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Er landet per Zufall in Istanbul, erarbeitet sich die Freundschaft einer Katze...

Literatur

Primzahlen sind keine Rettung

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In Patrick Hofmanns zweitem Roman „Nagel im Himmel“ hat ein Mathegenie aus Sachsen mit der Riemannschen Vermutung und den Zumutungen des sozialen Lebens zu kämpfen.

Wie schön! Eine Metapher, in der man baden kann: „Den Fluss sehen und den Fluss verstehen.“ Ja, das ist zweierlei, und zwischen diesen beiden Erkenntnisständen liegen Welten. In „Nagel im Himmel“, dem zweiten Roman von Patrick Hofmann, steht der Fluss für die Riemannsche Vermutung. Man kann mit dieser mathematischen Hypothese arbeiten, wie man eben in einem Fluss baden kann. Zum Beispiel hilft sie dabei, Primzahlen zu bestimmen, und sie kommt bei der Datenverschlüsselung zum Einsatz (wenn wir das richtig verstanden haben).

Einen Beweis der Vermutung, der wohl auch die besagten Verschlüsselungstechniken hinfällig, weil ausrechenbar machen würde, gibt es allerdings nicht. Um diese Nuss zu knacken – es ist das sechste der sieben Millenniumsprobleme, für deren Lösung jeweils eine Million Dollar ausgelobt ist – schickt Hofmann seinen Protagonisten Oliver Seuß ins Rennen. Oliver ist 1989 in einer sächsischen Kleinstadt geboren, seine Mutter hat sich aus dem Staub gemacht, der Vater schiebt ihn erst zur Großmutter, dann ins Heim ab. Es gibt eingängige und rustikale Schilderungen des Milieus, was zum Beispiel den Umgang mit Alkohol und zwischenmenschliche Aufmerksamkeit angeht.

Patrick Hofmann: Nagel im Himmel. Roman. Penguin, München 2020. 304 Seiten, 22 Euro.

Sie rufen Hofmanns Erstling „Die letzte Sau“ in Erinnerung: ein derb-komisches Tableau vivant eines sächsischen Bauernhofes in den frühen Neunzigern, auf dem, kurz bevor die Braunkohlebagger kommen, das titelgebende Nutztier nach allen Regeln der (auch psychosozialen) Kunst von einer jungen, autoritären Schlachterin zur Strecke gebracht wird. Diese Schlachtung, Zerlegung und Verwertung ist zugleich ein herrliches Bild für die Arbeit der Treuhand, die Hofmann in dem Buch mit aller gebotenen Klarheit parallel führt – und damit eine nur wenig subtilere Wiedervereinigungs- und Verwurstungsmetaphorik entwirft als Christoph Schlingensief in seinem Film „Das deutsche Kettensägenmassaker“.

Doch nicht nur, dass viel gesoffen und vergleichsweise wenig miteinander zurechtgekommen wird, hat das vor zehn Jahren erschienene Buch „Die letzte Sau“ mit „Nagel im Himmel“ gemeinsam. Einen Großteil des Lesegenusses macht Hofmanns Umgang mit Fachvokabular aus. Er zieht aus und macht reiche Beute in den Jagdgründen der ausdifferenzierten, am konkreten Gegenstand geschliffenen und geschärften Sprache, in der Worte die echte Werkzeugschönheit der Funktionalität annehmen.

Wenn man einst die Messer im spezifischen Detail durch Haut- und Fleischschichten und diverses Gekröse ziehen sehen konnte, hat man nun Gelegenheit, die gewaltig aufgetürmte, deshalb umso genauer gefugte Wortlogik mathematischer Zusammenhänge vor Augen geführt zu bekommen. Als hilfreich wird sich hierbei erwiesen haben, dass der in Borna geborene Hofmann selbst im altehrwürdigen Mathematikgymnasium Grimma sein Abitur machte, bevor er Philosophie und Germanistik studierte und über Husserls Theorie der Beschreibung promovierte.

Aber keine Angst vor theoretischer Austrocknung. Den Fluss sehen, ohne ihn verstehen zu müssen, ist das Privileg des Lesers, der verfolgen kann, wie Olivers einzigartig begabtes Gehirn heißer und heißer läuft und er der Lösung näher und näher kommt, und wie er sich dabei die Furchen zermartert. „Die Täuschungen und Enttäuschungen überwogen die Einsichten bei Weitem. Das Verständnis blieb ein kleiner schummriger Gang in einem Bergmassiv aus Unkenntnis. Er hielt es für möglich, die Riemannsche Vermutung zu beweisen, ohne den eigenen Beweis verstehen zu können, was natürlich seltsam und gewissermaßen beleidigend gewesen wäre, aber vielleicht gar nicht so abwegig.“ Und wir Leser dürfen ihm mit unserem Alltagsverstand aus sicherem Abstand anteilnehmend an die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit folgen.

Zugleich kommt Oliver dem Leser über dessen Empathie- und Fürsorgebedürfnis nah, wenn er mit den Zumutungen des sozialen Lebens zu kämpfen hat: Sein Vater, mit dem er sich immerhin noch einmal schlagen kann, stirbt an Lungenkrebs, seine Mutter taucht als ein gar nicht mal so schlecht gelauntes Wrack bei der Beerdigung auf, und die schöne Physikerin Ina will was von ihm und er, wie ihm schwant, auch etwas von ihr.

Die Spannung zwischen Heißdenken und Kaltleben wirft ihn in dunkle Zustände, aus denen er auszubrechen versucht. Er landet per Zufall in Istanbul, erarbeitet sich die Freundschaft einer Katze und dimmt sich immer wieder mit Bier herunter oder bringt sich mit Musik wieder auf Touren – natürlich von Johann Sebastian Bach. Und weil diese Spannung irgendwohin führen muss, nimmt das Geschehen nun einmal seinen Lauf und steuert vielleicht etwas zu logisch und konstruiert auf ein katastrophales Ende zu. Nach dem es zum Glück aber noch ein bisschen weitergeht.

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