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Die psychologischen Schriftsteller mied er

Mit Jorge Luis Borges lesen, lieben und gewichten lernen: Wiedergefundene Texte des erblindeten Meisterschülers aus Buenos Aires

Von Hugo Dittberner

Jorge Luis Borges' Dichtungen, die Geschichten und Gedichte, sind ein wenig - nicht verblasst (denn wer sie liest, kann sie immer noch bewundern), eher - selbstverständlich geworden, Hausnummern der Weltliteratur, jedenfalls was die Geschichten betrifft. Aber Borges, der Essayist, der Vortragende, die wundersame Legende seiner selbst, fordert noch immer die Aufmerksamkeit der Leser heraus, eine ganz eigene Neugier auf seine großherzige Autorität, die so spürbar einem Kanon, aber vor allem der in der Dichtung entdeckten Schönheit das Wort redet. Viele Bücher haben bei uns dieser Wiederholungs-Lust gedient, etwa das Gesprächsbuch mit Osvaldo Ferrari Lesen ist denken mit fremdem Gehirn (bei Arche) oder Estella Cantos Erinnerungen Borges im Gegenlicht (bei Kunstmann). Wobei eine Ironie darin liegen mag, dass ausgerechnet der schüchterne Mann und der erblindete Bibliotheksdirektor als Medium des wesentlichen Wissens hofiert werden.

Gerade der Borges neben und nach dem Dichter-Werk entfaltet jenen begehrten Zauber der Persönlichkeit, beglückt durch die Anwesenheit seines Ruhms. Es ist also wohl nur eine kleine Übertreibung, wenn man, zumal jungen Lesern, Wonnen des Lesens in Aussicht stellt, indem man auf zwei Bücher aufmerksam macht, die anderthalb Jahrzehnte nach Borges' Tod erschienen sind, 1986 in Genf. An den Ort seiner Jugend, wohin der spanisch-englisch aufgezogene junge Gentleman aus Buenos Aires mit der Familie den von Erblindung bedrohten Vater begleiten musste, wo er Französisch und Deutsch lernte, war er kurz zuvor zurückgekehrt.

"Ich habe mein Leben damit verbracht, zu lesen, zu analysieren, zu schreiben (oder mich am Schreiben zu versuchen) und zu genießen. Ich fand, dass Letzteres das Wichtigste von allem war. Indem ich Dichtung ,geschlürft' habe, bin ich nicht zu einem endgültigen Schluss gelangt. Tatsächlich habe ich jedes Mal, wenn ich mich einer leeren Seite gegenüber sehe, das Gefühl, die Literatur für mich neu entdecken zu müssen. Aber die Vergangenheit hilft mir da überhaupt nicht. Daher kann ich Ihnen (...) nur meine Fragen anbieten." So fängt eine Folge von sechs auf Englisch gehaltenen Harvard-Vorträgen aus dem Jahr 1966 an, deren Mitschnitt man kürzlich wiederfand. "Das Rätsel der Dichtung" lautet der Titel dieser ersten Vorlesung, der Gesamttitel des nun vorliegenden Buchs Das Handwerk des Dichters.

Das lässt sich wie eine akademische Übung, die keine besonderen Vorkenntnisse verlangt, gut hören; ebenso wie das Bekenntnis des Meisters "Ich bin stolz darauf, ein Schüler zu sein - ein guter Schüler, hoffe ich." Und steckt nicht in den folgenden Sätzen tiefe Weisheit? "Daher könnte man sagen, dass Dichtung jedes Mal eine neue Erfahrung ist. Jedes Mal, wenn ich ein Gedicht lese, stellt sich dieses Erlebnis ein. Und das ist Dichtung." Der Gestus der Großzügigkeit und Bescheidenheit ist mit der Bereitschaft verbunden, zu urteilen, entschieden zu urteilen, gegen den ermüdeten Roman und seine modernen Anstrengungen; für die Geschichte, für das fast schon vergessene Epos und seinen echten Helden, für den ordentlichen Vers (zum Beispiel Chestertons). Ein wenig kokett nennt Borges sich einen altmodischen Mann des 19. Jahrhunderts, und man möchte zustimmen, aber ein wenig skeptisch lächeln.

Borges ruft angenehm entspannt das Wesentliche der Dichtung ins Gedächtnis, referiert über "Die Metapher", "Das Erzählen", "Wortmusik und Übersetzung", "Denken und Dichtung" - er wertet das Übersetzen auf, zieht die Anspielung dem erschöpfenden Ausdruck vor und verweist im Übrigen auf die Kunst des Machens (der Verse), damit einen großen Teil der Moderne, ihre den Schaffensprozess problematisierende Reflexion abweisend.

Borges will, während er schreibt, nicht verstehen, was er und wie er es schreibt (das will erst der Leser); er rät vom endlos feilenden Bearbeiten ab (vom Flaubert-Mythos beziehungsweise -Syndrom also, dem Vorbild der Moderne). Es ergibt sich ein Personalstil oder nicht; die Meister schreiben, in Ausübung ihres Handwerks, die Dichtung fort, die wir "schlürfen" können. Die Gehaltsästhetik, Hegels Forderung etwa den Geist des Zeitalters im Kunstwerk aufzuheben, hat ausgedient; die Genuss-Ästhetik (mit ihren Sensationen) wird erneuert und eine die Zukunft eröffnende Autorität. Als Kronzeuge dieses (den Zugang zur Literatur erleichternden) Paradigmenwechsels wird Borges geliebt; und zwar um so mehr, als er auch manchen Matadoren der Moderne hochhält und keinen Bruch zugunsten des puren Altbackenen fordert. Aber er schätz Joyce nicht als Romancier, sondern als wortmächtigen Sprach-Künstler, als Wort-Musiker, könnte man sagen.

Insofern ist ein genauer Blick auf Borges' Kanon aufschlussreich, und der ist mit Hilfe des in der Anderen Bibliothek erschienenen Bands Eine neue Widerlegung der Zeit und 66 andere Essays und des informativen Nachworts von Tim Parks gut möglich - nicht nur weil, in der bewährten Übersetzung und Betreuung Gisbert Haefs (teils zurückgreifend auf die Übersetzungen Karl August Horsts), aus dem Corpus der etwa 1200 (!) Essays, die Borges im Laufe seines Lebens geschrieben hat, 16 bisher nicht ins Deutsche übersetzte Essays die geistige Physiognomie des großen Argentiniers deutlicher werden lassen und den Schimpfruf als Reaktionär widerlegen. Zur Zeit des Nationalsozialismus hat er nicht nur gegen Antisemitismus ("Ich, Jude"), sondern auch gegen die "Germanophilen", die Anhänger der Barbarei in Südamerika, Stellung bezogen, und den gierigen, sadistischen Kern der "Bewegung" freigelegt wie wenige Zeitgenossen - und er, der Deutsch, aus reiner Zuneigung gelernt hatte, konnte nicht fassen, was die Deutschen sich, der Welt und ihrer Kultur in ihrem Namen antun ließen.

Die 67 Essays zeigen Borges als jungen, polemischen oder jedenfalls, wie man in der Schweiz sagt, angriffigen Autor, den ungemein belesenen, mathematisch und naturwissenschaftlich gebildeten Scharf- und Klardenker der mittleren Jahre und den Weisen, der, in den großen Essays über Swedenborg, über Gibbon, über Shakespeare, die Summe zieht. Doch urteilssicher und anregend ist Borges zu jeder Zeit; mit ihm lernt man verstehen und lieben und eben auch genießen und gewichten. Vorziehen. Das Register zeigt es.

Etliche englische Philosophen, Berkeley, Hume; der Amerikaner William James; Schopenhauer und Nietzsche, aber auch intelligente, mit großem Möglichkeitssinn begabte Schriftsteller wie der Verfasser von Tausendundeine Nacht, Cervantes, Swift, Stevenson, Poe, H. G. Wells und Chesterton, weniger Dichter wie Baudelaire sind die Autoritäten, die er, ähnlich wie Montaigne (mit ihm verbindet ihn überhaupt Geist und Zweisprachigkeit) im Zitat mit seinem Standpunkt verschmilzt, der sich nicht geschichtlich erschöpfen, sondern der die Ewigkeit will.

In einer Anmerkung hat Tim Parks die Gegenprobe gemacht: "Für eine Untersuchung der Essays könnte es nützlich sein, all jene Autoren zu bedenken, die Borges zu ignorieren vorzieht: Jane Austen, die Brontës, Thackeray, George Eliot, Balzac, Stendhal, Tolstoi, D. H. Lawrence - kurz: die gesamte realistische, psychologische, am Charakter orientierte Tradition des Romans."

Die auf Individualität erpichten, mehr oder minder tragischen Helden der Fortschrittsgeschichte, wie sie der moderne Roman zeigt, sind für Borges Anti-Helden des Zerfalls und der Vereinzelung; er strebt demgegenüber "ein transzendentales Einssein" an, "die Gemeinschaft aller Menschen", Dichtung gleichsam als "Werk eines einzigen allwissenden Gentleman" (Emerson). Schönheit aber eröffnet die Übereinkunft, ja "Überlagerung getrennter Geister beim Erleben von Kunst", wie Parks formuliert. Und in diesem ästhetischen Erspüren einer metaphysischen Position oder einer ganzen Philosophie, so hergebracht und verschlissen sie Fachleuten hier scheinen mag, in dieser Einladung in die Ewigkeit ist wohl ein Gutteil der Faszination zu suchen, die Borges' "eher beiläufige Kritzeleien" so unwiderstehlich machen. Und dass er zeigen kann, wo man diese Ewigkeit finden kann: in der Dichtung.

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