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Preis der Leipziger Buchmesse geht an Natascha Wodin

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Natascha Wodin (r) wird am 23.03.2017 auf der Leipziger Buchmesse in Leipzig für ihren Roman "Sie kam aus Mariupol" in der Kategorie Belletristik mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017 ausgezeichnet.
Natascha Wodin (r) wird am 23.03.2017 auf der Leipziger Buchmesse in Leipzig für ihren Roman "Sie kam aus Mariupol" in der Kategorie Belletristik mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017 ausgezeichnet. © Hendrik Schmidt/dpa

Für ihren Roman "Sie kam aus Mariupol" wird Natascha Wodin mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Drei Siegerinnen bei den Preisen der Leipziger Buchmesse. Natascha Wodin, die mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt) in der Kategorie Belletristik gewann, war nicht die größte Überraschung. Schon andere Jurys haben klargemacht, dass Fiktion ein weiter Begriff ist und auch autobiografisches Material, wenn es auf literarischem Niveau behandelt wird, in Frage kommt. Das muss einen als Argument nicht überzeugen, aber Wodins Buch tut es umso mehr.

Die Schriftstellerin, 1945 als Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin geboren, die sich nur elf Jahre später das Leben nahm, hat sich erst als Erwachsene der Frage ihrer Herkunft gestellt. Das schien zu spät zu sein – spärliche Erinnerungsstücke waren vernichtet –, aber ein Zufallsfund im Internet ist der Ausgangspunkt für eine nicht zuletzt detektivische Spurensuche, die Wodin sorgsam aufschreibt. Man braucht das weltweite Netz, das hierbei Erstaunliches zutage fördert, man braucht aber auch Menschen in einem fernen Land, die einem helfen, die am Ende zum Beispiel bereit sind, einmal zu einer bestimmten Adresse zu gehen, an einer Tür zu klingeln, Nachbarn anzusprechen.

Wodin wiederum, denkt man immer wieder, braucht dieses durchaus nüchterne Gerüst einer Recherche, um aufzuschreiben, was sie „den größten Teil meines Lebens“ nicht wusste und eben auch nicht wissen wollte: Die Geschichte ihrer Familie ist die von Menschen, die zwischen totalitären Systemen zermahlen werden. Während die Mutter als so genannte Ostarbeiterin nach Leipzig verschleppt wurde, kam ihre Schwester in ein sowjetisches Straflager. Nicht die einzigen in den Zeitläuften vernichteten Leben, nicht alle Rätsel lassen sich dabei lösen, aber einige doch. Es klingt ein bisschen banal, aber es ist am Ende gut, etwas zu wissen. Was die Autorin betrifft, aber auch was ein Lesepublikum betrifft, das seinerseits erst sehr spät und überhaupt nur zum Teil die von Deutschen herbeigeführte und gerne ausgenutzte Tragödie der Zwangsarbeiter zur Kenntnis genommen hat.

Historikerin überraschend ausgezeichnet

Auch darum, sagte Wodin, freue sie sich über den Preis und wünsche dem Buch viele Leser. Wer  als längst Erwachsener das Wort „Displaced Person“ kennengelernt hat, kann nur zustimmen.

Jetzt aber die Überraschung: In einer Buchwelt, in der immer häufiger der besondere Ansatz im Sachbuch gesucht wird (erstens), und in einem Wettbewerb, in dem sich auch das topaktuelle Thema der „Neuen Rechten“ tummelte (in Volker Weiß’ starkem Buch „Die autoritäre Revolte“, zweitens), gewann die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger mit ihrem gut tausendseitigen Werk „Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit“ – einer (auch in der FR) bereits hochgelobten, gleichwohl klassisch orientierten Biografie. Zum 300. Maria-Theresia-Geburtstag in diesem Jahr verabschiedet Stollberg-Rilinger sich von den Sentiments und Ressentiments, die im 19. Jahrhundert den Blick auf die Herrscherin so oder so färbten. Als „bahnbrechend“ bezeichnete Juror Alexander Carmann das Buch, indem es Maria Theresia „endlich in dem ihr gebührenden Licht“ zeige, und dieses Licht, so Carmann mit Stollberg-Rilinger, sei postmodern, „Ein Leben als Inszenierung“.

Fleiß, Wille und Fähigkeit: Übersetzerin Eva Lüdi Kong geehrt

Ein Preis für Fleiß, Willen und die Fähigkeit einer offenbar immens adäquaten Umsetzung ging eingangs an die Übersetzerin Eva Lüdi Kong, die als erste überhaupt den chinesischen Klassiker „Die Reise in den Westen“ (Reclam) vollständig ins Deutsche übertragen hat. Nochmal mehr als tausend Seiten. Wer schrieb das Buch, das heute in einer 400 Jahre alten Fassung vorliegt (und dessen Personal dem Vernehmen nach umstandslos in die Welt der Mangas übergesetzt hat)? Und wann entstand es? Man weiß es nicht, aber von Eva Lüdi Kong erfährt man auch in ausführlichen Anmerkungen, was nur immer zu erfahren ist. Nur Mut.

Eva Lüdi Kong berichtete, dass ein Kommentator des 18. Jahrhunderts erklärt habe: „Wo immer sich dieses Buch befindet, es wachen die Götter des Himmels darüber.“ Natürlich wünscht man das auch vielen anderen Büchern. Immerhin ist es ermutigend, wie gut es funktioniert hat.

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