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Professor Makel

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John Banvilles Identitäts-Spiel hat ein wirkliches Vorbild

"Alles, was ich schrieb, war von einer angespannten, fieberhaften Eindringlichkeit, die unmittelbar durch das Dilemma erzeugt wurde, in das ich mich hinein manövriert hatte; ich arbeitete an einer neuen Methodologie des Denkens, deren Ausgangsmaterial die Krisen und Konflikte meiner eigenen verwickelten und zum großen Teil frei erfundenen Vergangenheit waren. Ich konnte mich überzeugend über Schriften auslassen, die zu lesen mir bisher die Zeit gefehlt hatte, über Philosophien, in die ich noch gar nicht eingedrungen, große Männer, denen ich nie begegnet war. Mein assertorisches Ausweichen, wie ein Kritiker es einmal ziemlich plump genannt hat, hypnotisierte die kleine, aber einflußreiche Clique von Gelehrten, die meine frühen Sachen schätzten und kopierten."

Wer spricht? Axel Vander, ein grandioser alter Mann, dessen Pracht womöglich noch gesteigert wird durch seine Gebrechen: ein eingeschlagenes Auge und ein lahmes Bein, Verletzungen aus seiner Jugend. Dass er fortwährend trinkt, Wein und Whisky und was immer gereicht wird, erlaubt ihm theatralische Ausbrüche, die jene kleine, aber einflussreiche Clique von Bewunderern erst recht frappieren. Ebenso das Personal des Turiner Hotels, in dem er eben abstieg.

Axel Vander ist eine internationale Celebrität. Seine neue Methodologie des Denkens, an Meisterwerken der Literatur und der Philosophie exemplifiziert, hat ihm sogar jenseits des Fachbereichs Leser eingebracht. Er rechnet zur Creme der internationalen Intelligentsia seit seiner brillanten Dekonstruktion des englischen Dichters Percy Bysshe Shelley, und dem Leser dieses neuen Romans von John Banville schwant, dass er Axel Vander schon außerhalb des Buches begegnet ist, vor Jahren, in den Zeitungen, unter dem Namen Paul de Man, eine Celebrität der internationalen Intelligentsia, aus Belgien gebürtig, in den USA lebend und Professor an einer ihrer renommiertesten Universitäten.

Axel Vander ist nach Turin gekommen, um an einem Nietzsche-Colloquium teilzunehmen - in Turin spielt die berühmte Szene: Nietzsche umarmt weinend einen gepeinigten Droschkengaul, während ihn der Wahnsinn überwältigt, in sich schon eine Romanszene von opernhafter Opulenz. Vor allem aber will Axel Vander in Turin Catherine Cleave treffen, er hat sie hierher bestellt. Die junge Frau schrieb ihm in sein idyllisch-akademisches Kalifornien von einer Entdeckung, die sie in einem belgischen Zeitungsarchiv gemacht hat, ein Foto des jungen Axel Vander sowie Artikel, die er damals veröffentlichte und die offen die Nazis und ihren Antisemitismus willkommen hießen.

Der Leser von John Banvilles Roman erinnert sich, dass eben dies über Paul de Man, den weltberühmten Repräsentanten der literarischen Dekonstruktion, herausgefunden worden war: In den Vierzigern profilierte er sich als belgischer Kulturkritiker mit Nazibotschaften - was die kleine, aber einflussreiche Clique von Gelehrten, die seine späten Sachen schätzten und kopierten, sofort auf das heftigste zu dekonstruieren begann. Andere behaupteten, dass jene neue Methodologie des Denkens, die Paul de Man als amerikanischer Literaturprofessor entwickelt hatte, jetzt leicht als Verschleierungsmanöver zu erkennen sei. So sagt es Axel Vander: Ausgangsmaterial waren die Krisen und Konflikte seiner eigenen verwickelten und zum großen Teil frei erfundenen Vergangenheit.

John Banville, Ire, Jahrgang 1945 und mit seinen Romanen in Deutschland dank Kiepenheuer & Witsch präsent, gibt der Geschichte noch eine Drehung ins Unwahrscheinlichste. Axel Vander, seinerzeit ein schöner blonder Jungmann, der an Thomas Manns Hans Hansen erinnert, schrieb in der Tat jene Zeitungsartikel im Antwerpen der Kriegszeit - aber der Axel Vander, welcher jetzt als grandiose Ruine in Turin auf Cass Cleave trifft, die jene Geschichte entdeckt hat, dieser Axel Vander ist ein anderer, ist ein junger Jude, der mit dem echten Axel Vander befreundet war und nach dessen ungeklärtem Tod seinen Namen annahm, um den Nazis zu entkommen, zuerst nach Großbritannien, wo er sich im Zuge erotischer und krimineller Verwicklungen die Verletzungen von Auge und Bein zuzog, dann nach Amerika. Ein wenig erinnert dieser so genannte Axel Vander an den talentierten Mr. Ripley, wie ihn Patricia Highsmith erfunden hat. Wer mag, darf sich den jungen Axel Vander - dessen richtigen Namen wir nie erfahren in John Banvilles Roman - nach dem Vorbild von Alain Delon respektive von Matt Damon vorstellen, die den talentierten Mr. Ripley in den Filmen von René Clément respektive Anthony Minghella verkörpern.

Cass Cleave, ein tief verwirrtes Mädchen, verzichtet darauf, den alten Axel Vander (oder wie er heißt) mit seiner Nazivergangenheit zu erpressen (die ja gar nicht die seine ist). Sie lässt sich von seiner explodierenden Alterslibido überwältigen - stets benimmt er sich gegenüber Frauen, wie es heißt, als Elefant im Porzellanladen -, und eine Liebesgeschichte entsteht. Cass Cleave wird schwanger. Aber John Banville stürzt sie, die Axel Vander mit seiner Biographie beauftragen wollte - womöglich in der ersten Person Singular - ins Meer, und Axel Vander verdämmert im winterlichen Turin, in der Gesellschaft eines seltsamen alten Arztes, der angeblich Dr. Zoroaster heißt und außerhalb des Buches leicht in einer Nietzsche-Biographie wiederzufinden wäre.

So nacherzählt, erinnert der Roman John Banvilles auch an Philip Roth, wie er in seinem vorletzten, hoch gelobten Roman Der menschliche Makel ebenfalls mit einem in seiner Identität verdrehten Helden operierte, der jüdische College-Professor ist eigentlich ein weißer Schwarzer. Die Metafiktion, wie John Banville sie in all seinen Romanen schreibt, verwickelt den Leser in ein ausgedehntes Netz von literarischen Anspielungen und Assoziationen, in dem sich alle Konturen aufzulösen drohen. Ganz so, wie es der Literaturprofessor Axel Vander mit seiner neuen Methodologie des Denkens beim Auslegen von literarischen Texten treibt. Freilich verleiht John Banville diesem Spiel starke ästhetische Reize, man erfreut sich auf jeder Buchseite an seiner Kunst und ihren Hakenschlägen. Sie verwandelt den leidenschaftlichen, alles verzehrenden Glauben an nichts - dem Axel Vander, wie er erklärt, seit seiner Übersiedlung nach Amerika anhängt - in einen verblüffenden Zaubertrick, und das macht Freude.

Eine ungetrübte Freude. Zwar bleibt die Lebensgeschichte Paul de Mans prekär und ist durch keine philosophische oder literarische Anstrengung zu normalisieren. Doch hat John Banville sie raffiniert durch so viele Verwandlungen getrieben, dass sie den Romanleser nur noch wie aus weiter Ferne berührt. Auch kommt auf subtile Weise die Nationalität ins Spiel. John Banville ist Ire - hätte ein deutscher Romancier sich auf noch so kunstvolle und verfremdende Weise an das Leben von Hans Schwerte gemacht, der es inkognito vom SS-Mann bis zum linksliberalen Literaturprofessor brachte, der Leser wäre angewidert und verstört.

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