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Ende der sechziger Jahre waren in Prag Balanceakte tägliche Notwendigkeit.
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Ende der sechziger Jahre waren in Prag Balanceakte tägliche Notwendigkeit.

Shortlist Deutscher Buchpreis 2010

Prager Feuchtgebiete

Er kam 1978 von Prag nach Ost-Berlin und wurde bald zu einem Protagonisten (und Außenseiter) der Prenzlauer-Berg-Szene. Jan Faktors Alter ego Georg geistert schon lange durch seine Bücher. Von Insa Wilke

Von Insa Wilke

Nicht ganz zwanzig Jahre nach der Wende begann die Zeit der dicken Bücher: Ingo Schulzes Roman "Neue Leben" machte den Anfang, Tellkamps "Turm" folgte und Zaimoglus modernes Märchen "Hinterland" gehört bei genauerem Hinsehen auch in diese Reihe.

Ob es barocke, romantische oder eher bürgerliche Traditionen sind, in die diese Autoren sich einschreiben, ihr Standpunkt ist die vergangenheitsgesättigte postsozialistische Gegenwart. Von hier aus betrachten sie ihre Zeit oder lassen die Vergangenheit noch einmal aufleben, um sie endgültig zu begraben. Sie sind Männer und ihre Bücher gleichen Ergüssen nach lang gestauter Spannung.

Dabei geht es nicht nur um den Umfang, sondern um die Erzählweise, das wuchernde Unterholz des Erzähldschungels oder das Schwelgen in lyrischen Arabesken. Jan Faktor setzt nun auf seine Art eins drauf: "Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag" heißt sein satirischer Roman, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Faktor kam 1978 von Prag nach Ost-Berlin und wurde neben Bert Papenfuß schnell zu einem Protagonisten (und Außenseiter) der Prenzlauer-Berg-Szene. Sein Alter ego Georg geistert schon lange durch Faktors verzerrt autobiographisch grundierte Bücher. Früher machte Georg sich Sorgen um seine Zukunft, und sein Autor kündigte an: "Alles, was die Gegenwart und die Vergangenheit von Georg betrifft, wird erst im nächsten Band zu finden sein. Detailliert, verräterisch, intim, erschöpfend." Das war nicht zu viel versprochen.

Georg berichtet im neuen Roman mit pedantischer Genauigkeit bei gleichzeitiger Abschweifungslust von seiner Nachkriegskindheit in einer Prager Wohnungshöhle, in der die Überlebenden seiner jüdischen Familie im ästhetischen Chaos hausen: Onkel ONKEL, Mutter Anne, Großmutter Lizzy und eine Handvoll skurriler Tanten mit ihren kriegsbedingten Ticks. Denn aus den "KZs kamen nicht die Herren, sondern eher die Damen zurück."

"Gender-Studien der heiligen Ärsche"

In dieser duftenden Zwangsgemeinschaft und in Anschauung der "fraulichen Neozoikallandschaften" erlebt Georg nicht nur den intellektuellen Underground der 60er Jahre, sondern auch die Erotisierung seiner Welt. Seine "Nippel-, Hügel und Spaltenphilie" führt ihn schon bald von "edlen Gender-Studien der heiligen Ärsche" zwischen die "Beine begattungswilliger Frauen", deren Hygiene einiges zu wünschen übrig lässt und aus denen auch mal ein "Rühr&Gerinn-Blutkuchen mit Spermagarnierung" auf den Fußboden klatscht.

An solchen Stellen, von denen es viele gibt, gerät man ins Grübeln über das Philistertum der Literaturkritik, die sich über Charlotte Roches "Feuchtgebiete" pikiert empörte und nach den ekstatischen Hymnen auf Wunderkind Hegemann nun zumindest teilweise auch die neurotische Freude der fiktiven Figur Georg an "Besudelung und Selbstbesudelung" als subversiven Coup gegen die eigene Geschmackspolitik begrüßen wird.

Georgs chauvinistischer und alles andere als politisch korrekter Blick ist allerdings begründbar. Als Reaktion auf Auschwitz-Gedenkveranstaltungen zum Beispiel: "Schnell weg, sage ich nur. Und lasst mich - liebe Leute - bloß nicht weiter geschmacklos faseln."

Die anhaltende industrialisierte "Vergangenheitsbewältigung", die sich wie der "Griff in ein noch leicht dampfendes Häufchen" anfühlt, fordert zur Gegen-Geschmacklosigkeit auf. Faktors Programm: Eine Lustigkeit, die gleich mit dem ersten Satz lachen lässt, beim zehnten zu nerven beginnt und schließlich für aggressive Ausbrüche sorgt. Doch der Aggressor ist der Leser, diesmal auch nicht durch ermunternde Zurufe wie "Sie sind schon sehr weit gekommen" milder gestimmt.

"Meister der Reduktion"

Kunst sei Arbeit an fremden Gefühlen, hat Faktor einmal geschrieben. Und: Sie sei überwundene Depression. Zum Beispiel derjenigen nach 1968, als die Phase der sozialistischen Illusion mit der Invasion russischer Panzer der großen Depression und dem Zynismus in Prag wich. Als "Meister der Reduktion" (Jörg Magenau) weiß Faktor genau, was er tut, wenn er seine Prosa als Unkontrollierbares von der Leine lässt. Pate stand ihm nicht nur Henry Miller, sondern auch Grimmelshausen mit seinem lustigen Schelmenroman über einen der grausamsten Kriege Europas.

Auch Faktor findet eine Sprache für Dinge, über die man in Deutschland nicht spricht. Und wenn das die Penisverlängerung und die Flucht in den wenigstens authentischen Dreck ist, dann schließt sie ein lautes Schweigen über den gesellschaftlichen Sumpf, die Familiengeschichte vor 1945 und die Deformationen einer Jugend im sozialistischen Alltag mit ein. Und nicht nur das. Faktors Roman schaut nicht nur zurück. In den Phänomenen des Sozialismus, dem Sprachzerfall durch den "netten Ton" nach 1968, in den Menschenmassen, die Straßenarbeiter angaffen, um "richtige" Arbeit zu sehen, und in der geheuchelten Sorge um die Vergangenheit spiegelt sich die Gegenwart.

Faktors Fäkaloffensive greift die Leser an. Und gerade weil er sie durch brillante Szenen bricht, wie die furchtbare Erinnerungstortur von Georgs Mutter im ehemaligen Lager Christianstadt oder das groteske Solo eines gescheiterten Pianisten in den slowakischen Bergen, zeigt sein Roman, was der Literatur auch heute, in der Ära der Unerschütterlichkeit, immer noch möglich ist.

"Mein Name ist Georg und ich habe jetzt endgültig keine Probleme mehr damit über mich und meine Vergangenheit zu sprechen." Dass man an diesem Satz zweifeln darf, ist Teil der Größe des Non-Romanciers Jan Faktor, als der er sich mit diesem Werk erweist.

"Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag": Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2010, 637 Seiten, 24,95 Euro.

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