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Carolin Emcke bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016.

Friedenspreis für Carolin Emcke

Publizistin Carolin Emcke erhält den Friedenspreis

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Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für die Essayistin, Kriegsreporterin und Intellektuelle Carolin Emcke ehrt eine Autorin der Stunde und nicht erst dieser. Lieber hätte sie die gute Nachricht allerdings an einem anderen Tag erfahren.

Die Kriegsreporterin, Essayistin und Intellektuelle Carolin Emcke, die im Oktober mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, bewegt sich seit vielen Jahren da, wo andere nicht sein möchten. Dann kommen auch noch irrsinnige Zufälle dazu.

Im September 2001 war sie in New York. So konnte sie diese seltsamen Details überliefern, aus denen sich das Unglück zusammensetzt. Der entronnene Angestellte, der eine Stunde nach dem Einsturz der Türme immer wieder sagte, er habe sich doch eben Kaffee gekocht, Kaffee, der noch auf dem Schreibtisch stehen müsse, und jetzt sei er weg.

Alfred Herrhausen war ein enger Freund ihrer Eltern und für sie wie ein Patenonkel. So konnte sie sich 2007 in dem Text „Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF“ mit deutlich mehr Gewicht – ja, moralischem Gewicht – als andere Intellektuelle dagegen verwahren, dass die „Bild“-Zeitung gerade wieder als Anwältin der Opfer-Angehörigen aufspielte.

Carolin Emcke war es auch, die vor zwei Jahren mit einem Kollegen zusammen jenes Interview mit Thomas Hitzlsperger führte, in dem dieser sich als erster prominenter Fußballprofi zu seiner Homosexualität bekannte. Hier sind die Zufälle allerdings bereits zu Ende. Emcke hatte schon in dem aufsehenerregenden Buch „Wie wir begehren“ (2012) von ihrer eigenen Homosexualität berichtet, von den Schwierigkeiten, die das noch in den Achtzigern machte.

Als sie gefragt wurde, ob es sie nicht manchmal ermüde, immer wieder für Aufklärung und Respekt werben zu müssen, sagte sie: „Ja. Manchmal frage ich mich, warum reicht es nicht, einmal die Menschenrechte zu formulieren: ,Alle Menschen sind gleich. Die Würde des Menschen ist unantastbar.‘ Stattdessen müssen wir dann über Jahrhunderte erklären, wer alles als Mensch zählt.“

Jahrelang unterwegs

1967 wurde Carolin Emcke in Mülheim an der Ruhr geboren. Sie studierte in London und Frankfurt Philosophie, Politik und Geschichte, promovierte über „Kollektive Identitäten“ bei Axel Honneth (Frankfurt) und Seyla Benhabib (Harvard) und begann 1999 als Auslandsredakteurin für den „Spiegel“ in Kriegsgebiete zu reisen: Kosovo, Afghanistan, Irak, Gaza-Streifen. 2004 legte sie ihr erstes Buch über ihre Reisen vor, „Von den Kriegen – Briefe an Freunde“.

Seit 2007 ist Emcke freie Publizistin, die weiter reist, hinsieht und zuhört, auch unauffälligere Traumata wahrnimmt. Das Buch „Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit“ (2013) ist ein Ergebnis dieser Nachforschungen, Texte einer aufmerksamen Beobachterin, auch selbstaufmerksam. Es ist eine typische Emcke-Szene, wenn ihr in Rumänien unfassbarer Weise ein Kind angeboten wird (für sehr wenig Geld) und sie ablehnt, aber so ablehnen will, dass sie das Kind nicht kränkt. Zugleich ist ihr klar, wie lächerlich das ist angesichts der Situation. Die westlichen Augen und Sinne sind dabei, wenn die Reporterin berichtet und Schlüsse zieht. Auch der vernünftige Mensch Emcke ist dabei.

Dem Friedenspreis, der ihr am Freitag als neunter Frau in seiner 66-jährigen Geschichte zugesprochen wurde, gingen etliche Auszeichnungen voraus, so 2014 der Johann-Heinrich-Merck-Preis für Essayistik und 2015 der Lessing-Preis des Landes Sachsen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels will nun ihren „wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zum Frieden“ ehren. Emckes Aufmerksamkeit gelte „dabei besonders jenen Momenten, Situationen und Themen, in denen das Gespräch abzubrechen droht, ja nicht mehr möglich erscheint.“ Sie appelliere „mit analytischer Empathie an das Vermögen aller Beteiligten, zu Verständigung und Austausch zurückzufinden“.

Der FR-Berichterstatter zitierte von der Merck-Preisrede ihren Satz, und es lohnt sich, ihn zu wiederholen: „Mit Begriffen wie ,archaisch‘ und ,barbarisch‘ meinen wir, die größtmögliche Distanz zwischen uns und die anderen einzuziehen.“

Sie hätte die Nachricht lieber an einem anderen Tag bekommen, sagte Emcke der dpa. Es sei an der Zeit, Europa auch zu verteidigen gegen diejenigen, die es mit ihrem Nationalismus und ihren Ressentiments unterwanderten. Für Oktober kündigt ihr Verlag, S. Fischer, einen neuen Emcke-Band an: „Gegen den Hass“, eine Auseinandersetzung mit Rassismus, Fanatismus und Demokratiefeindlichkeit. Natürlich ist Carolin Emcke auch eine Autorin der Stunde, nicht erst dieser.

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