direktor des berühmten Centre for Contemporary Cultural Studies an der Universität Birmingham kaum verblasst. Der nun seit sieben Jahren emeritierte Soziologieprofessor mischt sich weiterhin aktiv etwa in das politische Geschehen als Kritiker von New Labour oder in die sozialwissenschaftliche Debatte als profunder Globalisierungstheoretiker ein. Inzwischen ist aber mehr vom "theoretischen Vermächtnis" der Cultural Studies die Rede, als von ihrem aktuellen Stellenwert.

Das Geheimnis des Dekodierens

Doch gerade vor dem Hintergrund der nun auch mit einigen Jahren Verzögerung im deutschsprachigen Raum beginnenden Debatte um Postkolonialismus lohnt sich die Lektüre von Halls Texten zu Ideologie, Identität und Repräsentation, wie sie der vierte Band der Schriften versammelt. Er enthält neben ideologietheoretischen Grundlagentexten aus der marxistischen Debatte der 1970er- und 1980er-Jahre mit "Kodieren/Dekodieren" einen seiner berühmtesten Texte, ergänzt um ein Interview über Probleme der Publikumsforschung, empirische Analysen wie eine Studie über Repräsentationspolitik und politische Stellungnahmen etwa zur mannigfaltigen Verwendung des Multikultur-Begriffes.

In den "Reflektionen über das Kodieren/Dekodieren-Modell" gibt Hall einige Hinweise auf den Kontext der Entstehung seines Ansatzes, der in den 1970er Jahren die Medienwirkungsforschung durcheinander wirbelte. Zentrales Argument Halls in "Kodieren/Dekodieren" ist, dass es keine fixierten Inhalte der Medien gebe. Von einer affirmativen, über eine kritische, bis hin zur oppositionellen Lesart würden ihre Botschaften bis zu einem gewissen Grad von unterschiedlichen Rezipienten mit je unterschiedlichem Sinn gefüllt.

Methodisch und politisch richtete sich sein Text gegen die Unilinearität der meisten Modelle der Rezeptions- und Wirkungsästhetik sowie den Determinismus des marxistischen Basis-Überbau Modells. Zudem war die Öffnung des Politikbegriffes hin zu Kultur beabsichtigt. Wirkungsgeschichtlich blieb das Modell jedoch jenseits von Theoriedebatten unbedeutend, selbst ein eigener Versuch Halls, daran weiterzuarbeiten, scheiterte an der mangelnden Finanzierung. Die Cultural Studies sollten sich in der Folge von der Medienwirkungsforschung weg und hin zu Literaturtheorie, Film, Psychoanalyse, Feminismus und Poststrukturalismus weiterentwickeln.

Eine der politischen Ausgangsfragen Halls ist die Suche nach einer neuen Politik der Repräsentation, die sich überlieferten, rassistischen Darstellungen verweigert. Eine historisch fundierte "grundlegende rassische ?Grammatik der Repräsentation'" bestehe bis heute fort. Ohne allseits bekannte Stereotype vom einfältigen, aber braven "Onkel Tom" bis zu den bösen "Bad Bucks" komme beispielsweise kaum ein Spielfilm aus. Das "rassisierende Repräsentationsregime" wurde erstmals mit der Bürgerrechtsbewegung und durch die "Blaxploitation"-Filme der 1970er-Jahre erschüttert.

Diese "Rachefilme", so Hall, operierten mit einer einfachen Umkehrung der Bewertung alltagskultureller Stereotypen. Endlich konnte einmal über den "Whitey" gelacht und der schwarze Held bewundert werden - jedoch um den Preis eines schwarzen Machismo-Kults. Dieser sollte schließlich durch den Versuch einer "positiven Bildsprache" gebrochen werden, die politische Künstlerinnen und Künstler aus der Darstellung des differenten, schwarzen Alltags gewinnen wollten. Hall präferiert diese modernen Formen künstlerischer Repräsentation und spricht von dem politischen Ziel, Repräsentation von "innen" heraus verändern zu wollen.

Zukunft des Multikulturalismus

Hall beschäftigt sich zudem mit den Effekten des Multikulturalismus auf das westliche politische System: er zersetze die traditionellen Kategorien Rasse und Ethnizität, er etabliere ein verändertes Verständnis von Kultur und erschüttere schließlich die Grundlagen der politischen Theorie und des liberalen Staates. Hall geht es um die Überwindung der Dichotomie von Gleichheit und Differenz, eine der zentralen Grundlagen der europäischen Ideengeschichte. So, wie schon Adorno einforderte, für eine Welt zu kämpfen, in der man "ohne Angst verschieden" sein könne, so sieht auch Hall die Zukunft eines demokratischen Multikulturalismus in der Durchsetzung von Freiheit und Gleichheit in Anerkennung der Differenz. Ein hehres Ziel, dem der politische Wind mehr denn je gehörig entgegenpfeift.

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