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1916, englische Soldaten bei der Schlacht an der Somme: „Wer jetzt noch Politik spricht, verrät das Menschliche“, schreibt Stefan Zweig im selben Jahr.

Aufsätze

Politische Essays von Stefan Zweig: Die Marter des Schweigens

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Ein Band mit Essays, Aufrufen und Interviews belegt eindrucksvoll den Kampf Stefan Zweigs für Europa und gegen das Nazitum.

Es trifft nicht zu, wenn Stefan Zweig in seinem berühmten Geschichtspanorama „Die Welt von Gestern“ (1942) schreibt, er habe schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs nicht an einen Sieg geglaubt und jenem „wirren Siegesgeheul“ als einer der wenigen widerstanden. Denn die von Stephan Resch nun verdienstvoll ans Licht gezogenen, zum Teil kaum oder gar nicht bekannten Essays und Artikel, Aufrufe und Interviews zum Zeitgeschehen zwischen 1916 und 1941 beweisen, wie wechselhaft und widersprüchlich die Reaktionen des Schriftstellers auf die beiden Großkatastrophen des 20. Jahrhunderts in Wahrheit gewesen sind.

Zweig hatte sich bis 1914 kaum zu politischen Themen geäußert, sondern als eher unkritischer Betrachter der modernen Symbiose von Fortschritt und Technik gehuldigt, gelegentlich sogar den grassierenden Nationalismen positive, weil gemeinschaftsfördernde Kräfte zuerkannt. So gehörte er denn bei Kriegsausbruch auch zum Jubelchor des aggressiven deutschen Kulturpatriotismus, und das trotz seiner Verehrung der französischen Aufklärungstradition und ihrer kosmopolitischen Verheißungen.

Aber nur zwei Jahre sollte es dauern, bis sich Zweigs Nationalverschworenheit und sein Abgesang auf die französischen Freunde zu einem unerbittlichen, der europäischen Idee verpflichteten Pazifismus wandelten. Und erst jetzt gewahrte der Intellektuelle seine prekäre Position zwischen Geist und Macht, zwischen moralischer Empathie und politischer Herausforderung. Romain Rolland, der französische Propagandist der europäischen Verständigungs- und Friedensidee, bringt den Wiener Juden und Bürgersohn auf den Bekenntniskurs eines radikalen Pazifisten.

Zweigs Fragestellung ist eine doppelte: Worin besteht die Funktion des Intellektuellen angesichts von Weltkrieg und Naziterror, und welche historische Rolle fällt der europäischen Judenheit noch zu angesichts ihrer drohenden Totalvernichtung? Auf beide Grundsatzfragen gibt er damals Antworten, die in der intellektuellen Öffentlichkeit des deutschen und europäischen Exils zu heftigen und widersprüchlichen Reaktionen führen müssen.

Stefan Zweig: „Worte haben keine Macht mehr“. Essays zu Politik und Zeitgeschehen 1916-1941. Sonderzahl, Wien 2019. 270 S., 28 Euro.

Radikale Moralpolitik ist es, die der Friedensaktivist Zweig einfordert, tief misstrauisch gegenüber allem, was im Stechschritt der gewaltsamen Herrschaft paradiert: „Wer jetzt noch Politik spricht, verrät das Menschliche, wer zaghaft redet, verrät die Zeit – das wägende Wort ist heute zu wenig, ein Schrei tut not, der Schrei, der alle Qual der gemarterten Welt in sich schließt, ein Schrei lauter als die Kanonen der Stunde.“

Zweig will damals nicht zur literarischen Berühmtheit oder zum bedeutenden Kritiker werden, sondern setzt alles daran, den Lorbeer einer moralischen Autorität zu erringen. In diesem Geist fördert er Initiativen für die europäische Verständigung, arbeitet er mit französischen und schweizerischen Friedensgruppen zusammen, gibt er im Insel Verlag die „Biblioteca Mundi“ heraus, und wettert er gegen den wohlfeilen Kosmopolitismus, um für einen bekenntnisstarken Internationalismus zu werben.

Und dennoch verharrt der bald berühmte Friedenskämpfer in der Rolle des elitären Intellektuellen, des moralischen Wegweisers. Dieser überpolitische, auf Kunstautonomie und subjektiver Gesinnung beruhende Deutungsanspruch wird ihn das Sozialexperiment der Sowjetunion mit Sympathie in Augenschein nehmen lassen, ohne die Brutalitäten des Bolschewismus zu verkennen.

Vielmehr propagiert Zweig nach 1933 die Einheit aller Linken gegen Krieg und Faschismus, er fordert zeitweise sogar einen aggressiven Antimilitarismus, der vor Terrorakten im Interesse des Friedens nicht zurückschrecken soll, dennoch wird er jener „erasmische Kulturmensch“ bleiben, der auf der Reinheit seiner Ideen und auf der Zurückgezogenheit des schöpferischen Individuums besteht.

An seiner Einschätzung der Rolle des Judentums im Angesicht der Shoah sollte das Widerstandsdilemma des Pazifisten Zweig am sinnfälligsten werden. Denn ein nahezu ängstlicher Künstler plädiert für die passive und bejahende Haltung der Juden gegenüber ihrem grauenhaften Schicksal. Und auch wenn er den Zusammenhalt und den Kulturstolz der internationalen Judenheit beschwört und fördert, bleibt es bei seiner Forderung, dass die Juden einander privat helfen, in der Öffentlichkeit aber angepasst und vorsichtig agieren sollen: „Nur mit cultureller Leistung können und sollen wir den Fascismus bekämpfen.“

Am Ende erhebt auch Stefan Zweig scharfe öffentliche Anklagen gegen das „Ersticken“ alles Menschlichen durch die Nazis und gegen die „Marter des Schweigens“, doch die moralische Kampfkraft des Gesinnungsethikers ist zu Beginn der vierziger Jahre, als Paris gefallen und London von deutschen Luftangriffen bedroht wird, nahezu erschöpft. Das Wort spendet immer weniger Lebensmut. In der Nacht zum 23. Februar 1942 geht Stefan Zweig in Brasilien in den Freitod.

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