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Preise der Leipziger Buchmesse: Übersetzungsleistungen

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Von: Judith von Sternburg

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Ohne Leipziger Buchmesse, aber auf dem Messegelände: Anne Weber, Tomer Gardi und Uljana Wolf (v.l.).
Ohne Leipziger Buchmesse, aber auf dem Messegelände: Anne Weber, Tomer Gardi und Uljana Wolf (v.l.). © dpa

Die Preise der Leipziger Buchmesse für Tomer Gardi, Anne Weber, Uljana Wolf.

Einen von der Freiheit des Wortes umwehten Verlauf nahm die Verleihung der mit je 15 000 Euro dotierten Preise der Leipziger Buchmesse und endete in einer tollen Überraschung. Auf Tomer Gardi und seinen verrückten Roman „Eine runde Sache“ hätten angesichts der zur Verfügung stehenden Auswahl in der Kategorie Belletristik wohl nicht viele gewettet – darunter ein Leipzig-Roman von Heike Geißler, ein fabelhaftes Sowjetunions-Buch von Katerina Poladjan, ein Opus Magnum von Emine Sevgi Özdamar. Auch Gardi, der in einem exklusiven Hemd auftrat, hätte es ganz sicher nicht getan. „Irgendwie“, sagte er, sei „das auch zu viel“. Als israelischer Staatsbürger grüße er solidarisch die Palästinenser und andere Völker außerhalb Europas, die unter einer Besatzungssituation zu leiden hätten.

Klein und unabhängig

In Richtung seines Verlages Droschl (Graz) sagte er: Zweimal hintereinander, das sei nicht schlecht. Nach „Echos Kammern“ von Iris Hannika 2021 nämlich, wie in der aktuellen Runde überhaupt die so genannten und auch wirklich kleinen Verlage die Nase dermaßen vorne hatten, als sollten die Konzernkollegen dafür auf die Mütze bekommen, dass die Leipziger Buchmesse nicht zuletzt über ihre Absagen gestolpert war.

Der Witz von „Eine runde Sache“ ist unter anderem, dass es überhaupt keine runde Sache ist. Stattdessen überlässt es Gardi seinen Leserinnen und Lesern, mit zwei höchst unterschiedlichen Textteilen zurechtzukommen und dabei wie die Mitjurorin und Laudatorin Shirin Sojitrawalla subtile Verbindungen zu erkennen oder allemal die eigenen Erwartungen an einen Roman, zumal einen deutschsprachigen Roman zu überprüfen. In seinem funktionstüchtigen Kunstdeutsch erzählt Tomer Gardi im ersten Teil von der Begegnung eines gewissen Tomer Gardi mit einem gesprächigen Deutschen Schäferhund. Teil 2 ist dem historischen javanischen Maler Raden Saleh gewidmet – nun in fehlerfreiem, elegantem Deutsch, von Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzt.

Übersetzungen spielten bei allen drei prämierten Büchern eine doppelte und dreifache, eine subversive und belebende, eine innige und intellektuelle Rolle. Naturgemäß beim Preis in der Kategorie Übersetzung, aber auch das fiel diesmal besonders virtuos und verschachtelt aus.

Die Schriftstellerin Anne Weber (die nach dem Deutschen Buchpreis für „Annette, ein Heldinnenepos“ 2020 nun zu den Messebuchpreis-Doppelgewinnerinnen zählt) übersetzte den Roman „Nevermore“ von Cécile Wajsbrot (Wallstein Verlag) aus dem Französischen. Wajsbrot, die wie Weber Übersetzerin und Dichterin ist, erzählt darin von einer Übersetzerin, die Virginia Woolfs „To the Lighthouse“ ins Französische überträgt, so dass sich Weber mit drei Sprachen zu beschäftigen hatte. So gewinne ein Buch, sagte Weber, das seinerseits das Übersetzen als gedanklichen Prozess würdige, den man beim Lesen mitverfolgen könne. Das Übersetzen sei gleichsam das Gegenteil von „Nevermore“, ein ständiges, lebendiges Weitermachen, der „Inbegriff des Unvollendbaren“. Die erkrankte Jurorin Katharina Teutsch sprach in ihrer (vertretungsweise verlesenen) Laudatio von einer so „pedantischen“ wie „plastischen“ Tätigkeit, kulminierend in einem „Krimi des Bezeichnens“.

Vergangenheit und Zukünfte


Zuvor war aber sogar die Kategorie Sachbuch vom Thema Übersetzung durchdrungen, ausgezeichnet wurde Uljana Wolf für ihren Essay- und Redenband „Etymologischer Gossip“ (kookbooks). Auch die Lyrikerin Wolf ist als Übersetzerin tätig, auch der Band, so Laudator Andreas Platthaus, enthalte brillante Übertragungen und hinreißende Gedichte. Vor allem ergänzten sich Texte aus anderthalb Jahrzehnten zu einem großen Ganzen, das weit mehr sei als seine Teile und in eine Zeit der „unterbrochenen Vergangenheiten“ und „diasporischen Zukünfte“ passe.

Wolf bedankte sich bei ihren Gesprächspartnern, -partnerinnen aus aller Welt, im gesprochenen wie im geschriebenen Wort. Im Grunde, sagte sie, höre sie immer nur zu. Ein unmodischer, aber nützlicher Vorgang, wie überhaupt die Gewinnertexte nicht so sehr inhaltlich wie formal, sozusagen technisch einen Umgang mit komplizierten Gemengelagen anbieten. Übersetzungsleistungen, das Sich-Einfühlen in etwas, das eben genau nicht eh so ist, wie man es schon kennt: nicht immer muss einem das so glühend wichtig vorkommen.

Jurysprecherin Insa Wilke empfahl noch Tanja Maljartschuks Ukraine-Roman „Blauwal der Erinnerung“ und in diesem Zusammenhang (dem Zusammenhang eines nicht mehr nagelneuen Buchs) auch generell das Einschalten des Langzeitgedächtnisses.

Keine Leipziger Buchmesse, aber eine Preisverleihung in der Glashalle. Wer nur am Bildschirm zusah, bekam ganz schlechte Laune. Sah schön aus, leipzigerbuchmessemäßig, nur rundherum keine weiteren Leute. Ein inzwischen auch gar nicht mehr so kleines „Leipzig liest“ schließt sich in den nächsten Tagen an.

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