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Portrait des Verbrechers als junge Ratte

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Der Mann mit dem kriminellen Fachwissen: Edward Bunker.
Der Mann mit dem kriminellen Fachwissen: Edward Bunker. © Getty Images

Sagen wir so: jede Marketingabteilung freut sich über den Krimi von einer bekannten Fernsehmoderatorin. Und auch der Roman "Lockruf der Nacht" verschwindet erstmal hinter Edward Bunker. Von Franz Dobler

Von FRANZ DOBLER

Meistens kann es dem Leser egal sein, ob hinter dem Buch eine Person mit einer guten Story steckt. Sagen wir so: jede Marketingabteilung freut sich über den Krimi, geschrieben von einer bekannten Fernsehmoderatorin. Weil das schon die ganze Miete ist. Auch der Roman "Lockruf der Nacht" verschwindet erstmal hinter Edward Bunker. Weil seine Geschichte so groß ist. Eine märchenhafte Geschichte vom Durchhalten, Überleben und Gewinnen.

Mitte der 60er Jahre war der Roman "Stark", wie er im Original heißt, von allen Verlagen abgelehnt und erst nach Edward Bunkers Tod 2005 wiederentdeckt worden. Er schrieb 17 Jahre, und dies war das erste von den "six fucking books", ehe was gedruckt wurde. Schreiben half ihm beim Überleben drinnen; wenn er draußen war, recherchierte er: Betrug, Erpressung, Schutzgeldeintreibung, Drogenhandel, bewaffneter Raubüberfall, auch "orchestrating robberies", die Planung von Überfällen, an denen er selbst nicht teilnahm, brachten Edward Bunker bis auf die "FBI's Ten Most Wanted"-Liste.

Vom Gefängnis nach Hollywood

Als sein Debüt, der Knastthriller "No Beast So Fierce", 1973 erschien, saß er wegen versuchten Bankraubs. Fast die Hälfte seiner 42 Jahre hatte er hinter Gittern verlebt, ehe er endlich in seinem alten Traum ankam: Hollywood. Dustin Hoffman kaufte die Rechte und spielte die Hauptrolle in "Straight Time"; Mitarbeit am Drehbuch und eine Nebenrolle machten Bunker lebenslänglich zu einem gefragten Fabrikarbeiter, Abteilung kriminelles Fachwissen. Als Co-Autor von "Runaway Train" war er 1985 für einen Oscar nominiert, er war Gangsterberater für "Heat".

Als Tarantino unter den "Reservoir Dogs" einen echten Bankräuber sehen wollte, wurde Bunkers "Mr. Blue" der bekannteste von vielen kleinen Auftritten. Er sitzt im Vorspann zwischen Michael Madsen und Steve Buscemi. Als der schwadroniert, warum er kein Trinkgeld gibt, knurrt er ihn an, dass Kellnerinnen "einen Scheiß verdienen" (Buscemi hat dann trotzdem Bunkers Roman "The Animal Factory" verfilmt). Und Tarantinos Sogwirkung bescherte dem längst in der Filmfabrik abgetauchten Ex-Bestseller Neuauflagen und 1995 ein Comeback mit "Dog Eat Dog", für James Ellroy "der beste Roman, der je über einen bewaffneten Überfall geschrieben wurde".

Im Zentrum: Ein Angeber

So viel hängt also über "Lockruf der Nacht", und weil Bunker zuvor mit Short Stories trainiert hatte, hält er das aus. Ein schönes Stück Pulp, wahrscheinlich abgelehnt, weil der Autor den Mickey-Spillane-Helden und große Polizeiaktionen vergaß. Er konzentrierte sich, wie in seinen Erfolgsbüchern, auf seine Verbrecher, wie sie fühlen, denken, handeln. Im Zentrum des südkalifornischen Provinz-Junkie/Dealer-Personals ein stolpernder Angeber: Ernie Stark "war ein mieser kleiner Gauner, der davon träumte, mit dem nächsten Ding den großen Treffer zu landen ... Aber viel zu oft wurde er reingelegt. Wenn nicht von dem Penner, den er sich eigentlich als Opfer ausgeguckt hatte, dann von den Bullen". Die haben ihn jetzt in der Hand: "eine miese Ratte zu sein, ein Bullenspitzel, diese Rolle gefiel ihm gar nicht. Aber entweder das oder zurück in den Knast. Da war er doch lieber eine Ratte - und draußen." Er muss das Vertrauen eines Dealers gewinnen, um dessen Boss ausfindig zu machen. Und weil er sich, von Heroin angefeuert, für unschlagbar schlau hält, will er viel mehr: den Drogenring übernehmen, das Netz ausbauen, die Fahnder hinhalten und ihnen entkommen.

Dieses knallige Konstrukt klingt nach Pulp-Dutzendware, aber Bunkers großartiger Dreh ist, die Action beiläufig, den Alltag genau zu beschreiben, die Atmosphäre in Bars, den Ablauf eines kleinen Betrugs bis ins letzte Detail, jede Facette der Ratte Stark, und vor allem die Macht der Droge. Sie ist Starks Rattenherz, hält ihn am Abgrund und beschichtet den Roman mit einer düsteren Stimmung. Als Stark mit der Geliebten seines Dealerfreunds im Bett landet, sagt sie: "Du bist böse. Du willst Menschen einfach nur benutzen. Du liebst niemanden. Du kannst niemanden lieben. Du bist wie ich." Das bringt eine kaputte Liebesgeschichte, Sex und tolle Dialoge in die Story, aber nichts Hoffnungsvolles. Auch der Humor, den man irgendwann zu entdecken glaubt (mit Steve Buscemi in "Fargo" vor Augen), weil man ahnt, dieses Großmaul in permanenter Du-hast-keine-Chance-aber-nutze-sie-Situation wird's irgendwie schaffen, ist immer schwarz.

Mit dem Stolz des erfahrenen Ex-Gangsters wollte Bunker nicht als Krimi-Schreiber eingeordnet werden. "Ich erfinde nichts", sagte er in einem späten Interview, "ich erinnere mich, ich analysiere, ich arbeite mit Stories, die ich schon sehr gut kenne." Er kannte schon einige, als er mit 17 in San Quentin eingeliefert wurde. Dort entdeckte er die Literatur und das Schreiben. Und dachte sich bald, "dass es das einzig Legale ist, mit dem ich es draußen schaffen könnte". Mit diesem Buch wissen wir, dass er es viel früher hätte schaffen können. Ob er es dann ebenfalls bis Hollywood geschafft hätte, wissen wir nicht.

Edward Bunker: Lockruf der Nacht. Aus dem Engl. von Jürger Bürger. Verlag Liebeskind, München 2009, 220 S., 16,90 Euro.

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