Literatur

Politischer Gehalt

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Möglichkeiten des Widerstandes: Ein russischer Abend bei den 5. Frankfurter Lyriktagen.

L yrik birgt Widerstand. Das gilt gerade dann, wenn sie keinen politischen Kampfgeist zum Ausdruck bringt. In der Endphase der Sowjetunion zeigte sich diese Art des subtilen ästhetischen Widerstands in der inoffiziellen Lyrikszene von Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. Dichter wie der Nobelpreisträger Joseph Brodsky ließen sich nicht auf die Rhetorik der Sowjetzeit ein, sondern lösten Sprache aus ihrer festgefügten Routine. Subversiv fügten sie in ihre Gedichte Kritik ein und veränderten so den Blick auf die Welt.

Die zur nachfolgenden Generation gehörenden russischen Dichter Valery Schubinsky und Polina Barskova hat diese inoffizielle Lyrik der Leningrader Meister geprägt. Auf Initiative des in Frankfurt lebenden Schriftstellers Oleg Jurjew sprachen sie während der Frankfurter Lyriktage im Museum Angewandte Kunst mit Matthias Göritz und Olga Martynova über Möglichkeiten des poetischen Widerstands.

Dieser beginnt, so Polina Barskova, schon in der Kindheit. Denn anders als in Deutschland gehöre es in der Sowjetunion zur Tradition, dass Dichter auch Kindergedichte schreiben. „Es lohnt sich, diese Kindergedichte der siebziger Jahre auf ihren politischen Gehalt hin genauer zu analysieren“, meint Polina Barskova, die 1976 in Leningrad geboren wurde und selbst schon als Kind eigene Gedichte publiziert hat. Heute lehrt die renommierte Lyrikerin in den USA am Hampshire College in Amherst russische Literatur.

Während sich Barskovas Gedichte, die zum Teil Szenen in der New Yorker U-Bahn beschreiben, unmittelbar erschließen, ist es für deutsche Zuhörer nicht einfach, die vielschichtig gebauten Gedichte von Valery Schubinsky (geb. 1965) ohne Kenntnisse der russischen Sprache und Geschichte zu erfassen.

Schubinsky hat der Weg über ein Studium der Wirtschaftswissenschaft zur Lyrik geführt. Er arbeitet heute als Literaturkritiker und Autor von Biographien wie beispielsweise über Daniil Charms. Gedichtübersetzungen ins Deutsche sind bisher nur in der Literaturzeitschrift „Schreibheft Nr. 83“ erschienen, die der russischen Lyrik der siebziger Jahre gewidmet und bereits vergriffen ist. Dies ist bedauerlich. Wer den außergewöhnlich feinen, poetisch eigenwilligen Texten – einfühlsam gelesen von Birgitta Assheuer – lauscht, würde dieser Sprachwelt gern weiter nachspüren.

So war es eine exklusive Gelegenheit, abschließend auch noch wegweisende Werke aus der Tradition der inoffiziellen Lyrik Leningrads zu hören, hierzu zählten Sergej Stratanovsky, Viktor Kriwulin, Alexander Mironow und Jelena Schwarz.

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