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Immer gegenwärtig, aber nie nennt er sie in seinen Gedichten beim Namen: Lwów, Lemberg, Lwiw, bei Zbigniew Herbert nur „die Stadt“.

Zbigniew Herbert

Die Probe von Lüge und Wahrheit

Ein Koffer aus Samt mit Folterinstrumenten: Die gesammelten Gedichte von Zbigniew Herbert, umsichtig herausgegeben, kundig übersetzt. Die Vollendung ist ein Ereignis!

Von Jürgen Verdofsky

Seine Gedichte sind wie ein mit Samt ausgeschlagener Koffer, der auch Folterinstrumente enthält“, schrieb Adam Zagajewski in dem Nachruf auf seinen Freund Zbyszek. – Zbigniew Herbert gehört neben Tadeusz Rózewicz und den Nobelpreisträgern Czeslaw Milosz und Wislawa Szymborska zu den großen polnischen Dichtern, die ihren Anfang aus dem Untergang nahmen. Sie kommen aus der Zeugenschaft, Überlebende bittrer Wahrheiten. Krieg an zwei Fronten. Ein langer Krieg. Zwischen allen Zeilen stehen er und die ungesühnten Verbrechen.

Die Vergangenheit umringt alle und fordert Genauigkeit, wenn die Vorgänger sagen: Noch ist Polen nicht verloren. „Mein wehrloses Vaterland wird dich empfangen Aggressor / schenkt dir ein Klafter Erde unter der Weide – und Ruhe / damit jene die nach uns kommen sie wieder lernen / die schwierigste Kunst – die Vergebung der Schuld“, schreibt Herbert zum 17. September 1939.

Als Sohn eines Bankiers 1924 in Lwów (Lemberg, heute Lwiw) geboren, erlebte Zbigniew Herbert als 15-Jähriger den überraschenden Einmarsch der Roten Armee – praktizierter Hitler-Stalin-Pakt. 1941 folgt die brachiale Invasion der Deutschen und 1944 erneut sowjetische Besatzung und Vertreibung. Im Netzwerk der Heimatarmee (Armia Krajowa) wird Herbert früh aktiv, in ihren Untergrundstrukturen legt er sein Abitur ab und beginnt sein Studium. Im Widerstand hat er die Welt des Willens von ihren Enden her gesehen, sterbende Freunde. „Die wegfuhren im Morgengrauen /und niemals wiederkehren werden //…// ihr Flüstern dringt durchs Dickicht der Tapeten“.

Der dreifache Sturm hinterlässt „das verstummte Lemberg“, den „Kreidekreis“ der k. u. k.-geprägten Stadt. Sie bleibt Herbert immer gegenwärtig, gehört zu seinem Kontinuum poetischer Motive. Aber nie nennt er die Heimatstadt in seinen Gedichten beim Namen, er spricht immer nur von „der Stadt“: „die Belagerung dauert lange die Feinde lösen einander ab / nichts verbindet sie außer dem Trachten nach unsrem Untergang /…/ Standarten wechseln die Farben wie die Wälder am Horizont“. Mit der gewechselten Farbe schwirrt der Name Katyn, die nicht heilende Wunde, in allen Flüsterstärken durch das Nachkriegs-Polen.

Auch für Stalins neue Menschheit zählen Menschenleben nicht. Das Gedicht „Knöpfe“ ist Hauptmann Edward Herbert gewidmet, wissend, jedes Wort kann zum Menetekel werden: „und Stille herrscht auf allen Höhen / bei Katyn steigt im Wald der Nebel // nur noch die unbeugsamen Knöpfe / mächtiger Klang verstummter Chöre / nur noch die Knöpfe überstanden / an Mänteln und an Uniformen“.

Im Labyrinth des Unausweichlichen bleibt Herbert ein Unbehauster, der mit seinem samtenen Koffer von Lemberg nach Thorn gehen muss, dann zieht er weiter nach Danzig, Warschau, Krakau. Nach 1956, als die Grenzen für polnische Intellektuelle durchlässiger werden, bleibt Reisen ein ritueller Akt, ein Schutzakt, ein Hoffnungsakt – „ich habe nichts getan // bin gewandert / von Stadt zu Stadt“. Immer unter bescheidenen Umständen, aber der Dichter atmet Welt, findet in großen Kunstsammlungen evokative Gründe. Paris, Italien, Los Angeles, West-Berlin – hier wird sein Koffer mit Manuskripten gestohlen und wiedergefunden. Niemand erzählt diese Geschichte besser, wie überhaupt Herberts Schweben durch den andersartigen Westen, als Michael Krüger im Nachwort.

Herbert kehrt immer wieder nach Polen zurück, zur Sprache, zur Geschichte, zu den Freunden. 1981 läuft er ins Kriegsrecht. Aber wer so tief aus der Vergangenheit schöpft, der blickt auch weit in die Zukunft. Herbert steht fest an der Seite von Solidarnosc. Bis 1986 hält er das durch, dann geht er wieder nach Paris, um sechs Jahre später für immer nach Polen zurückzukehren. Das Reisen ist nie eine Flucht, so wie das Schreiben für Herbert nie ein Mittel ist, die Welt zu ändern, doch beides der Versuch, sie zu überleben. Dabei gelingt nicht immer, dass die Verse „sich spannen wie Hängebrücken“. Gegen „die höchste schwankende Stufe der Unbestimmbarkeit“ schafft sich Herbert einen Bruder im Geiste: Pan Cogito. „Herrn Cogitos Phantasie / hat Pendelbewegung // sie verläuft präzise / von Leiden zu Leiden // in ihr ist kein Raum / für künstliche Feuer der Dichtung // er möchte treu bleiben / der ungewissen Klarheit“.

Cogito tritt als gleitendes Ich aus der konventionellen Form mit der Zuversicht, die Fatalität des Schreibens überlisten zu können. Es müssen nicht länger in vollendeter Aufgeklärtheit die Geheimnisse der Dinge und des eigenen Selbst beschwichtigt werden. So wie das Alter Ego ersinnend, bedenkend, zweifelnd im Vers aufgeht, bleibt es im Gedicht gegenwärtig und überwindet die retardierende reine Vernunft. Das aufziehende Bild ist dann mehr als ein Gedanke, eine Idee oder ein Gefühl. So wird Welterfahrung nicht mit Totalität verwechselt. Und das Gespenst der unerlösten Vergangenheit bleibt immer Gegenwart. Pan Cogito ist eine Steigerung durch Ambivalenz, eine ständige Bewegung der „ungewissen Klarheit“ am Waage-Punkt, „um wenn die Stunde schlägt / ohne Murren zuzustimmen // der Probe von Lüge und Wahrheit / der Probe von Feuer und Wasser“.

„Herr Cogito“ erscheint 1974 als „ein Gedichtzyklus über die Abenteuer des Bewusstseins“. Dieser Pan Cogito wird Herbert bis zuletzt begleiten: „er will bis zum Schluss / auf der Höhe der Situation sein“. Vor diesem Leben ist das Gesetz der Vergänglichkeit machtlos, weiter gilt „Herrn Cogitos Vermächtnis“: „du bist davongekommen nicht um zu leben / du hast wenig Zeit es gilt Zeugnis abzulegen“.

Der große Koffer der Gesammelten Gedichte des Zbigniew Herbert, mit dem man sich bei Extraktion und Bilanz verheben kann, ist 2008 in Krakau erschienen, zehn Jahre nach des Dichters Tod, und liegt nun endlich auch auf Deutsch vor. Der Dichter und Verleger Ryszard Krynicki hat beide Editionen umsichtig besorgt. Das lyrische Gesamtwerk, getragen von fünf kundigen Übersetzern, zeigt sich vollständig in ursprünglicher Reihenfolge. Darunter 144 Gedichte, die auf Deutsch in achtsamer Übersetzung von Renate Schmidgall neu sind, nicht nur frühe Gedichte. Diese Vollendung ist ein Ereignis!

Zbigniew Herbert starb 1998 in Warschau mit 73 Jahren. „Fortan werde ich auf keinem / Gruppenfoto zu sehen sein (stolzer Beweis meines Todes / in allen Literaturblättern der Welt) wenn einer / sagt – seht das ist Zbyszek – und mit dem Finger / auf einen Mann zeigt der mit dem Koffer kämpft – aber nicht ich / bin das das ist ein anderer…“

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