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Prima leben und sparen war gestern

Das "Mittebuch" versammelt Innenansichten aus dem Herzen der Szene-Hauptstadt

Von Gunnar Luetzow

Berlin-Mitte ist einfach nicht mehr schick. So oder ähnlich lamentiert es seit geraumer Zeit aus dem Blätterwald der Stadtmagazine. Früher, geht die übliche Klage, ja, früher! Da sei es alles schrecklich authentisch und toll gewesen: Illegale Parties, illegale Bars, illegale Restaurants, ein Lob der Illegalität wird da von Leuten angestimmt, die sich im wirklichen Leben höchstens ihre Altbauwohnung von einer illegalisierten Arbeitsmigrantin putzen lassen. Nun hingegen: Starbucks, Fußgängezonen und am Ende noch die eigenen Eltern bei Kaffee und Kuchen im Reisebus auf Besuch aus dem Sauerland. Schrecklich sei das, das ganze "Flair" futsch, nun hingegen müsse man das wahre, eigentliche Berliner Leben ganz woanders suchen. Im noch immer oberschweineöden Oberschöneweide vielleicht oder kurz vor Pankow, wohin es bekanntlich auch den Lokalhelden Bolle auf der Suche nach Amüsement zog.

Tatsächlich ist der Sachverhalt komplexer: Im Laufe von mehr als zehn Jahren ist aus dem Namen eines Stadtviertels ein überregional bis international akzeptiertes Label geworden, das sowohl als ganz platt als Talkshow-Marke wie auch, etwas dezenter, als Verkaufsargument für Mode, Musik und Politik funktioniert. Profitiert haben davon natürlich nur die jeweiligen Spitzenanbieter, die - wie beispielsweise in der Kunstszene - auch von Mietern zu Eigentümern wurden. Dennoch ist in Mitte die berlintypische Low-Budget-Infrastruktur erhalten geblieben und hat sich zum Teil in den noch unsanierten Arealen sogar ausgebreitet: Man darf sich die Gegend also als eine Mischung von London, New York und Conny's Container vorstellen. Verloren hat Mitte höchstens seine Mitte.

Informationen aus erster Hand bietet dazu das im ebenfalls mittigen Berliner Verbrecher Verlag erschienene Mittebuch, das auf nicht ganz zweihundert Seiten Reportagen, Geschichten, Comics und Zeichnungen von 27 Autoren und Künstlern versammelt. Erfreulich an der Auswahl ist nicht nur, dass im Gegensatz zu anderen Publikationen ein Großteil der Beteiligten eben nicht nur mal irgendwann im "Cibo Matto" jemanden getroffen haben, der jemanden kennt, der jemanden kennen will, der etwas ganz Ungewöhnliches erlebt hat oder jetzt im Plattenbau wohnt und das schick findet. Statt dessen schreiben und zeichnen da welche, die ihr Terrain kennen und bisweilen sogar selber einiges angestoßen haben.

Dazu gehören lokale Legenden wie die ehemalige Lassie-Sängerin Christiane Rösinger, heute "von Beruf Desillusionistin" bei "Britta", Initiatorin der großartigen "Flittchenbar" und gnadenlose Chronistin einer "Ausgehgesellschaft", die sich beim langsamen Übergang von Jugend in Juhnke so ihre Gedanken über zukünftige Ex-Freunde, das tolle Leben anderswo und Hunde mit Halstüchern macht. Ihr Fazit nach einer Ewigkeit vor und hinter dem Tresen: Prima Leben und Sparen ist in Berlin irgendwie nicht mehr, besser man bleibt gleich daheim und clubbt sich durch die virtuellen kneipen des vorabendlichen Seifenopernprogramms. Irgendwas läuft schließlich immer.

Ähnlich resigniert beschreibt Fehmi Baumbach, Künstlerin und Tresenkraft im "Roten Salon" von Castorfs Volksbühne ihren Alltag, der hauptsächlich aus der Flucht vor dem Gerichtsvollzieher zu bestehen scheint. Ihre Hoffnung, dass sich all die unbezahlten Rechnungen irgendwann für "irre viel Geld" als Teil eines Kunstprojekts verkaufen lassen ist allerdings so illusorisch wie die Hoffnung auf eine baldige Errettung der Stadt aus ihrer finanziellen Misere. Euphorischer lesen sich hingegen Marc Weisers Beobachtungen aus den besten, ziemlich anarchischen Tagen des "Eimers", der früher oder später auch im Brigitte Trend Guide landete.

Wie sehr insbesondere der Zugriff der Boulevard-Medien auf Mitte als Bühne für ihre vorproduzierten Visionen eines crazy Terrordroms die öffentliche Wahrnehmung geprägt hat, demonstriert Anton Waldt mit seinem Trash-Verschnitt von Sex, Drogen und Techno. Darüber hinaus werden traurige Abende in leeren Restaurants abgeschmeckt, szene-interne Polemik verteilt und kleine Chroniken des noch immer laufenden Schwachsinns in E-Commerce und Werbung erstellt.

Doch nicht mal in Berlin-Mitte ist die Selbstreflektion der intelligenteren Spaßgesellschaft alles: Weitere Reportagen und Essays beleuchten das Schicksal der Modernisierungsverlierer und die Rolle der üblichen Verdächtigungen im Aufwertungsprozess des Quartiers und Iris Weiss beklagt zu Recht die "scheinbare Vitalität der virtuellen jüdischen Welten", die um das so genannte Scheunenviertel herum neu installiert wurden. Generell nimmt man es auch in der Szene mit der Geschichte nicht so genau: "Gerne wurde vergessen, dass der Spaß von Mitte in arisierten Räumen stattfand, gegen deren Rücküberstattung sich ein Teil der Clubbetreiber wehrte", erläutern die Herausgeber.

Komplett wird dieses Bild allerdings erst, wenn man es mit dem von Heinz Bude angedachten und in großen überregionalen Essays ausdiskutierten Selbstverständnis jener omninösen Generation Berlin zusammen denkt, die, wie es in der Vorbemerkung zu Budes gleichnamigem Merve-Bändchen heisst, "ohne Vergangenheitsbelastung Zukunftsbehauptung betrieb". Da freut sich, wer, auf dem schmalen Streifen zwischen Zentrum und Peripherie balancierend, den nötigen Abstand zum Mitte-Hype gehalten hat. Und die Szene so? Nun ja: Das Neuköllnbuch ist im Verbrecher Verlag bereits in Vorbereitung und Neukölln war eigentlich noch niemals gefährdet, schick zu werden - aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Jörg Sundermaier / Verena Sarah Diehl / Werner Labisch: Mittebuch. Verbrecher Verlag, Berlin 2003, 195 Seiten, 12,30 €.

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