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Von Posen bis Enschede

Göttinger Uni-Bibliothek mit NS-"Beuteliteratur"

Von HEIDI NIEMANN

Über 60 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft haben Göttinger Forscher jetzt entdeckt, dass die Göttinger Universitätsbibliothek beträchtliche Bestände so genannter "Beuteliteratur" besitzt. Aus den kürzlich aufgefundenen Dokumenten geht hervor, dass sich die Uni-Bibliothek bereits kurz nach der Machtübernahme 1933 darum bemühte, in den Besitz von Büchern zu kommen, die bei nationalsozialistischen "Säuberungsaktionen" beschlagnahmt wurden. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm sie außerdem zahlreiche Bücher in ihre Bestände auf, die aus Bibliotheken in den zuvor besetzten Gebieten geraubt worden waren.

Auf die Spur der Beuteliteratur waren der Göttinger Germanist Frank Möbus, die Kunsthistorikerin Friedrike Schmidt-Möbus und Arno Barnert von der Universitätsbibliothek bei der Vorbereitung einer Ausstellung zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Göttingen gekommen. Die Kuratoren trugen zahlreiche seltene, oft mit Widmungen versehene Erstausgaben aus Privatbesitz zusammen, die damals als verbotene Literatur galten. Bei ihren Recherchen stießen sie dann auf Dokumente, die sie dazu veranlassten, das Ausstellungskonzept zu erweitern. Die Funde zeigen die Verstrickung von damaligen Bibliotheksmitarbeitern in die Raubzüge der Nationalsozialisten.

Ein frühes Opfer war ein "kommunistischer" Buchhändler in der Göttinger Goetheallee. Im Juni 1933 beschlagnahmten in SA-Schlägertrupps organisierte Studenten bei ihm 890 Bücher. Diese wurden einem Bibliotheksrat der Uni-Bibliothek zur Prüfung auf "staatsfeindliche" Inhalte übergeben. Aus den Akten geht hervor, dass viele dieser Bände daraufhin sowohl an die Göttinger Universitätsbibliothek als auch an die Staatsbibliothek Berlin abgegeben wurden.

Schlüsseldokumente sind die Zugangsbücher der Universitätsbibliothek aus den Jahren 1933 bis 1945. Darin sind nicht nur die Bücher aufgelistet, die in die Bestände aufgenommen wurden, sondern auch deren Herkunft. Immer wieder findet sich dort die Angabe "Beutelager Göttingen". Bei einer ersten Überprüfung der Angaben stießen die Wissenschaftler in der Uni-Bibliothek unter anderem auf Bücher, die aus Bibliotheken in Posen (Polen), Leuuwen (Belgien) und Enschede (Niederlande) stammen. Wie umfangreich die Bestände an Raubliteratur sind, lasse sich derzeit noch gar nicht abschätzen, sagt Möbus. Dies werde vermutlich Jahre dauern.

Die Universitätsleitung habe sofort auf den überraschenden Fund reagiert und eine Anschubfinanzierung für die wissenschaftliche Aufarbeitung zugesagt.

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