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Postkartenwahn und Tropenkoller

Geburtsstunden der Moderne: Der kolonialistische Diskurs des Kaiserreichs in Literatur, Medien und Wissenschaft

Von Felix Axster

Um die fundamentale Bedeutung des Kolonialismus für die Genese der europäischen Moderne zu unterstreichen, hat der postkoloniale Theoretiker Robert Young einmal die Frage aufgeworfen, ob möglicherweise sämtliches im Europa der letzten Jahrhunderte produzierte Wissen als Spielart des kolonialen Diskurses zu dechiffrieren sei. In Deutschland, wo die Kolonialvergangenheit oft mit dem Hinweis auf die Kürze der formalen Kolonialherrschaft des deutschen Kaiserreiches abgetan wurde, mutet dieser Gedanke besonders provokant an. Doch seit einigen Jahren scheint sich auch hierzulande - zumindest was den akademischen Diskurs angeht - ein Perspektivwechsel zu vollziehen. Dabei richtet sich das Interesse nicht nur auf die etwa dreißig Jahre andauernde Realgeschichte des deutschen Kolonialismus, sondern es entwickelt sich eine Lesart, die koloniale Spuren auch da zu entdecken im Stande ist, wo Kolonialismus auf den ersten Blick nicht vermutet wird.

Das Aufspüren kolonialer Spuren im gesellschaftlichen und kulturellen Leben Deutschlands von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Nationalsozialismus macht sich auch der von Alexander Honold und Oliver Simons herausgegebene Sammelband über Kolonialismus als Kultur zur Aufgabe. Dass solcherlei Spuren nicht als Marginalien zu verzeichnen sind, sondern vielmehr darauf verweisen, wie tief zunächst disparat erscheinende Diskurse von kolonialem Denken durchdrungen waren, dies veranschaulichen die hier versammelten zwölf Beiträge.

Oliver Simons widmet sich in seinem Aufsatz über das deutsche Ingenieurs- und Postwesen der Artikulation eines kolonialen Begehrens vor der offiziellen Inbesitznahme außereuropäischer Territorien durch das Kaiserreich. Die literarisch gehaltenen Berichte eines um 1860 am Projekt der Landgewinnung im Nildelta teilhabenden deutschen Ingenieurs sowie die deutschsprachige Rezeption der Eröffnung des Suez-Kanals 1869 zeugen gleichermaßen von einem sich technizistisch äußernden zivilisatorischen Sendungsbewusstsein wie von einer Phantasie des Zugriffs auf neue Räume.

Und auch dem deutschen Postwesen scheint das geopolitische Projekt einer Neuordnung von Räumen tief eingeschrieben zu sein. Denn der 1874 unter Federführung des preußischen Oberpostmeisters Heinrich von Stephan gegründete Internationale Postverein vermochte es, einen gänzlich neuen Raum im globalem Maßstab zu konstituieren und somit auch traditionelle Raumvorstellung zu restrukturieren. Für die Deutschen, die immer noch keine Kolonie ihr Eigen nennen konnten, hielt diese Frühform einer globalen Vernetzung die Möglichkeit bereit, sich wenigstens postalisch in der Welt auszubreiten. Zudem begann sich hinsichtlich der aus aller Welt nach Deutschland verschickten Ansichtskarten eine Sammelleidenschaft zu etablieren, die als ein "imaginärer Kolonialismus" die Alltagskultur prägte.

Thomas Schwarz hingegen befasst sich in seinem Aufsatz mit dem Diskurs über den so genannten Tropenkoller. Hier wurden verschiedene Faktoren (Auswirkungen des Klimas, Alkoholkonsum, vermeintlich übermäßige Formen von Gewalt) zu einem Krankheitsbild verdichtet, das den betroffenen Kolonisator in einen Zustand des Wahnsinns überführte. Schwarz zu Folge bestand die wesentliche Funktion dieses Diskurses in der individualisierenden Pathologisierung struktureller und kollektiver Gewaltförmigkeit.

Doch neben dem Aspekt der Gewalt verweist das Phänomen des Tropenkollers auch auf die unauflösliche Verwobenheit kolonialen und sexuellen Begehrens. Denn der dem Tropenkoller geschuldete Ausbruch von Gewalt galt lediglich als Symptom einer tiefer liegenden Entgrenzung, die meist auf den sexuellen Kontakt zu den Kolonisierten zurückgeführt wurde. Im Bild des Perversen beziehungsweise des Sadisten als vom Tropenkoller Befallener verdichten sich dann jene aus Gewalt- und Sexualitätsphantasien sich speisenden Zuschreibungen.

Schließlich befragt Schwarz den Diskurs über Tropenkoller nach seinem hybridisierendem Potenzial. Zeugt doch die der Diagnose zugrunde liegende Vorstellung einer negativen Auswirkung des Kontaktes mit fremden Menschen und fremdem Klima von dem Bewusstsein, dass auch die eigene Identität veränderbar und somit instabil ist. In dieser Perspektive erweisen sich der Tropenkoller und die mit der Diagnose erfolgende Pathologisierung als eine Form der Selbstvergewisserung, durch die das eigentlich fragmentierte, angstbeladene kolonisierende Subjekt zu sich selbst zu kommen versuchte.

Um Gewalt geht es auch in Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie", die Gegenstand eines Beitrages von Paul Peters ist. Allerdings kommt hier mit Kafka ein früher und scharfsinniger Kritiker der kolonialen Gewalt zu Wort. Denn entgegen gängigen Lesarten behauptet Peters, dass weder abstrakte Gewalt noch das System der Strafkolonie Thema in Kafkas eindrucksvoller Schilderung jener eigentümlichen Strafapparatur sei, sondern der Kolonialismus an sich, den Kafka gleichsam als eine Strafe beziehungsweise als ein exterminatorisches Strafverfahren ausstellt.

Peters untermauert diese These, indem er zahlreiche Fragmente des Textes mit Versatzstücken aus dem zeitgenössischen kolonialen Diskurs in Deutschland sowie mit analytischen Modellen früher antikolonialer Theoretiker wie Frantz Fanon oder Albert Memmi kurzschließt. So entsteht eine äußerst dichte Interpretation, nach der sich "In der Strafkolonie" als eine extrem scharfe und gnadenlose Bloßstellung der strukturellen Gewaltförmigkeit des kolonialen Systems erweist.

Schließlich bleibt anzumerken, dass in keinem der Beiträge dieses Bandes der Bogen bis zur Zeit nach 1945 gespannt wird. Dies verwundert umso mehr, als die Herausgeber in der Einleitung durchaus auf die anhaltenden kulturellen Ausprägungen des Kolonialismus hinweisen. Hinsichtlich der eingangs skizzierten Frage von Robert Young kommen Honold und Simons allerdings zu einem ähnlich beunruhigenden Befund: Sie nehmen Bezug unter anderem auf die etymologische Verwandtschaft der Begriff Kolonie und Kultur, die sich beide aus dem lateinischen Verb colere (den Boden urbar machen) ableiten, und diagnostizieren eine über das Semantische hinausgehende enge Verflechtung kultureller und kolonialer Formen.

Angesichts dieser Ausgangslage scheint es dringend geboten, dass die theoretische Auseinandersetzung mit dem kolonialen Projekt auch in größerem Maßstab in der hiesigen akademischen Diskussion Eingang findet, und dass dem Kolonialismus in Deutschland endlich jene Aufmerksamkeit zuteil wird, die ihm aufgrund seines Strukturierungspotenzials für die deutsche Moderne eigentlich zusteht.

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