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Die Puppe aus der Hand gelegt

Clemens und Bettine Brentano: Eine romantische Geschwisterliebe, dargestellt von Hartwig Schultz

Von ALEXANDER VON BORMANN

Die Geschichte der Geschwister Clemens und Bettine Brentano ist ein dankbares Thema. Hartwig Schultz, ausgewiesener Brentano- und Romantik-Kenner, hat es erneut bearbeitet. Er konnte aus einem umfangreicheren Material schöpfen als seine Vorgänger und zeigt sich doch als dessen Meister. Die geflissentlichen Anspielungen, als ob diese Geschwisterliebe bis zum Inzest gegangen sei, dienen wohl eher der Vermarktung. Einen Beleg, ein Zeugnis, eine Wahrscheinlichkeit gibt es hierfür nicht.

Die Geschwister wuchsen relativ getrennt auf, die Brentano-Familie war groß: Frankfurter Großhandelsleute aus Italien mit weitverzweigten Geschäftsbeziehungen. Die Mutter Maximiliane war die Tochter der Erfolgs-Schriftstellerin Sophie von La Roche. Maximiliane fand fünf Kinder aus erster Ehe vor, als sie Peter Anton Brentano heiratete, dem sie dazu noch zwölf Kinder gebar. Im Frankfurter "Haus zum Goldenen Kopf" ging es zu wie in einem Taubenschlag, doch traf man sich eher zu den Familientagen. Viele der Kinder wuchsen in verwandten, befreundeten oder Pflege-Familien auf.

Eine so große Wendung

So ist die überraschende Begegnung der dreizehnjährigen Bettine mit dem zwanzigjährigen Studenten Clemens durchaus glaubhaft. "Ich hielt dich für einen fremden Mann", schrieb Bettine später. Sie legte die Puppe weg, mit der sie noch gespielt haben soll, und notiert in ihrem Erinnerungsbrief: "Ich wollte die Puppe nicht mehr, ich wollte nur Dich. Ach das war eine große Wendung in meinem Schicksal..." Das ist überschwängliche Teenager-Sprache von damals, aber kein Grund für denunziatorische Anspielungen. Clemens hatte in Jena die frühromantischen Ideen eingesogen, und eine Neubestimmung der Liebe gehörte dazu, vor allem das Recht auf eine selbstbestimmte Lebensführung und die Kritik der Autoritäten. Clemens besuchte die 15jährige Schwester in Offenbach bei der Großmutter La Roche. Schultz schreibt: "Ob die Großmutter auch einen Blick durchs Schlüsselloch riskierte, wenn Clemens zu Besuch in Offenbach war? Wir wissen es nicht und können auch nicht sagen, was sie dann gesehen hätte." Wovon man nichts weiß, davon soll man schweigen und nicht schwüle Vermutungen zu wecken suchen. Schade, dass der Autor das Spiel mit dem Eros nicht nuancierter zu fassen weiß.

Mit wie viel Takt und Bildung umschreibt hingegen die junge Bettine hingegen ihr besonderes Verhältnis zum Bruder: "Was ist diese Liebe, die mir so nahe geht, unsre Lieb aber ist außerkohren, und groß und herrlich vor allen andern, die Erde aber ist ein großes Bett, und der Himmel eine grose freudenreiche Decke aller Seeligkeit, Clemens, Was sehnst du dich nach mir, wir schlafen in einem Bette." Zeitlebens blieb zwischen den beiden Geschwistern, Kuckucksjungen im Nest der Frankfurter Kaufleute, ein ganz besonderes Verhältnis erhalten, auch wenn es zu jahrelangen Pausen im Austausch und auch Entfremdungen kam. Schultz betont: "Die Entwicklung von einem kleinen verliebten Mädchen, das seinen älteren Bruder verehrt und anhimmelt, zu einer eigenwilligen jungen Frau vollzieht sich in der Zeit dieses Briefwechsels." Immer wieder betont Bettine, wie sie sich später nennt, ihre Eigenständigkeit, den "Adel des freien Willens" in ihr.

Die Freundschaft mit der etwas älteren Dichterin Karoline von Günderrode kam hinzu. Auch machte Clemens sie mit seinen Freunden bekannt, darunter Achim von Arnim, ihr späterer Ehemann. Wenn Bettine ihrem Bruder versichert: "denn Du und ich sind außer aller Ordnung", so ist das im goethisch-prometheischen Sinne gemeint, als Bewusstsein der Eigenmacht, der Ermächtigung, Ordnungen auch kritisieren und neu setzen zu können, ein zentrales Theorem des Sturm und Drang. Hingegen findet es Schultz wiederum nötig, vom "Liebespaar im ersten Rausch" zu raunen.

Ganz im Geiste Rousseaus bemerkt Bettine früh die Lügen, auf denen die herrschende Ordnung aufruht, und sie klagt: "Ach! wo soll ich in der ereignißvollen Welt meinen Faden anknüpfen wenn das Einfachste gegen den Anstand ist! - Wer hat diese Lügen gemacht? - denn das sind wirkliche Lügen nach denen ich mich niemals richten werde!"Das Leben der beiden hochbegabten Geschwister erzählt sich wie ein Roman. Freilich ist es ein Diptychon, ein Doppelroman, denn bei aller Ähnlichkeit der Charaktere sind die Lebensentwürfe doch zu verschieden, sie lassen sich kaum parallel beschreiben. Das überreiche Material wird von Schultz klug disponiert aufbereitet und unterhaltend dargestellt.

Die Ehen von Clemens lassen diesen im wesentlichen unmündig bleiben. Auch Bettine hat ihre Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden. "Wenn ich mich nur finden könnte", hatte Bettine 1809 an den Freund und späteren Ehemann Achim von Arnim geschrieben. Sie versuchte es mit einer Annäherung an Goethe, der sich die handgreiflichen Schmeicheleien der jungen Frau durchaus gefallen ließ. Sie schwärmte gleichzeitig für einen Tiroler Freiheitshelden, was Arnim, 1809 noch unverlobt, durchaus kritisch kommentiert.

Die Briefäußerungen Arnims zeigen diesen übrigens als intellektuell und moralisch stärksten in der Dreierrunde. Zu Bettines Versuchen, fast unterschiedslos alle Leute von Bedeutung für sich zu gewinnen, neben Goethe auch kleinere Sterne wie Tieck und Jacobi, schreibt er - und fällt dabei in die Rolle des Erziehers zurück: "Liebes Kind, wer sich so auf gut Glück anhängt, nach Überzeugung zurückzieht, der läßt immer einen Teil seines Glückes hängen und fühlt sich endlich sehr zerrissen." Auch gegenüber Clemens, der sich den Freund regelmäßig zu entfremden wusste, im wesentlichen durch unkontrollierte Klatschereien, tritt Arnim streng, aber versöhnlich auf: "Was ich in dir geliebt habe und liebe ist von je an ganz unabhängig gewesen von dem, was ich nie in Dir geliebt habe." So kommt es wieder zu Annäherungen und höchst anregenden und produktiven Wochen zu dritt in Wiepersdorf, dem ererbten Gut Arnims. Aber eine ménage à trois, wie sie Clemens eine Zeitlang vorschweben mochte, gehörte nicht zu den Optionen.

Das Kind wird selbstbewusst

Clemens wird 1817 katholisch. Für die Welt und die Freunde bleibt er viele Jahre lang verschollen. Die Schwester Bettine nimmt ihm seine Wandlung nicht ab und schreibt über Clemens 1824 an ihren Mann: "Er ist vielleicht jetzt noch eitler und inkonsequenter wie sonst; er lügt sich selbst am meisten vor." Das sind deutliche Distanzierungen, die mit dem Erfolg Bettines als Schriftstellerin einhergehen. Ihr Buch "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" wird geradezu ein Kultbuch der jüngeren Generation, das meist verkaufte Goethe-Buch des 19. Jahrhunderts. Schultz kontrastiert anschaulich und detailreich die Lebenskreise der erwachsenen Geschwister: den sich ständig erweiternden Bettines, den sich zunehmend verengenden von Clemens. Die vielen Zitate und die Zeugnisse der Freunde und Feinde machen den Leser zum Zeitgenossen der Epoche, die durch große Spannungen und Leistungen privilegiert bleibt. Sturm und Drang, Klassik, Romantik, Restauration, Junges Deutschland - das sind vielsagende Marken. Und nun kommt es darauf an, diese Verschiedenheit als Fast-Gleichzeitigkeit in den Subjekten zu denken.

Die Politisierung ihres Denkens führt Bettine aus ihrem engeren Kreis heraus. Ihr Mann war früh gestorben. Und sie nimmt etwa in der sozialen Frage in ihrem "Armenbuch", aber auch in der Judenfrage Standpunkte ein, die vom sogenannten aufgeklärten Konsens entschieden abwichen. Das entfremdete sie gutteils den alten Freunden, gewann ihr aber bedeutenden Anhang unter den Jüngeren. Indessen war Clemens 1842 gestorben, und Bettine veröffentlichte ihren Jugendbriefwechsel mit ihm unter dem Titel "Frühlingskranz". Hartwig Schultz wertet: "Für Clemens ist dieser Kranz ein letzter Gruß der Schwester, die ihn bis zu seinem Tode mehr als alle anderen Geschwister geliebt hat." Bei dieser vergleichsweise zurückhaltenden Wertung können wir es belassen.

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