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Neben reportageartigen Graphic Novels zeichnet Delisle, der seit 1991 mit Frau und zwei Kindern in Frankreich lebt, auch lustige Comicstrips über sein Leben als Vater. Sein bereits vierter „Ratgeber für schlechte Väter“ ist jetzt auch auf Deutsch erschienen (Reprodukt, 200 Seiten, 12 Euro).

Interview

Comic-Autor Guy Delisle: „Das war Nordkoreas Rache für mein freches Buch“

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Der Comic-Autor Guy Delisle über den Erfolg mit seinem ersten ernsthaften Buch und die Rückkehr ins komische Fach.

Guy Delisle, 1966 in Quebec geboren, gilt als „weltgewandtester Comicautor der Gegenwart“, wie es ARD-Literaturkritiker Dennis Scheck ausdrückt. Delisle studierte Kunst in Toronto und arbeitete ab 1986 für verschiedene Zeichentrickstudios – seit 1989 in Europa.

Den internationalen Durchbruch schaffte er 2000 mit „Shenzhen“, das in autobiografischen Vignetten von seinem Leben als Supervisor bei der Produktion einer westlichen Zeichentrickserie in China erzählt. Der Nachfolge-Band „Pjöngjang“ spielt nach demselben Muster in Nordkorea.

Mister Delisle, mit Ihren humorvollen Reisecomics aus China, Nordkorea, Myanmar und Israel gehörten Sie zu den Mitbegründern der Comic-Reportage. Mit „Geisel“, das die wahre Geschichte einer Geiselhaft in Tschetschenien erzählt, wechselten Sie erfolgreich ins ernste Fach. Nun ist der 4. Teil Ihrer ironischen „Ratgeber für schlechte Väter“ erschienen. Hatten Sie nicht angekündigt, damit aufzuhören?
Unverhofft kommt oft: Ein Magazin hatte mich um eine Geschichte gebeten, als ich von der Lesereise mit „Geisel“ aus Deutschland heimkam. Mir fiel gleich die Episode ein, wie ich in Leipzig einsam im Hotelzimmer saß und ich meinen Kindern zu Hause in Montpellier am Telefon von meiner tollen Tour vorschwärmen wollte – sie mich aber abwürgten, um mit Freunden oder am Computer zu spielen. Nicht mal die Süßigkeiten, die ich als Souvenir versprach, halfen. Aus Frust habe ich die dann selbst verspeist. Die Geschichte zeichnete sich von selbst. So ging’s wieder los.

Im neuen Buch erzählen Sie, wie Sie Ihre Tochter im Buchladen vergessen, Ihren Sohn mit Computerspielen von den Hausaufgaben ablenken und die Kinder zu Komplizen Ihrer Lügen machen. Ist Ihr Nachwuchs sauer, wenn er so die Wahrheit erfährt – oder froh, weil Sie so Ihre Autorität untergraben?
Meine Kinder lieben die Geschichten. So sehr, dass Sie manchmal versuchen, sich neue auszudenken. Es wäre natürlich super, wenn sie ein paar gute Ideen hätten – leider sind die meisten völlig unbrauchbar. Was ich ihnen auch sofort sage, um meinen Ruf als schlechter Vater zu wahren.

Schon als Student veröffentlichte Guy Delisle eigene Comics, seit er nach Frankreich zog, begann er für den unabhängigen Verlag L’Association wieder damit.

Ihr Deutschland-Besuch war eine Rückkehr: In den Achtzigern lebten Sie sogar schon einmal hier. Wie war das Wiedersehen?
Es hat mir sehr gefallen, auch wenn ich fast nichts mehr wiedererkannte. Ich denke gern daran zurück, wie ich hier mein erstes Jahr außerhalb Kanadas verbrachte: ein halbes Jahr in München, ein halbes in Berlin, als Zeichner am ersten „Werner“-Film. Das war 1989, eine aufregende Zeit, um in West-Berlin zu leben – gerade, als die Mauer fiel.

Die perfekte Vorlage für einen Ihrer autobiografischen Comics.
Darauf wäre ich damals nie gekommen. Ich weiß: wie dämlich! Aber seinerzeit zeichnete noch kein Mensch Graphic Novels über solche Erlebnisse. Erst, als ich später nach Frankreich ging, entdeckte ich das Magazin des Indie-Verlags L’Association, der mit Lewis Trondheim und Marjane Satrapi berühmt wurde. Da wollte ich unbedingt erscheinen – und zeichnete ein paar autobiografische Strips. Später kam ich aus China mit Unmengen Reisenotizen zurück – genug fürs erste Buch. Ich merkte, wieviel Spaß es bringt, einfach sich selbst an diesen Orten zu zeigen, von denen Journalisten kaum berichten können.

20 Jahre lang zeichneten sie diese Einblicke in kurzen Episoden mit viel leisem Humor. Bis Sie „Geisel“ vorlegten: Ein 400-Seiten-Opus über die Leidensgeschichte eines Dritten – ohne Gags, in realistischem Stil. Wollten Sie endlich mal mehr als komisch sein?
Ich war fasziniert von dieser fast unbekannten Geschichte, die mir Christophe Andre – ein Kollege meiner Frau bei „Ärzte ohne Grenzen“ – über seine Geiselhaft in Tschetschenien erzählte. Anfangs haderte ich damit, jemand anderen sprechen zu lassen, auch weil ich Subjektives und Gags weglassen musste. Es wurde besser, als Christophe jede Seite als authentisch abgenickt hatte. Denn ich wollte ja kein amüsantes Buch zeichnen, sondern seine Geschichte erzählen. Dazu passte auch mein Cartoon-Stil nicht. So wurde es ein echter Marathon! Als ich fertig war, litt ich fast an Wochenbettdepression – da kam die Lesetour gerade recht.

Aus dem auf einer wahren Geschichte beruhenden „Geisel“.


In Ihrem Nordkorea-Album gehen Sie auch der Frage nach, ob es wirklich möglich ist, dass die Nordkoreaner die Propaganda ihrer Regierung glauben. Hat sich diese Frage relativiert, seit Donald Trump mit „Alternativen Fakten“ und Fox-News-Propaganda regiert?
Tatsächlich musste ich an die Parallelgesellschaft in Nordkorea denken, als Trump und der Brexit kamen: In Nordkorea werden die Menschen ja von Informationen aus dem Rest der Welt abgeschottet – und arrangieren sich damit, weil es ohnehin gefährlich ist, das zu hinterfragen. Im Westen droht dir natürlich keine Gefahr – aber der Effekt ist ähnlich, wenn man sich nur Nachrichten aussetzt, die die eigene Weltsicht bestätigen: Man kann von allen möglichen Seiten leicht manipuliert werden.

Vor ein paar Jahren sind auch Ihre Comics in der Weltpolitik gelandet: Nachdem nordkoreanische Hacker Daten von Sony Pictures erbeuteten und die Premiere einer Anti-Nordkorea-Komödie nach Drohungen ausfiel, stoppte das Hollywood-Studio New Regency kurz vor Drehstart die Verfilmung Ihres Nordkorea-Buches. Dabei wären Sie von Steve Carell gespielt worden, und „Fluch der Karibik“-Regisseur Gore Verbinski hätte Regie geführt.
Es war irre. Sogar Obama als Präsident hat Hollywood für das Einknicken kritisiert. Leider war nichts mehr zu machen, das Studio kann frei entscheiden und hat das Projekt beerdigt. Und das alles zwei Wochen, bevor ich den endgültigen Vertrag unterschrieben hätte und das Geld geflossen wäre! Ich schätze, das war wohl Nordkoreas Rache für mein freches kleines Buch (lacht). Diese Bastarde!

Interview: Steven Geyer

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