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Henry Dreyfuss vermaß 1955 den männlichen und erwachsenen Durchschnittsamerikaner: Joe.

„History of Information Graphics“

Prachtband zu Infografiken: Durchschnittsmänner und die Waffen der Frauen

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Atlanten, Epidemien, ewige Kalender, Makrokosmos, Mikrokosmos, Stammbäume, Tortengrafiken, Tabellen, Zeitschienen – 1200 Jahre Geschichte der europäischen Infografik.

Wer schon vor zwanzig Jahren Zeitungen las, der erinnert sich daran, dass es damals so gut wie keine Tabellen zu betrachten gab. Ein paar Mal im Jahr gab es Infografik: Bundeshaushalt, Tarifabschlüsse, Ländervergleich. Alles im Wirtschaftsteil.

Das hat sich gewaltig geändert. Seit die Powerpointpräsentationen mit ihren Charts die Konferenzen beherrschen, ist die Vorstellung, mit einer Abbildung ließe sich leichter als mit diesem Satz erkennen, dass das chinesische Wirtschaftswachstum mit 6,2 Prozent gegenüber den drei ersten Quartalen 2018, zwar deutlich über den 0,5 Prozent der deutschen Wirtschaft, aber doch so niedrig liegt wie zuletzt vor 28 Jahren.

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte, heißt es. Für die Infografik gilt das nicht. Sie vermittelt keinen Eindruck, sie korreliert Zahlen. Die müssen genau entziffert und verstanden werden. Der Vorteil der Infografik liegt gerade nicht in dem, wofür sie gepriesen wird, also nicht im schnellen Überblick, sondern in der Zeit, die wir aufwenden, um uns darüber klar zu werden, was sie uns sagen möchte. Die Infografik ist ein Mittel zur Entschleunigung des Lesevorgangs. Wir betrachten ein Bild und studieren die Bildbeschreibung. Eine Infografik ohne Gebrauchsanweisung ist keine.

Sandra Rendgen und Julius Wiedemann haben eine „History of Information Graphics“ vorgelegt, die das Prächtigste ist, was mir zum Thema je vor Augen kam. Stören Sie sich nicht am englischen Titel. Alle Texte des Buches sind auf Deutsch, Englisch und Französisch zu lesen.

„Linie, Farbe, Flächen, Zeichen – 1200 Jahre visueller Wissenstransfer“ ist der Titel des einleitenden Textes von Sandra Rendgen. Das ist eine verengte Darstellung der Geschichte der Informationsgrafik. Darauf weist die Autorin gleich zu Beginn ihres Essays hin: „...die Praxis, Informationen visuell zu codieren und zu speichern, um mit ihnen zu arbeiten und sie weiterzureichen, ist uralt.“ Auf das wohl mit erfolgreichste infografische Verfahren der Menschheitsgeschichte wird in dem Band nicht hingewiesen: die Schrift.

Schon vor den ersten Protoschriften wurden Informationen visuell codiert, gespeichert und weitergegeben. Aber wir tun uns schwer, die Zeichen zu entziffern. Wir bewegen uns da in einer Welt, in der Kunst und Infografik nicht zu trennen sind. Man darf auch nicht davon ausgehen, dass die Adressaten immer nur Menschen waren. Die Nasca-Linien in Peru zum Beispiel richteten sich wohl an Götter und Geister. Der Band beschäftigt sich also mit einem winzigen Ausschnitt aus der Geschichte der – europäischen – Infografik. Den bietet er aber in einer überwältigenden Opulenz. Landkarten und Genealogien sind die bekanntesten „Infografiken“ des Mittelalters. Dazu kommen z. B. auch Kalender, die Bewegungen der Himmelskörper und die Hierarchien der Schöpfung.

Eine gute Infografik zeigt genau das, was Autor und Grafiker den Betrachtern zeigen wollten. Sie hat kein Geheimnis. Alles liegt offen zu Tage. Das macht sie oft langweilig. Eine mit großem intellektuellen und künstlerischem Aufwand hergestellte Langeweile. In glücklichen Fällen kippt dieser Verzicht auf die Arbeit des Zufalls, diese konzentrierte Beschränkung aufs Intendierte um ins Komische.

Zum Beispiel die Zeichnung des amerikanischen Industriedesigners Henry Dreyfuss (1904-1972) aus dem Jahr 1955, die für ergonomische Zwecke „die menschlichen Körperproportionen und Reichweiten“ zeigt. Es handelt sich bei der abgebildeten Figur um „Joe, den erwachsenen amerikanischen Durchschnittsmann“. Arm-, Kopf-, Bein- und Fußlänge, Schulterbreite, Brustumfang – alles erfasst. Nur einen Penis hat dieser erwachsene amerikanische Durchschnittsmann nicht. Die Vermehrung des Menschengeschlechts lag offensichtlich außerhalb seiner Reichweite.

Der Band zeigt auch „die erste Karte, auf der proportionale und segmentierte Kreisdiagramme zu sehen sind. Sie unterscheiden die Menge und die Fleischsorten auf dem Pariser Markt nach Herkunftsregion.“ Dieses erste Kreisdiagramm stammt aus dem Jahr 1858 und von Charles-Joseph Minard (1781-1870). Sein berühmtester Beitrag zur Geschichte der Infografik zeigt die Verluste der napoleonischen Armee auf ihrem Russlandfeldzug. Der amerikanische Informationswissenschaftler und Grafikdesigner Edward Tufte, geboren 1942 in Kansas City, hat die 1869 entstandene Arbeit Minards als „vermutlich beste Infografik aller Zeiten“ bezeichnet. Dem Laien erschließt sich diese Einschätzung nicht. Zumal Minard neben der Wegstrecke und der jeweiligen Größe der Truppenverbände nur noch die Temperatur aufzeichnet. Eine verhältnismäßig einfache Veranstaltung also.

Dem britischen Eugeniker Francis Galton (1822-1911), einem Cousin von Charles Darwin, begegnet man in diesem Band als dem Erfinder der ersten Wetterkarte. In seinem Buch „Meteorographica“ legte er 1863 erstmals systematisch gesammelte Wetterdaten vor, die die Korrelation von Luftdruck und Wind analysierten. Am 1. April 1875 erschien in der „Times“ die erste Wetterkarte der Zeitungsgeschichte.

Ein sehr schöner handkolorierter Druck aus dem 1491 in Nürnberg erschienenen Band „Schatzbehalter der wahren Reichtümer des Heils“, zeigt, wie die Infografik die Mnemotechniken nutzt. Der Franziskaner Stephan Fridolin (1430-1498) und die Maler Wilhelm Pleydenwurff (1460-1494) und Michael Wolgemut (1434-1519), der Lehrer Albrecht Dürers war, hatten sich zusammengetan, um mit dem „Schatzbehalter“ eines der schönsten Werke des frühen Buchdrucks zu schaffen. In unserer Geschichte der Infografik sind zwei Seiten daraus abgedruckt. Eine linke und eine rechte Hand. Der Daumen der linken Hand zeigt oben den gemarterten Jesus und unten eine trauernde Maria. Auf den Gliedern der restlichen vier Finger der linken Hand sind die zwölf Jünger zu sehen. Auf dem obersten Glied des Ringfingers ist Judas zu sehen. Es handelt sich nicht um Judas Ischariot, der Jesus verriet, sondern um Judas Thaddäus, der im Johannesevangelium Jesus fragt, warum er seine Abschiedsrede nur den Jüngern und nicht der Welt hält.

Pleydenwurff und Wolgemut haben auch die Schedelsche Weltchronik mit 1809 Holzschnitten illustriert. Erschienen ist der prächtige Band 1493 beim Drucker Anton Koberger, der auch schon den „Schatzbehalter“ gedruckt hatte. Man sieht hier gut, dass die Infografik von Anfang an Teamarbeit ist. Verschiedenste Vorlagen werden genutzt und geschickt eingesetzt, ja fast könnte man sagen, einmontiert. Das macht bis heute den Reiz der Infografik aus. Bei Produzenten wie Betrachtern.

Auch Joseph Beuys (1921-1986) hat sich in Infografik versucht. Das Buch druckt eine Seite einer Plastik(!)tüte ab, die er 1971 drucken ließ. Ein Diagramm stellt die in Grün gehaltene „Demokratie“ dem roten „Parteienstaat“ gegenüber. Vor ein paar Jahren wurde eines der 10 000 Exemplare für 516 Euro versteigert.

Den Redakteur einer Tageszeitung und womöglich auch deren Leser interessiert natürlich der Abschnitt über „Die vergessenen Anfänge der Presse-Infografik“ besonders. Das Kapitel stammt von Scott Klein, dem vielfach ausgezeichneten Chef eines Teams bei ProPublica, das mit der Entwicklung von Software zur Herstellung von Infografiken beschäftigt ist. Er weist hin auf ein Diagramm der Baumwollpreise in der „Bombay Times“ aus dem Jahr 1842: „Es ist die früheste Darstellung dieser Art, die ich je in einer Zeitung gefunden habe.“ Scott Klein schreibt, dass auch die Infografik – anders als ich oben schrieb – klüger sein kann als ihre Produzenten: „Das bemerkenswerte Liniendiagramm einer Choleraepidemie aus dem Jahr 1849, veröffentlicht in der ,New York Tribune‘, zeigt vielleicht unwissentlich einen Zusammenhang zwischen dem warmen Wetter und dem Fortschreiten der Krankheit, lange bevor wir ihre Ursache verstanden haben – und, wohlgemerkt, bevor wir überhaupt die statistische Korrelation verstanden haben.“

Visualisierende Verfahren sind ja nicht nur Modi, in denen das Erforschte dargestellt wird, sie sind längst Modi der Forschung selbst. Sie waren es wohl schon für Leonardo und Dürer gewesen.

Doch zurück zu dem letzten Kapitel des Buches, zur Infografik in der Tagespresse. Optisch ist das ein peinlicher Niedergang. Es herrscht die düstere Welt des Schwarz/Weiß und die feste Entschlossenheit, ja nicht zu fein zu zeichnen, nicht zu sehr zu differenzieren. Dafür waren das Papier und die Drucktechniken der Tageszeitungen des 19. Jahrhunderts nicht geschaffen. Also viele Tabellen. Aber das Publikum liebte es, zu sehen, was beschrieben wurde. Und sei es mittels der gröbsten Holzschnitte.

Bei manchen Abbildungen geht es dem heutigen Betrachter noch genauso. Zum Beispiel ein Diagramm aus der „Chicago Tribune“ vom 16. September 1900. Es zeigt welche Waffen von Frauen besonders gern genutzt werden. Am größten sind die abgebildet, die am häufigsten in Einsatz kommen. Man erfährt nichts über den Hintergrund der Illustration. Es kann sich nicht um eine Statistik der weiblichen Mordwaffen handeln, denn Gift kommt überhaupt nicht vor. Am Allergrößten ist der Besen, dich gefolgt vom Messer, danach kommen u.a. Teigrolle, Teller, Haarnadel, Revolver, Schirme und schon sehr, sehr klein Bücher und Kartoffelstampfer. Es handelt sich wohl eher um ein klassisches Stück frauenfeindlichen Humors, wie wir ihn aus den Slapsticks der Zeit kennen. Die Statistik soll der Sache den ernsten Anstrich geben, der sie erst komisch macht.

Die ironische Verwendung des vorgeblich objektiven Verfahrens der Infografik ist natürlich ein besonderes Highlight des Bandes. Es fällt schwer, ihn aus der Hand zu legen. Nein, das ist Unsinn. Er ist so schwer, dass man ihn kaum in die Hand nehmen kann. Ich lese ihn googlend. Ich muss dauernd Dinge vertiefen. So viel hätte in Zeiten, da es noch kein Internet gab, kein Buch bieten können. Denn die Leser hätten zu allem noch mehr Informationen haben wollen, aber das hätte statt eines Buches eine Bibliothek nötig gemacht. So habe ich zwei glückliche Tage verbracht mit diesem Band.

Sandra Rendgen, Julius Wiedemann:History of Information Graphics. Deutsch, englisch, französisch.

Taschen Verlag, Köln 2019.

462 Seiten, mehr als 400 Abbil- dungen, 50 Euro.

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