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Martin Walser: "Gar alles"

Politisch korrekt ist er nicht

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Martin Walsers neuer Brief-Roman "Gar alles" erzählt eine Dreiecksgeschichte - und weit mehr als das.

Justus Mall hat ein Problem: Er liebt zwei Frauen – die eine, seine Ehefrau, schon sehr lange, die andere, seine Geliebte, noch nicht so lange. Er ist sich sicher, beiden treu zu sein. Nur sehen Gerda und Silke das nicht so paradiesträumerisch wie er. Beide verlangen von ihm, mit der jeweils anderen Schluss zu machen. In seiner Not wendet er sich an die Anonymität der Netzwelt und schreibt in einem Blog an eine Unbekannte, was ihm an Rechtfertigungen in den Sinn kommt. Dabei zitiert er auch einmal die Kulturgeschichte mit den Dreiecksbeziehungen von Goethe, Schiller, Brecht.

Das können wir nun nachlesen in Martin Walsers neuem Roman „Gar alles“. Schon im Vorgänger-Buch „Statt etwas oder Der letze Rank“ tauchte die Problematik auf: „Offenbar war es nicht erlaubt, zwei Menschen gleichzeitig zu lieben.“ Doch wo eben noch ein Grundglücksgefühl vorherrschte, gibt es nun die Eskalation: Dr. Silke Born zieht sich zurück. Mall sieht sich als Opfer: „An seiner Liebe ist dieser Mensch zugrunde gegangen. An der Liebe zu euch.“

Politisch korrekt will dieser Roman nicht sein. Das verdeutlicht er exemplarisch auf einem Nebengleis. Scheinbar aus heiterem Himmel widmet sich der Erzähler in einem Posting der US-Präsidentschaft. Donald Trump findet er gut, also „begrüßbar“, weil man bei ihm wisse, woran man sei. Trump ist von ziemlich vielen Amerikanern gewählt worden, gilt aber gemeinhin als weltpolitische Peinlichkeit. Insofern ist das starker Tobak. Doch möglicherweise sagt Trump dem Erzähler Mall auch wegen seines Umgangs mit Frauen zu.

Denn das ist die nächste Provokation für das erträgliche Miteinander der Geschlechter. Mall war einmal Oberregierungsrat und trug einen anderen Namen. Bis es zum Skandal kam: In einer Opernpause begrapscht er eine junge Frau, Praktikantin der „Süddeutschen Zeitung“. Die macht das öffentlich. Ein Skandal. Da schimmert der Fall Brüderle durch, wobei es darin um eine verbale Übergriffigkeit ging. Mall selbst scheint sein Verhalten nicht verwerflich, sondern erklärlich: „Wenn dann wirklich einmal ein solches Geschöpf in greifbare Nähe kommt, dann langt man eben eine Zehntelsekunde lang hin und sagt dazu noch irgendeinen Fast-Unsinn.“ Dieser Justus Mall, auf dessen Visitenkarte die Berufsbezeichnung Philosoph steht, wäre im wirklichen Leben von der #MeToo-Bewegung mit besonderer Sorgfalt zerlegt worden.

Von der „Lustqual“ ist die Rede. Mit Herrn Thiele spricht er darüber. Der gesteht, er komme „an keinem Mädchen der Anmacharmee“ vorbei, ohne dass es ihn zerreiße. Mall empfindet es genauso: „Die Wirklichkeit ist eine hageldichte Folge weiblicher Erscheinungen.“

Ruft hier jemand „Altersgeilheit“? Wir nicht. Aber der Ich-Erzähler selbst, der zuweilen ins distanzierende „Er“ fällt, zitiert diesen Vorwurf. Er ist empört: „Nicht, dass er je mit so etwas zu tun habe, er wolle nur wissen, ob ein Fünfundfünfzigjähriger anders geil sei als ein Fünfundzwanzigjähriger! Gebe es dafür ein physiologisches Datum?“

Martin Walser, am 24. März 91 Jahre alt geworden, ist die Form des Brief- oder E-Mail oder jetzt eben des Blog-Romans vertraut. Es ist ja nur eine Variante seines Schreibens, das immer auf einen konkret empfundenen Mangel reagiert – seit über 60 Jahren. Eines der Gedichte, die über diesen schmalen Roman verteilt sind, geht so: „Mein Mund will sich öffnen/ ich spür es rechtzeitig/ ich lass es nicht zu/ ich weiß er will schreien.“ Der Roman ist ein Schrei. Was das mit dem Privatleben des Autors zu tun haben könnte, muss uns nicht interessieren. Doch seinem Helden wird man nach der Lektüre keine Absolution erteilen können. So sehr er auch danach giert. Gar alles haben wollen? Das führt zu nichts.

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