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Ausgrabungen brachten an den Tag: Die Freitagsmoschee in Isfahan (Iran) entstand auf einem sassanidischen Feuertempel.
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Ausgrabungen brachten an den Tag: Die Freitagsmoschee in Isfahan (Iran) entstand auf einem sassanidischen Feuertempel.

Bücher zum Islam

Ein Produkt seiner Zeit

Und nur so zu verstehen: Hilfreiche Bücher von Lutz Berger und Reinhard Schulze zur Entstehung des Islam.

Von Dirk Pilz

Dieses Buch kommt zur rechten Zeit. Es untersucht die Entstehungszeit des Islam, das 6. und 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, so genau wie nüchtern: Der Kieler Islamwissenschaftler Lutz Berger hält mit seiner leichthändig geschriebenen Studie Abstand zum dogmatischen Lärm, der die Debatten über den Islam derzeit begleitet. Er trägt den Kenntnisstand zusammen, sortiert, deutet, ordnet ein, ohne dies in den Dienst ideologischer Interessen zu stellen.

Denn Berger will weder die Ursachen von Krieg und Gewalt in der gegenwärtigen islamischen Welt erklären noch Islamkritik oder Islamverteidigung betreiben. In einer Zeit, in der sich mancher von seiner Ahnungslosigkeit nicht abhalten lässt, die festesten Meinungen zum Islam zu vertreten, ist dieses Buch eine Wohltat.

Die Spätantike denkt anders

Sein Ausgangspunkt ist eine weitreichende Feststellung: Die Denkweisen und Probleme der spätantiken Menschen unterscheiden sich grundlegend von unseren. „Es gibt keinen direkten Bezug von ihnen zur Gegenwart.“ Aber es gibt, natürlich, dennoch viel zu lernen beim Blick auf den frühen Islam – und damit indirekt auch für unsere Gegenwart.

Bergers zentrale These lautet, dass der Islam den Arabern die attraktive Möglichkeit bot, sich den damals erfolgreichen Erlösungsreligionen wie Judentum und Christentum anzuschließen, ohne ihre kulturelle Identität aufgeben zu müssen: die Entstehung des Islam als herausragendes Beispiel für gelungene Integration. Bestes Beispiel seien dafür, so Berger, die Riten der islamischen Pilgerfahrt, die umfassend vorislamische Praktiken in die neue Religion überführten – die Lehren, die Mohammed als geoffenbarte vortrug, „hatten in gewisser Weise in der Luft gelegen“.

Die gute Kenntnis biblischer Geschichten unter Arabern und die teilweise engen Kontakte zu Juden erlaubten zudem, bereits durchgesetzte Religionen in eigene, neue Glaubensgehalte zu transformieren. Ohnehin war der Glaube an den „Einen Gott“ unter den Arabern auch vor Mohammed schon bekannt. Aber gerade weil der Islam nichts gänzlich Neues war, fand er Anhänger. Das ist allerdings auch der Grund für die Konflikte mit Judentum und Christentum – unter Verwandten sind die Debatten immer besonders heftig, eben weil man sich so nahe ist. Es sind diese Familienstreitigkeiten, die später zur Schärfung des eigenen Profils zwangen.

Hinzu kommen einige nicht-theologische Faktoren, etwa klimatische Veränderungen und die verheerenden Folgen von Pestepidemien, vor allem aber die großen Kriege zwischen den damaligen Großmächten der Römer und Sassaniden. Sie hatten den Westen so stark geschwächt, dass sie der neuen Religion des Islam wenig entgegenzusetzen hatten.

Aber der Islam ist für Berger dabei kein Produkt bloßen Triumphalismus: Zum Zeitpunkt, als Mohammed auftrat, hätte vielmehr ein eindeutiges Bekenntnis zum Christentum Parteinahme im Großmachtkonflikt bedeutet – das Bekenntnis zum Islam eröffnete dagegen die Möglichkeit, neutral zu bleiben, ohne auf das Angebot einer Erlösungsreligion verzichten zu müssen. Zugleich gelang es dem Islam in den vielen konfessionellen und politischen Konflikten der Zeit zunehmend als Ordnungsmacht aufzutreten, indem er mit lokalen Eliten zusammenarbeitete. Er erschien damit als die moderne, fortschrittliche Antwort auf einen Westen, der laut Berger, spätestens um 750 zum „Entwicklungsland“ geworden war.

Bergers Buch ist folglich auch eine Geschichte der Spätantike. Wenn man etwas in ihm vermisst, dann die eingehendere Diskussion theologischer Dimensionen mit Blick auf den Koran. Es ist daher zu empfehlen, sich ein weiteres jüngeres Buch auf den Tisch zu legen, die umfangreiche Studie „Der Koran und die Genealogie des Islam“, verfasst vom Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze.

Die Religion fügt sich ein

Schulze geht einen anderen, eher fachwissenschaftlich orientierten Weg als Berger, aber er hat dasselbe Ziel im Auge: die Verankerung der Entstehungsgeschichte des Islam in spätantiken Debatten. Und Schulze tut dies mit einer detailreichen Untersuchung des Koran selbst, indem er fragt, wie der Koran wurde, nicht, was er ist. Er bettet ihn deshalb in ein „Traditionsgefüge“ ein und schildert den Islam als „Gebrauchszusammenhang“ dieses Gefüges. Jede normative Definition von Religion verbiete sich damit von selbst: Was Religion sei, lasse sich einzig aus konkreten historischen Situationen heraus bestimmen. Das gilt für das heutige Christentum und Judentum genauso wie für den Islam.

Das macht beide Bücher so wichtig. Sie zeigen, dass das Reden über Religion jenseits des historischen Blickes bloße Ideologie oder Dogmatik bleibt.

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