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Ein Problem namens Gott

Dieser Mann existiert in zwei Formen, als Literatur und als politischer Mensch: Salman Rushdies gesammelten Schriften aus zehn Jahren halten das Niveau

Von FRIEDHELM RATHJEN

Wer von Salman Rushdie spricht, sollte zunächst klarstellen, welchen Rushdie er meint, denn es gibt mindestens zwei. Der eine ist Schriftsteller aus freien Stücken und als solcher Autor mehrerer wunderbarer (fast nur wunderbarer) Romane; der andere ist wider Willen zum Politikum geworden und als solches Opfer einer blutdürstigen Hetzkampagne fundamentalistischer Islamisten, aber auch gefragter Kommentator und Kolumnist, der zu allen möglichen Fragen der Zeitgeschichte und der Kultur unserer Gegenwart gern um seine Meinung gebeten wird. Der Band Überschreiten Sie diese Grenze! stellt fast ausnahmslos diesen zweiten, also politisch-publizistischen Rushdie vor, und zwar in Gestalt von knapp neunzig Essays, Vorträgen, Betrachtungen und Stellungnahmen.

Die Bandbreite der Themen reicht vom zeitgenössischen Roman bis zu den Kriegen und Bürgerkriegen unserer Welt, vom Fußball bis zur Rockmusik, von gesäuertem Brot bis zum Unfalltod einer Prinzessin. Fast ist man versucht, die zunehmende "Ecoisierung" Rushdies zu beklagen - sein Kollege Umberto Eco versteht es bekanntlich allzu trefflich, sich so unterhaltsam wie unverbindlich zu allen beliebigen Themen des Lebens zu äußern. Aber ganz so ist es bei Rushdie halt doch nicht. So sehr er sich auch bemüht, allem Elend dieser Welt mit Galgenhumor zu begegnen - unterhaltsam kann er nicht immer sein, und das ist gut so. So breit die Palette der Themen auch ist, beliebig sind diese nur selten, und das ist verständlich.

Vor allem aber ist Rushdie nie unverbindlich, sondern bezieht dezidiert Stellung und engagiert sich pro und kontra - was mitunter nervig ist, aber allemal ein Gewinn. Man muss Salman Rushdies Argumentationslinien (pro Militärinterventionen, kontra Irakkrieg, pro "freies Spiel der Ideen", kontra "Kultur der Verunglimpfung") vielleicht nicht immer teilen, aber er präsentiert sie so, dass sie zumindest nachvollziehbar sind.

Nachvollziehbar sind seine Argumente auch, weil sie immer wieder an schmerzhafte eigene Erfahrungen zurückgebunden sind, deren Realität sich nicht wegdiskutieren lässt. Rushdie ist durch mehrere der unzähligen Höllen gegangen, die die Welt und ihre Bewohner heute bereithalten; er lässt zwar keinen Zweifel daran, dass dies noch nicht die schlimmstmöglichen Höllen sind (die haben andere Menschen durchlebt oder oft genug eben nicht überlebt - auch davon schreibt er), doch zumindest haben sie hingereicht, um aus dem ehedem gelegentlich blauäugigen Rushdie einen Realisten mit realpolitischem Verständnis zu machen.

Im Zweifelsfall lieber Machiavelli als Gandhi

Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse lautet: "Religiöse Verfolgung ist niemals eine Frage der Moral, sie ist immer eine Frage der Macht." Rushdie ruft dazu auf, die Moral der Freiheit, für die er ficht, nicht etwa nur machtlos zu predigen, sondern auch durchzusetzen, indem man sich auf eigene Machtinstrumente besinnt und Druck ausübt. Machiavelli scheint ihm im Zweifelsfall inzwischen lieber zu sein als Gandhi, und Tony Blair wird von ihm als naiv kritisiert.

Wichtigste Zielscheibe seiner Angriffe ist der Aberglaube seligmachender Religionen. In den ersten Jahren des Mordaufrufs gegen ihn hat Rushdie manches Blatt vor den Mund nehmen müssen, aber diese Zeiten sind vorbei. Unmissverständlich erklärt er uns, dass "Religion das Gift im Blut" ist, das unserer Welt zu schaffen macht: "Das Problem selbst heißt Gott." Für jene, die sich vom Glauben zu Hass und Gewalt verleiten lassen, hat Rushdie nur Mitleid übrig: "Wie traurig muss es sein, an einen Gott des Blutes zu glauben!" Seine Alternative ist klar: "Den Unglauben wählen heißt Verstand statt Dogma wählen, auf unsere Menschlichkeit vertrauen, statt auf all diese gefährlichen Gottheiten."

Wo Glaube Erstarrung bedeutet, hält der Unglaube, für den Rushdie sich einsetzt, die Dinge in Bewegung - und nicht nur die Dinge, sondern auch die Menschen, die ihre innere Vielfalt als Gewinn empfinden sollten. "Wer Unterschiedliches in sich vereint, riskiert stets Angriffe von Seiten der Reinheitsapostel", stellt der Reinheits- und Apostelverächter Rushdie fest und liefert damit indirekt sogar ein Argument für die thematische Vielfalt dieses Bandes. Das ändert freilich nichts daran, dass viele seiner Schreibanlässe sich inzwischen erledigt haben, andere von vornherein arg ephemer waren und es, wie Rushdie in einer nachträglichen Fußnote feststellt, "das Los des Kolumnisten" ist, "von den Ereignissen ad absurdum geführt zu erden". Man muss sich schon sehr für Rushdie selbst interessieren, um alle seine Kolumnen und Gelegenheitstexte lesen zu wollen.

Wer sich für ihn interessiert, wird sich vornehmlich wohl für den anderen Rushdie interessieren, den Schriftsteller, der in dieser Sammlung allzu selten zu Wort kommt, wiewohl er drauf beharrt, seine "eigentliche Sprache" sei die "Sprache der Literatur". Wer diese neue Essaysammlung mit der vorherigen (Heimatländer der Phantasie von 1992) vergleicht, stellt fest, dass Rushdie sich in den letzten zehn Jahren viel seltener als früher über seine Schriftstellerkollegen und ihre Bücher geäußert hat. J. M. Coetzees Roman Schande kritisiert er mit der Begründung, der bringe "letzten Endes nicht genug Licht in das, wovon er berichtet". Rushdie ist ein Aufklärer mit einer verkappten Vorliebe für Parabeln, die die Welt erkläre. Über Angela Carter und Arthur Miller findet er einige Lobesworte; Edward Saids Jugenderinnerungen stellt er mit Marcel Proust "auf eine Stufe" - und das war's fast schon.

Namedropping neben einem netten Pogo-Tanz mit Van Morrison

Über Jürgen Klinsmann erfahren wir mehr als über Cervantes; Kafka und Poe und Melville zusammen werden seltener erwähnt als Al Gore, und selbst Rushdies Ersatzheilige Shakespeare und Joyce kommen über eine Namedropping-Existenz nicht hinaus. (Unverständlich, warum Rushdies kurzer Aufsatz von 1999 über den Ulysses als "Jahrhundertbuch" nicht aufgenommen wurde.) Nur selten kann uns der Autor einen Kollegen schmackhaft machen, am ehesten noch den Romancier G. V. Desani, dessen sprachvirtuoser Roman All About H. Hatterr endlich einmal aus der Versenkung gehoben werden müsste.

So nett es ist, zu erfahren, dass Rushdie einmal mit Van Morrison Pogo tanzte und anschließend vom Altmeister mit spitzer Zunge beschimpft wurde, und so aufschlussreich seine Schlaglichter auf das erschreckend gesunkene Niveau der englischen Presse sein mögen - nur zwei der Beiträge dieses Bandes sind mehr als Gelegenheitsarbeiten. Im Eingangstext "Out of Kansas" - den Rushdie-Fans schon aus einer früheren Separatpublikation unter dem Titel Eine kurze Abhandlung über Magie kennen - beschreibt Rushdie seine jahrzehntelange Liebe zu dem Film Der Zauberer von Oz, und im Titelbeitrag ganz am Schluss entwickelt er noch einmal (und mit neuen Nuancen) sein Konzept vom unentwegten Grenzüberschreiten als bestmöglicher Lebens-, Denk- und Schreibweise. "Dem innersten Wesen nach sind wir grenzüberschreitende Geschöpfe", lautet sein Argument, aber "wir sind auch Geschichten erzählende Lebewesen". Beides seien Aspekte einer Existenz in Bewegung. Für diese Bewegung gibt es im Falle Rushdies zwei widerstreitende Richtungen.

"Als ich den Zauberer von Oz zum ersten Mal sah", so erfahren wir, "machte das Erlebnis einen Schriftsteller aus mir": Als Zehnjähriger wird Rushdie infiziert von der Sehnsucht nach der Fremde, nach einer Welt aus bunten Bildern, auch nach "Zauberei" und Verwandlung und nach dem, was er "imaginative Wahrheit" nennt. Im Tagebuch einer Reise zurück nach Indien im Jahr 2000 hingegen spricht Rushdie von seinem realen Heimatland, "das für mich die Hauptquelle künstlerischer Inspiration gewesen war".

Auch dies sind zwei Rushdies: der indische Junge, der durch die Leinwand die Fremde des Westens erblickt und sich angezogen fühlt, und der britische Staatsbürger, der nach Indien zurückblickt und den Kern seiner Inspiration entdeckt. Beides gehört zusammen, denn das eine ohne das andere wäre Erstarrung. Rushdie bleibt wandelbar: "Wer eine Grenze überschreitet, wandelt sich."

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