+
Lutz Seiler. 

Buchpreis

Preis der Leipziger Buchmesse: „Dann geben Sie mal her“

  • schließen

Prosaisch vorgetragen, aber okay: Die Leipziger Buchmesse ehrt Lutz Seiler, Pieke Biermann und Bettina Hitzer.

Lutz Seiler hat unüberraschend den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewonnen. Ein grandioser Sieg, wenn man noch dazu bedenkt, dass „Stern 111“ der zweite Roman des 56-Jährigen ist, und er mit dem ersten, „Kruso“, den Deutschen Buchpreis 2014 gewann.

Seiler, so viel können wir sagen, saß am Donnerstagmorgen beim Frühstück, als er im Radio davon hörte. „Wir sitzen hier am Frühstückstisch und haben uns sehr gefreut“, sagte er kurz darauf selbst im Radio und grüßte den Suhrkamp Verlag. Jens Bisky von der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse sagte, er habe beim Lesen von „Stern 111“ auch ungeheuer häufig schmunzeln müssen. Das finde er herrlich, sagte Seiler. So dass gleich mehrere sympathisch altmodische Wörter aus dem Äther (also dem Smartphone) kamen, nicht uralt, aber wie aus einer anderen Welt.

Fremdartiges Hessen

So kommt es einem beim Lesen von „Stern 111“ wohl auch vor: Gerade weil großartige Szenen im Hessischen und in Rheinland-Pfalz spielen, wohin es die Eltern des Protagonisten verschlägt, die direkt nach dem Mauerfall gen Westen aufbrechen: Die Älteren wollen raus, wollen los, während sie es dem sanften, vielleicht eine Nuance schlappen Sohn überlassen, das Haus in Gera zu versorgen (wo Carl wie Seiler 1963 geboren worden ist). Der Sohn denkt nicht daran und fährt nach Berlin, was aber weit weniger exotisch ist als Diez an der Lahn, wie Seiler schlüssig aufzeigt.

„Stern 111“, sagte Juror Bisky im Radio, sei ein Roman über das Aufbrechen, nicht eigentlich ein Zeitroman, aber definitiv vor-digital. Was einen Teil des Zaubers erklärt, ein Märchen aus einer Zeit, die wir doch auch erlebt und erschütternd wenig davon gemerkt haben. Offiziell hieß es zur Begründung unter anderem: „Dieser Roman leuchtet auf jeder Seite und das mit menschenfreundlichem Humor.“ Die „Neuordnung der Dinge in einem plötzlich regellosen Raum“ werde „groß und genau“ beschrieben, und dies „in der Verquickung von Geschichtsschreibung und Privatmärchen“.

Es war eine auffällig bescheidene Preisbekanntgabe auf Deutschlandfunk Kultur (eine Folge der Messe-Absage), auch wenn zwischendurch sogar Gelegenheit war, einen Titel des Moka Efti Orchestras zu hören, bekannt aus der Serie „Babylon Berlin“. Eigentlich war es sogar irrwitzig bescheiden, zumal am Anfang zwar eine passabel melodramatische Erkennungs-Melodie erklang, aber dann ging es erstmal technisch so glücklos hin und her, dass einem daheim vor dem Radioapparat (also dem Smartphone) wenig anderes übrig blieb, als verlegen zu kichern. Radio ist eben auch ein hochkomplexes Unterfangen.

Dann bekam die Bescheidenheit zumindest Methode. Alle Mitwirkenden klangen lediglich unheimlich glücklich, weil sie ja einen Preis zu vergeben hatten oder sogar diesen Preis gewonnen hatten und darum nun vom Radio angerufen wurden. Zu Recht wollten sie hörbar lächeln.

Der Moderator Joachim Scholl, mit drei der sieben Jurymitglieder im Studio, bekam bereits nach etwa vier Minuten den ersten Umschlag prosaisch angereicht („dann geben Sie mal her“). Es war ein Rupfen und Kruscheln, bis er ihn geöffnet hatte („gar nicht so einfach, den aufzukriegen“) und mitteilen konnte, dass Bettina Hitzer mit „Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts“ (Klett-Cotta) den Preis in der Kategorie Sachbuch und Essayistik gewonnen hatte. „Krebs fühlen“, so die Jury, sei „eine Gesellschaftsgeschichte, Emotionsgeschichte und Mediengeschichte“. Am Ende stehe dabei die Entdeckung: „Noch nie haben wir unsere Gefühle so stark rationalisiert wie heute in der Zeit ständiger Selbstoptimierung und permanenter Gefühlsarbeit.“

Auch Hitzer freute sich am Telefon und sprach kurz darüber – aber deutlich länger, als es im Messegetümmel möglich gewesen wäre –, dass Gefühle eben nicht so irrational seien, wie es gemein vermutet werde. Leider ging dann schon Biskys gute Frage irgendwie wieder unter, ob nicht die Krankheit Krebs heute gesellschaftlich geradezu von einem „emotionalen Imperativ“ begleitet werde.

Der zweite Umschlag, weiterhin geräuschstark, aber flinker geöffnet, enthielt die Information, dass der Preis in der Kategorie Übersetzung an Pieke Biermann geht, für Fran Ross’ Roman „Oreo“ (dtv). Sie bringe, erklärte die Jury, „das halsbrecherische Erzähl-Tempo“ des Buchs mit „großem Erfindungsreichtum in ein Deutsch, das eine solch schrill-schöne Vielgestalt auf so engem Raum selten gesehen hat“. Sie habe dieses nun spät fürs deutsche Publikum entdeckte (in den USA 1974 erschienene) Buch „saukomisch und sauklug“ gefunden, und „sauschwer zu übersetzen“, sagte Biermann am Telefon. „Genießen Sie den Tag“, sagte Joachim Scholl. „Aber hallo“, sagte Pieke Biermann.

Nächstes Jahr aber in Leipzig

Dotiert sind die drei Auszeichnungen mit je 15 000 Euro. Je tausend Euro bekommen auch die übrigen Nominierten, das sind noch vier pro Kategorie.

Im Internet, im Radio wurde es zart angedeutet, war viel mehr los, lustige Bilder von feiernden Verlagsbeschäftigten wurden gepostet und so weiter. An dieser Stelle lässt sich wiederum festhalten, dass dieser stille Morgen auf seine Weise unvergesslich sein wird. Vorausgesetzt, dass wir uns nächstes Jahr in Leipzig sehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion