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Ein männlicher Sibirischer Tiger im Zoo von Tbilissi.
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Ein männlicher Sibirischer Tiger im Zoo von Tbilissi.

Tierroman

Wenn man einen Tiger bloß sieht

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Polly Clarks bemerkenswerter Roman über die Wildnis in Mensch und Tier.

Regel: Einen Tiger im Wald hört man nicht und sieht man nicht. Sieht man ihn dann doch, ist es bereits zu spät – für den Menschen, wohlgemerkt, nicht für den Tiger. Regel: Ein Tiger vergisst nicht. Und wehe, man schießt ihn nur an. Oder bedroht sein Junges. Oder stiehlt ihm seine Jagdbeute. Edit weiß das, aber Edit hat selbst ein Kind, die zehnjährige Sina, die in diesem ungewöhnlich harten sibirischen Winter hungert, so sehr hungert, dass sie schon Mäuse fängt. So schneidet Edit einige Stücke aus dem Bären, der im Kampf der Tigerin unterlegen ist.

Die britische Lyrikerin Polly Clark, Jahrgang 1968, schrieb 2017 einen ersten Roman über W. H. Auden, „Larchfield“. Aus ihrer Arbeit als Wärterin im Zoo von Edinburgh ist dann der im vergangenen Jahr im englischen Original erschienene „Tiger“ entsprungen. Ein Roman, der atemberaubend ist, wenn er gleichsam ins Fell des Tigers schlüpft. Der – in wenigen Passagen und meist, wenn es um die Liebes-Gefühle und das Begehren der Menschen geht – die ein oder andere klischeehafte und hölzerne Formulierung enthält. Das könnte freilich auch an der Übersetzung liegen.

Die Klammer für diesen Roman ist Frieda, deren Leben als Doktorandin und Bonobo-Verhaltensforscherin in London zusammenbricht, als sie auf dem Heimweg von einer Feier überfallen wird und wochenlang auf der Intensivstation liegt. Es folgt nun freilich kein Krimi: Vielmehr wird die nun morphiumsüchtige Frieda von ihrem Chef zu einem anderen Zoo in Devon abgeschoben, dessen Leiter bald findet, dass sie gut mit Raubkatzen kann.

Das Buch

Polly Clark: Tiger. Roman. A. d. Engl. v. Ursula C. Sturm. Eisele, München 2020. 424 S., 22 Euro.

Aus den vier Teilen „Frieda“, „Tomas“, „Edit“ und „Tiger“ besteht der Roman. Er springt von England in die sibirische Taiga, in das Lager einer Organisation, die sich um den Schutz der inzwischen stark gefährdeten Sibirischen Tiger bemüht (weniger als 500 Exemplare soll es freier Wildbahn noch geben). Dem alten Iwan geht es vor allem darum, Präsident Putin zu beeindrucken; seinen Sohn Tomas treibt die Liebe zu den Tieren und zum Wald. Auf der Spur der „Gräfin“, unangefochtene Herrscherin des Reviers, stößt er auf die Hütte, in der Edit und ihre Tochter Sina hausen. Vielmehr gehaust haben, denn Edit hat in ihrer Not die Gräfin bestohlen, die Gräfin, ebenfalls Mutter, sich gerächt.

Polly Clark erzählt mit beeindruckender sprachlicher Kraft von diesen mächtigen Raubtieren, den größten Katzen der Welt, die selbst einen Bären reißen können, ihm zielgenau an die Kehle gehen und dann mittels ihrer Barthaare spüren, wie das blutige Leben aus ihm strömt und der Puls erlischt. Sie erzählt auch von den Udehe – Edit gehört zu diesem indigenen sibirischen Volk – und ihrer Überzeugung, dass die Tiger die Gottheiten des Waldes sind und dass es Unglück bringt, wenn man sie sieht. Edits russischer Mann Waleri ist daran beteiligt, einen Tiger in eine Falle zu locken, die Männer bringen das Tier ins Dorf und erniedrigen es – während in Edit ein Teil von der Liebe zu Waleri erlischt, da mag er sich hinterher noch so sehr entschuldigen.

„Jedes Lebewesen des Waldes verfügt über eine Aufmerksamkeit, so durchdringend wie die Kälte selbst“, schreibt Clark und macht plausibel, warum Präsenz und Geistesgegenwart, außerdem Voraussicht und Vorsicht unter extremen Witterungsbedingungen überlebensnotwendig sind. Die Britin hat sich in Sibirien selbst um diese Aufmerksamkeit bemüht. Um dann die Bedrohlichkeit nicht nur der wilden Tiere und wodkatrunkenen Männer beschreiben zu können, sondern schaudern machend auch die Unerbittlichkeit von hohen Minustemperaturen, in denen einer Frau in den Wechseljahren sogar Hitzewallungen draußen zum Verhängnis werden können, weil der Schweiß gefrieren kann. Jede Nachlässigkeit kann ein Todesurteil sein, Pech wie eine entwischte Beute kann dazukommen.

„Tiger“ hätte gern unkonventioneller sein, Polly Clark sich weit radikaler auf die Tiernatur konzentrieren können. Denn diese schildert sie meisterhaft. Aber sie hatte wohl das Gefühl, zuletzt die losen Enden in einem Happyend zusammenführen zu müssen. Sie tut es, wenig überraschend und dazu ein bisschen kitschig, in einer Liebesgeschichte. Und indem zwei prächtige „Enkel“ der Gräfin in der sibirischen Taiga ausgewildert werden.

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