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Paul Beatty bringt auf der Frankfurter Buchmesse auch den Moderator in Verlegenheit

Buchmesse - Rezension

Die post-rassistischen USA zwischen Fiktion und Reportage

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In seinem Roman "Der Verräter" macht der afroamerikanische Autor Paul Beatty den Rassismus der USA durch eine tragikomische Sprache greifbar.

Ein guter Buchanfang kann anzeigen, in welchem Ton die Geschichte weitergeht oder auf eine falsche Fährte locken. Ein sehr guter Buchanfang tut möglicherweise beides. Paul Beattys Geschichte beginnt so: „Aus dem Mund eines Schwarzen klingt das sicher unglaublich, aber ich habe nie geklaut. Habe nie Steuern hinterzogen oder beim Kartenspiel betrogen[…]“ Die Aufzählung an Delikten, die trotz des Schwarz-Seins noch nicht vollzogen wurden, wird fortgeführt. Und zwar so lange, bis der*die Leser*in erfährt, dass der Protagonist und Ich-Erzähler Bonbon verhaftet wurde. Er sitzt mit Handschellen im Supreme Court, weil er versucht hat, die Sklaverei und Rassentrennung in Dickens – einem Vorstadtghetto von Los Angeles – wieder einzuführen. Schon beim Lesen der ersten Zeilen stellt sich die Frage, wer darüber lachen soll: Schwarze? Weiße? Beide? Niemand?

Das Gefühl der Unsicherheit wird durch die Hintergründe von Bonbons Inhaftierung verstärkt: Aufgewachsen in Dickens, wurde Bonbon von einem alleinerziehenden Vater, einem umstrittenen Soziologen, großgezogen. Als sein Vater von der Polizei erschossen wird, ist er auf sich allein gestellt. Um anschließend im Leben erfolgreich zu sein, muss Bonbon sich einen weißen Lebensstil aneignen und schwarze Menschen unterdrücken. So simpel wie trivial liest sich der Plot und rückt das Verständnis über die Rassentrennung der USA in ein Ungleichgewicht.

Ein Paradox, das im Rückblick auf die Amtszeit von Barack Obama jedoch nicht abwegig erscheint. Obama galt in den USA vielerorts als Heilsbringer der afro-amerikanischen Community. Den strukturellen Rassismus und die neu aufkeimende Polizeigewalt gegen Schwarze konnte aber auch er nicht überwinden. Und wenn schon ein Schwarzer im Oval Office nichts gegen Fremdenhass ausrichten kann, wer dann?

In „Der Verräter“ scheint Paul Beatty (selbst Afroamerikaner) dieses Dilemma mit einer irren Gagdichte in die Extreme zu treiben. Gern würde man zwischendurch kurz innehalten, um sich entscheiden zu können, ob man lachen oder weinen will. Stattdessen schafft man es kaum, beim Lesen Luft zu holen. Auf jeder Seite könnte ja wieder einer von Beattys giftigen Sticheleien aufpoppen  – angreifend und elektrisierend gleichermaßen. Dabei bleibt Amerikas Erbsünde, die Auswüchse der Sklaverei, trotz des fiktiven Gerüsts unentwegt Thema: „Ich habe das Buch Leuten gezeigt, die bezeichnen es nicht als Fiktion, sondern als Reportage“, sagt Beatty, auf einer Vorstellung seines Buches am Freitagnachmittag auf der Frankfurter Buchmesse.

Auf die Frage, wer den Humor seines Buches denn nun feiern dürfe, erklärt Beatty, dass die Hautfarbe dafür keine Rolle spiele. Dabei gibt er seinem Publikum mit einem kurzen, feixenden Grinsen und verschränkten Armen ein Unwohlsein, das einen auch beim Lesen des Romans beschleicht.

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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