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Michel Foucaults Kritik galt allen normativen Vorstellungen davon, wie Menschen zu sein haben.
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Michel Foucaults Kritik galt allen normativen Vorstellungen davon, wie Menschen zu sein haben.

Prinzipiell sind alle verdächtig

Michel Foucaults Vorlesungen über die Bestrebungen der Psychiatrie, der Justiz das Verbrechen zu entwinden

Von Gesa Lindemann

Die Vorlesungen am Collège de France, die Michel Foucault vom 8. Januar bis zum 19. März 1975 gehalten hat, werden hier unter dem Titel Die Anormalen vorgestellt. Anhand der Analyse von Gerichtsgutachten und Erziehungsliteratur untersucht Foucault, wie im Verlauf des 19. Jahrhunderts die "Anormalität" entstanden ist und welche disparaten Elemente unter dieser Kategorie zusammengefasst werden: die Menschenmonster, die Onanisten sowie die korrektionsbedürftigen Individuen.

Foucault konzentriert seine Aufmerksamkeit auf zwei historische Entwicklungen, anhand derer unterschiedliche Formen psychiatrischer Machtausübung untersucht werden: die "psychiatrisch-gerichtliche" und die "psychiatrisch-familiäre". Seit Beginn des 19. Jahrhunderts sickert die Psychiatrie in das Recht ein und sichert sich dort einen neuartigen Interventionsbereich. Durch das Wirken von Psychiatern werden die großartigen Monster des Rechts aus dem 18. Jahrhundert, die Menschenfresser und die wilden Mischwesen der Natur, die zugleich der gesetzlichen Ordnung widersprechen, auf ein bürgerliches Maß gestutzt. In diesem Prozess wird die Psychiatrie zur Gerichtspsychiatrie, wodurch Foucault zufolge ein neuer Machttypus entsteht: die Normalisierungsmacht. Diese wirkt nicht vermittels von Wahrheitseffekten, denn die Psychiatrie würde sich als Wissenschaft mit einem normativen Wahrheitsanspruch disqualifizieren, wenn sie ihren Machtbereich in die Rechtsprechung ausdehnt.

Zugleich assimiliert sich die Gerichtspsychiatrie aber auch nicht einfach dem Recht, denn es geht in einem Gutachten nicht um den Unterschied von Recht und Unrecht. Stattdessen entsteht etwas neues: "ein psychologisch-ethisches Doppel des Delikts". Aus diesem Doppel werden im Laufe der Zeit die Anormalen entstehen, denn das psychologisch-ethische Doppel erlaubt es, das Gefährliche, das die monströsen Verbrecher auszeichnet, als etwas zu begreifen, das sich in kleinen Ansätzen in allen Individuen findet. Nicht die Tat kennzeichnet den Verbrecher, sondern die Zustände und die Geschichte, die zu ihr geführt haben. Deshalb sind prinzipiell alle verdächtig, in deren Leben sich vergleichbare Elemente finden lassen wie bei den großen Menschenmonstern.

Für die Entdeckung und Deutung der frühen Hinweise auf das Verbrechen erklärt sich die Psychiatrie zuständig. Damit stellt sie sich ins Zentrum der gesellschaftlichen Ordnungsmacht, denn nur die Psychiatrie kann die Gefahren, die von der Anormalität ausgehen, sehen und ihnen angemessenen begegnen. Da die Gefahr auf die gesamte Gesellschaft verteilt ist, kann sie nicht einfach ausgeschlossen, sondern muss - nach dem Modell der Kontrolle der Pest - überall erfasst, kontrolliert und in Schach gehalten werden. Die Erfindung des Triebes war das entscheidende Mittel, um das einzigartig Monströse auf etwas zurückzuführen, das sich in allen findet. Zugleich ist der Trieb die Voraussetzung dafür den Wahnsinn und das Verbrechen mit dem Bereich der Sexualität zu verbinden und so die Monster und die Onanisten unter einer Kategorie zu versammeln.

Die Verzahnung von Familie und Psychiatrie erfolgt im Rahmen der Onanieverfolgung. Deren Analyse stellt Foucault eine kleine Geschichte kirchlicher Beichtpraktiken voran, die zu einer neuartigen Redseligkeit über den Sex motivieren und neue Formen der Seelenanleitung entwickeln. Von da aus leitet er zu den Texten über, die die Eltern der bürgerlichen Klasse dazu anhalten, sich um die Betten ihrer Kinder zu versammeln, um sie vor der Onanie zu bewahren. Der psychiatrische Einsatz zielt darauf, alle Mittelspersonen (wie Ammen und Erzieherinnen), die zwischen Kind und Eltern stehen, auszuschalten. Nur den Eltern soll die Verantwortung für das leibliche Wohl ihres Nachwuchses obliegen. Dadurch wird die körperliche Nähe zwischen Eltern und Kindern erzeugt, die den Inzest zum Problem werden lässt.

Damit stellt Foucault die Inzesttheorie Freuds in ein neues Licht: Sie dient als eine moralische Entlastung, denn die Verführungsaktivität wird auf die Seite der Kinder gestellt. Der Inzest wird also nicht deshalb zum Problem, weil die Eltern nächtens Hände und Genitalien ihrer Kinder inspizieren, sondern weil die Kinder ihre Eltern auf phantastische Weise begehren. Für Foucault ist der Feldzug gegen die Onanie zentral im Prozess der Durchsetzung der räumlich zusammengedrängten bürgerlichen Kleinfamilie. Die Gefahren der Onanie bestehen in einer Verbindung von körperlicher Schwächung mit einer Stärkung und Umleitung der Triebe und ihrer Verbindung mit den Kräften der Imagination.

Diese Konstruktion macht die Onanisten denjenigen ähnlich genug, die aus der Geschichte der Monster bekannt sind, sie können jetzt in einem durch den Trieb gerasterten Objekt- und Erkenntnisfeld zusammengefasst werden: den Anormalen. Zu denen - leider nur knapp dargestellt - auch die Unverbesserlichen, das heißt die korrektionsbedürftigen Individuen, noch zu zählen wären.

Insgesamt muten diese Vorlesungen wie die Schriften Foucaults überhaupt wie eine Reise in eine Zeit an, in der aus heutiger Sicht noch sichere Gewissheiten galten. Foucaults Kritik der Machtausübung arbeitet heraus, dass es prinzipiell kritikwürdig ist, normative Vorstellungen davon durchzusetzen, wie Menschen zu sein haben. Dies beinhaltet eine elegante Abkehr von humanistischen Vorstellungen über "den Menschen" und konstituiert zugleich die menschlichen Körper als diejenigen Körper, für die gilt, dass es kritikwürdig sei, sie mit normativen Vorstellungen zu belegen und damit notwendigerweise einer Macht zu unterwerfen.

Darin steckt ein subtiles und radikales Freiheitsethos, dessen anthropologischer Bezug verschwiegen wird. Allerdings führt die unausgesprochene Verbindung von Kritik und Analyse in schwere methodologische Probleme: Foucault blendet systematisch aus, wie der Kreis derjenigen Körper begrenzt wird, bei denen es überhaupt kritikwürdig sein soll, sie einer Machtausübung zu unterwerfen. Nur wenn es eine implizite Gewissheit hinsichtlich der Grenzen dieses Kreises gibt, kann eine Foucaultsche Machtkritik funktionieren. Die implizite Grenzziehung ließe sich nur um den Preis einer allgemeinen Ausweitung der Kritik vermeiden: Es müssten alle Körper in gleicher Weise als einer Kritik der Macht für wert befunden werden. Dann wäre es für die Kritik das gleiche Problem, wenn Läusekörper, Steine, Menschenkörper oder Mikroben zum Objekt einer Machtpraxis gemacht würden.

Das ist jedoch offenbar nicht gemeint. Die für die Kritik relevanten gesellschaftlichen Körper sind die Körper von Menschen. Foucault kann nur deshalb Antihumanist sein, weil er zugleich naiv anthropozentrisch bleibt. Eine solche Theoriekonzeption ist für viele Probleme der Machtkritik sinnvoll, aber sie ist insgesamt nicht mehr auf der Höhe der Zeit. In der gesellschaftlichen Praxis wird heute nämlich die Frage aufgeworfen, welche Körper überhaupt noch als lebendige und personale, das heißt im Sinne Foucaults normbezogene, Körper gelten können sollen. Die Beobachtung dieser Praxis erfordert theoretisch-methodologische Werkzeuge, die eine derart grundlegende Verunsicherung reflexiv erfassen können und deshalb jeden Anthropologiebezug reflexiv wenden müssen.

Da Foucault seine anthropologische Referenz nicht expliziert, verunmöglicht er sich eine solche methodologisch-reflexive Wendung. So muss seine Kritik der Macht mehr selbstverständliche Gewissheiten in Anspruch nehmen als die modernen Machtpraktiken (der Biomedizin), die heute zu kritisieren wären. Die Macht hat Foucaults Kritik überholt. Es ist an den ZeitgenossInnen der modernen Macht, deren radikale Kritik zu erfinden.

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