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Die Autorin Nele Pollatschek auf der Frankfurter Buchmesse
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Die Autorin Nele Pollatschek auf der Frankfurter Buchmesse

Junge Autoren 2016: Nele Pollatschek

Das Rabenmutterparadoxon

Nele Pollatschek schreibt ihr Debüt über das Pech der eigenen Geburt, Ungerechtigkeit und Wahrscheinlichkeitstheorien. Gleichungen müssen Sie aber nicht lösen.

Von Jana Weiss

Wahrscheinlichkeitsrechnung ist eine komplizierte Sache. Zum Glück braucht man aber keine besonderen Kenntnisse in Stochastik, um Nele Pollatscheks Debütroman „Das Unglück anderer Leute“ zu verstehen. Ob es nun das Schicksal, der Zufall (Wahrscheinlichkeit) oder ein Gott ist, der am Ende bestimmt, wem wie viel Glück oder Unglück zufällt, kann auch die junge Autorin nicht erklären. „Die Menschen denken immer, dass etwas nicht passiert, nur weil es unwahrscheinlich ist“, sagt sie. „Dabei bedeutet es ja gerade, dass die Möglichkeit besteht.“

Man kann nicht alle gleich lieben

Pollatschek promoviert in Oxford zum Thema des Bösen in der Literatur. In ihrem Roman geht es um Thene, die zwischen Oxford und Heidelberg hin und her pendelt. Die exzentrische Mutter macht Thene und ihrem kleinen Bruder, der Zauberkünstler ist, das Leben zur Hölle.

Das Böse in ihrem Buch sei jedoch keine Person, sagt Pollatschek, „sondern das Zusammenspiel von Zufall und Wahrscheinlichkeit – die Dinge, auf die man keinen Einfluss hat. Das fängt mit der Geburt an. Niemand kann sich aussuchen, wo er oder sie hineingeboren wird. Diese familiäre Disposition beeinflusst aber das ganze weitere Leben: Kinder, die von ihren Eltern geschlagen werden, schlagen oft selbst ihre Kinder, Kinder von Rauchern werden selbst zu Rauchern und so weiter.“ 

Pollatschek wurde 1988 in Ost-Berlin geboren, zog nach der Wende aber mit ihren Eltern in den Westen. Auch darum geht es im Roman: der Verlust von Heimat. „Die Menschen aus der DDR haben ihre Heimat für immer verloren. Den Ort, an dem sie aufgewachsen sind, gibt es so nicht mehr. Die Dinge, die sie in der Schule gelernt haben, waren von einem auf den anderen Tag nicht mehr richtig.“ Der Kommunismus findet sich im Roman auch in der Person der Mutter Astrid wieder. Die liebt alle Menschen genauso wie ihre Kinder. Für ihre Kinder bedeutet das jedoch, gar nicht geliebt zu werden. „Denn zu sagen: ‚Ich liebe dich’, impliziert in unserem Verständnis immer: ‚Ich liebe dich mehr als andere’.“ Astrid ist Heilige und Rabenmutter zugleich.

Kollidierende Welten

Mit ihrer Protagonistin hat Nele Pollatschek nicht nur Geburts- und Studienort gemein. „Aber ich bin im Gegensatz zu Thene ein sehr glücklicher Mensch. Da so jemand als Heldin aber langweilig ist, hat sie weniger Glück als ich, ein anderes Temperament und eine schlimmere Familie“, sagt Pollatschek.

Thenes Charakter ist distanziert, analytisch. Was sie nicht versteht oder ihr ungerecht erscheint, versucht sie, durch Logik greifbar zu machen. Aufgewachsen in einer Familie, in der es niemand so genau nimmt mit der Wahrheit, holt sie sich Naturwissenschaften, Soziologie oder Medienanalyse zu Hilfe. Die Zaubertricks des kleinen Bruders sind eben nur das: Tricks. Doch irgendwann kollidieren die beiden Welten, in denen Thene sich bewegt. Die Magie pfeift auf Wahrscheinlichkeiten, die Fiktion auf die Realität. Und die Wahrheit ist sowieso ein dehnbarer Begriff.

Mit Witz und Schwung beschreibt Pollatschek die skurrilen Ereignisse im Leben ihrer Heldin. Dabei treibt sie es bisweilen ein wenig zu weit, es bleibt kaum eine Verschnaufpause vom Hass, den Thene gegenüber ihrer Mutter hegt. Dabei hat der Roman seine schönsten Momente, wenn die Protagonistin einen Schritt zurücktritt, und sich selbst und ihrem Publikum die Welt erklärt. Zum Beispiel, dass der Zufallsmodus beim iPod gar nicht zufällig ist. Weil den Menschen der Zufall nicht zufällig genug erscheint.

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