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Normalität war eine Illusion, die aufrechterhalten wurde.
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Normalität war eine Illusion, die aufrechterhalten wurde.

Im Ghetto

Protokoll eines langsamen Todes

Mehr als 200.000 Menschen wurden im Getto Lodz zu Tode verwaltet oder in die Vernichtung in KZs deportiert. Nun sind ist "Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt" auf Deutsch erhältlich.

Von HANNO LOEWY

Das Wetter! Dreieinhalb Jahre verfassten sie täglich eine Chronik verfasst, die mit dem Wetterbericht begann. Es folgten Nachrichten aus dem Alltag der Stadt, vom Kulturleben bis zum Polizeibericht, von Meldungen über Streiks und Demonstrationen bis zur Gerichtsreportage, von Verlautbarungen der Behörden zu den Berichten aus der Wirtschaft und Produktion, Bevölkerungsdaten, Krankheiten, ja und im trockenen Ton der Statistik: die Sterbemeldungen. Darum ging es den wahren Herren dieser Stadt: ums Sterben. Möglichst geräuscharm, nichts sollte den Betrieb stören.

Die Chronik umfasst die Zeit zwischen dem 12. Januar 1941 und dem 30. Juli 1944. Die Stadt heißt "Getto Litzmannstadt" und ist seit Beginn des Jahres 1940 von der Außenwelt abgeschlossen. Das nationalsozialistische Modell-Getto in Lodz ist das erste im besetzten Polen und das letzte, das im August 1944 liquidiert wird. Mehr als 200 000 Menschen wurden hier zu Tode verwaltet oder in die Vernichtung nach Chelmno und später Auschwitz deportiert. Der Kopf des Unternehmens ist ein Bremer Kaffeehändler, dessen NS-Karriere darin besteht, die zum Tode Verurteilten vorher noch effizient auszupressen, ihre Arbeitskraft für Neckermann und andere Industriellen und natürlich die Wehrmacht zu verschleißen, damit man ihnen dann nur noch das Leben zu nehmen brauchte.

Die Menschen im Getto erkennen ihre einzige Chance die keine ist, darin, diesen Moment hinauszuzögern, und das heißt auch: Jahre lang dagegen anzukämpfen, die ganze Realität wahrzunehmen. Die Illusion einer Normalität aufrechtzuerhalten, hieß Zeit zu gewinnen. Jeder Tag, dessen Chronik man noch schreiben konnte, war ein Aufschub, ein neu gezogenes Los auf eine Wende, die nicht eintrat.

An der Spitze des Judenrates hatte sich ein Scharlatan der Selbstinszenierung (sagen die einen), ein Retter in der Not (sagen die anderen) selbst installiert: Mordechai Chaim Rumkowski. Seine Parolen lauten: "Ruhe im Getto" und "unser einziger Weg ist Arbeit". Seine "Behörden" und Werkstätten wachsen, geben schließlich vielen tausend Menschen im Getto das Gefühl, noch gebraucht zu werden, wo sie in Wirklichkeit längst verbraucht werden. Doch das Getto existiert, Jahr um Jahr, während das jüdische Warschau schon in Treblinka ausgelöscht wird.

Rumkowskis "Statistische Abteilung" wird nicht müde, die wachsende Produktion im Getto zu preisen, die Bevölkerung zu erfassen und alle erdenklichen Daten zu sammeln, die Verwaltung des immer radikaler spürbaren Mangels mit zu organisieren, während im Getto auch die Bürokratie und die Zahl der Titel und Funktionen wächst.

Der Judenälteste organisiert Schulen und Kindergärten, Suppenküchen und Kulturabende, Gesundheitsdienst, Feuerwehr und Polizei. Die muss die erforderlichen Quoten an "Auszusiedelnden" bei den Deutschen abliefern. Das beginnt 1942 und es dauert nicht lange, da kommen die ersten Ahnungen. Doch es gibt zum Spiel Zeit keine Alternative. Davon "erzählt" diese Tageschronik, dafür entsteht in ihr eine Sprache, die dem Geltungsdrang des Judenältesten ebenso entsprechen soll wie den unabweisbaren Tatsachen von Tod und Leiden.

Zunächst sind es polnischsprachige Autoren, wie der Schriftsteller Józef Zelkowicz, die die täglichen Eintragungen vornehmen. Als im Herbst 1941 20 000 Juden aus dem Reich nach Lodz deportiert werden, führt das nicht nur zu neuen sozialen, sondern auch zu kulturellen Brüchen im Getto. 1942 übernehmen Autoren wie Oskar Singer aus Prag oder Oskar Rosenfeld aus Wien die Arbeit an der Chronik. So liegen die heute auf Archive in Polen, Israel und den USA verstreuten Typoskripte in verschiedenen Fassungen auf über 6000 Seiten teils in polnischer, teils in deutscher Sprache vor. Eine vollständige Ausgabe der Chronik gab es bislang nur auf Hebräisch.

Die Tageschronik aus dem "Getto Litzmannstadt" ist das vielleicht widersprüchlichste und ambivalenteste Selbstzeugnis dieser Zeit. Sie ist in einer unmöglichen Sprache geschrieben, ein Reden in Chiffren und Andeutungen, in Floskeln und Euphemismen des Selbstbetrugs und in Spurenelementen des Grauens - und natürlich ein Konglomerat verschiedener Codes, die zugleich auf der polnischen und deutschen, jiddischen und hebräischen Sprache und dem Zwang des Gettos basieren, seinen eigenen Slang herauszubilden.

Von daher ist es ein Glücksfall, dass die Edition dieser Chronik, Ergebnis eines über viele Jahre währenden Projektes, nicht nur von Historikern sondern in einer engen interdisziplinären und internationalen Kooperation von Sprach-, Literatur- und Geschichtswissenschaftlern entstand. Ihre sorgfältigen Anmerkungen lesen sich wie ein fortlaufender Kommentar zu einer Sprache der Mehrdeutigkeit, gesättigt durch zahlreiche autobiografische und literarische Quellen, Texte die gegen den langsamen Tod der Sprache angeschrieben sind. Und selbst doch nur einen vielstimmigen Chor der Selbsttäuschungen und Rechtfertigungen mobilisieren können.

Der vorletzte erhaltene Eintrag vom 29. Juli 1944 lautet: "Der Tag verlief ruhig. Auffallend ist, dass sich in den Ressorts verschiedene Elemente bemerkbar machen, die sich bisher im Hintergrund gehalten haben und nun glauben, dass jetzt ihre Zeit gekommen sei. Es sind dies Menschen, die nicht verstehen wollen, dass das Getto bis zur letzten Minute in Ruhe und Ordnung erhalten werden muss und dass unter allen Umständen die Produktion so geführt werden muss wie früher, als hätte sich in der Weltgeschichte noch nichts gerührt". Einen Tag später endet der Eintrag mit den Worten: "Die Todesursache des heutigen Sterbefalles: Selbstmord 1."

Sascha Feuchert u.a. (Hrsg.): Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt. 5 Bde. Wallstein

Verlag, Göttingen 2007, 3053 Seiten, 128 Euro.

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