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Polemisch, eitel und zänkisch

Bücher führen Krieg gegen ihren natürlichen Feind - den Menschen

Von ROLF-BERNHARD ESSIG

Ein Mensch, ein Buch - wie passt das zusammen? Befremdung und Aversion beherrscht das Verhältnis zwischen beiden seit Anbeginn, oft genug ähnelt es eher einer kriegerischen Auseinandersetzung als einer harmonischen, möglicherweise tief empfundenen oder zärtlichen Liebe. Friedenswillig oder auch -fähig sind nur wenige. Bücher machen den Menschen nicht besser, ganz gleich, ob sie geschrieben, gelesen oder einfach nur besessen werden. Allenfalls bleibt hier, von einer Art Schmalspurethik zu sprechen: Wer gerade liest oder schreibt oder sich an seinem Besitz erfreut, tut in diesem Moment keinem anderen ein Leid. Jedenfalls nicht direkt. Das aber ließe sich auch vom Essen sagen: Wer gerade kaut und schluckt, kann nichts Böses sagen - nun, er kann in diesem Moment überhaupt nicht sprechen. Jedenfalls nicht deutlich.

Dass Bücher den Menschen nicht besser machen, sollte man am wenigsten den Büchern vorwerfen. Genau davon aber müssen wir ausgehen - Bücher haben Feinde, und es sind nicht wenige. Ein sehr altes Problem: Der erste namentlich überlieferte Bibliotheksgründer hieß Tiglatpileser I. und lebte von 1115 bis 1077 v. Chr., doch was biblio- und bibliothekophil klingt, hört sich anders an, wenn man erfährt, dass er seine große Büchersammlung, wie zahlreiche Mächtige nach ihm, durch Plünderung, Beschlagnahme und Raub von kleineren Büchersammlungen zusammentrug.

Bücher werden zu Tode gequält

Nur etwas friedlicher gingen die Ptolemäer vor, als sie ein Weltwunder der Antike schufen, die Bibliothek von Alexandria. Sie schickten Diebeskommandos los, ließen alle Schiffe, die im Hafen anlegten, nach Manuskripten durchsuchen, ihre Besitzer enteignen, liehen sich aus berühmten Büchersammlungen Originale aus, angeblich zum Abschreiben, gaben aber nur die Abschriften zurück. Schließlich lagerten in den Schränken etwa eine halbe Million Papyrus- und Pergamentrollen, so dass Alexandrias Bibliothek als "Library of Congress" der Antike gelten kann. Was mit ihr geschah? Eingebrannt hat sich dem überhistorischen kollektiven Bewusstsein, wie Cäsars Truppen aus ihr einen riesigen Bücherscheiterhaufen machten; ein Fanal für die Gefährdung des Wissens wie für kühl kalkulierten "collateral damage". Allerdings war es sicherlich nicht Cäsar der Brandstifter, wie man inzwischen weiß, sondern einer seiner rabiaten Nachfolger. Der Mythos aber ist naturgemäß zählebig.

Etwa zweitausend Jahre nach der alexandrinischen Feuersbrunst schickten die Nationalsozialisten Truppen aus, die jüdische Bibliotheken ausrauben oder gleich zerstören sollten. Etwa 70 Prozent aller Büchersammlungen wurden vernichtet, mindestens drei Millionen Bände in Lager deportiert. Regelrechte "Brennkommandos" stellte man zusammen, die wohl eine Inspirationsquelle für Ray Bradburys Roman und François Truffauts Film Fahrenheit 451 waren. Wie ihre Besitzer fanden nur wenige jüdische Bücher den Weg in die Emigration.

Die Zerstörungswut richtete sich besonders auf Bibliotheken, weil sie stellvertretend für die Kultur eines Landes oder eines Volkes stehen. Fast zwangsläufig geriet dieses kollektive Gedächtnis, dieser lebendige Wissensspeicher und unverzichtbare Ort nationaler Identität im Kriegsfall unter Beschuss; die belgische Bibliothek von Löwen gleich dreimal.

Das ist seit jeher beklagt worden. Und doch gab es zu jeder Zeit auch klammheimliche Freude: Manche begrüßten geradezu den Krieg gegen Bücher, weil jene die Tendenz haben, sich ähnlich rasch wie die Menschen zu vermehren, unkontrollierbar und raumgreifend. Schon in der Antike bedrängte die Menge der Texte: Wie sollte man sie alle - auffindbar (!) - lagern, wie ordnen, welche aussondern? Wie sollte man einem dramatischen Medienwechsel - von der Rolle zum Kodex - begegnen? Sollte bei Bibliotheken der Leser oder die beste Art der Aufbewahrung im Vordergrund stehen? Wie baute man, wenn es praktisch keinen Buchhandel gab, eine Bibliothek auf? Wie sollte man die Bücher schützen und - direkt damit verbunden - wer sollte Zugang haben? Denn: Schlimmer als Feuer ist für die Bücher das Wasser; und weit schlimmer noch als das Wasser sind die Benutzer! Deshalb ritzten Sumerer vor über 4 000 Jahren in die Tontafeln Flüche gegen die Beschädigung der Werke, das Überschreiten der Leihfrist, die Weitergabe an Dritte, Diebstahl und Zerstörung; drastische Flüche, denen sich Bibliothekare aller Zeiten und Nationen mit Inbrunst anschließen werden. "Wer diese Tafel bricht oder sie ins Wasser legt oder auf ihr herumschabt, bis man sie nicht mehr entziffern und verstehen kann, den mögen Assur, Sin, Shamash, Adad und Ishtar von Bit Kidmurri, die Götter des Himmels und der Erde und die Götter Assyriens mit einem Fluch strafen, der nicht mehr getilgt werden kann, schrecklich und gnadenlos, solange er lebt, und sein Name, seine Nachkommen, sollen vom Land hinweggefegt und sein Fleisch den Hunden zum Fraß vorgeworfen werden!"

Mit der Macht der Flüche hapert es offensichtlich, vielleicht schläft auch der Schutzpatron der Folianten, oder der feindliche Heerhaufen wächst zu schnell. Wer heute in die Bücherhallen geht, stößt auf bis zur Unlesbarkeit beschmierte Exemplare, auf Spuren von scharfen Klingen, die Kapitel oder Inhaltsangaben heraustrennten, auf Lücken im Bestand ("Verlust durch Diebstahl"), verstellte Bücher ("Nester"), Wasserschäden, Flecken aller Art. Als Schutz- und Trutzburg der Bücher gedacht, versagten die Bibliotheken im Krieg wie im Frieden, vor dreitausend Jahren wie heute. Kein weißblaues Schild, kein Eintrag in die UNESCO-Liste, keine Benutzungsordnung half.

Ähnlich verheerend wie Kriegszüge und Leser wirkten sich Revolutionen und Politikwechsel aus. Die Säkularisierung schwemmte hunderttausende von Büchern und Handschriften, die Jahrhunderte lang hinter Klostermauern sicher lagerten, auf den Markt und in die öffentlichen Bibliotheken. Wie sollte man dieser Masse Herr werden? Die Zeit für penible Sonderung blieb oft nicht, der Transport zu den zentralen Sammelstätten erfolgte häufig unfachmännisch, die Altpapierpreise und die des Leders sanken rapide: Wege wurden mit Büchern befestigt und aus Einbänden Schuhsohlen hergestellt. Noch erbarmungsloser räumte man nach der DDR-Revolution 1989 mit den Schriften der Vergangenheit auf, weil sich kapitalistisches Kosten-Nutzen-Denken mit akutem Überdruss traf. Bücherhalden ungeheuren Ausmaßes wuchsen in den Himmel, immer weiter vergrößert von Lastwagen, die Jugend-, Alten-, Betriebs-, Schul- und Stadtbibliotheksbestände auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgten.

Aber auch weniger drastische Ereignisse entwerten auf einen Schlag Bücher gleich tonnenweise: Umstellungen von Schriften (von Fraktur auf Antiqua oder von kyrillischen auf lateinische Buchstaben), Rechtschreibreformen und Gesetzesänderungen. Da tritt der Bulldozer an die Stelle des Antiquars.

Papiermassen sinnen auf Rache

Kein Wunder, dass sich Bücher gegen solches Malträtieren wehren! Plötzlich fallen meterhohe Regale um und begraben die Leser unter sich, oder der Boden bricht ein unter manischen Bücherliebhabern und ihren der Statik feindlichen Papiermassen. Noch häufiger freilich rächen sich die Bücher weniger akut. Schleichendem Gift ähnlich schädigen sie ihre Besitzer. Sie halten sie in muffigen Schreib- und Lesestuben fest, wo Luft-, Licht- und Menschenmangel sie zu Lemuren und Soziophoben mutieren lässt. Ihr Staub schädigt die Lunge, ihre parasitären Bewohner (wie Bücherskorpion, Bücherwurm, zahlreiche Pilze und Bakterien samt Sporen) vergiften langsam aber sicher den Benutzer - metaphorisch und tatsächlich. In einzelnen Fällen verbünden sich Menschen und Bücher gegen andere Menschen, wie in Tausendundeine Nacht, wo ein Arzt dem Sultan, der ihn ungerechtfertigt zum Tode verurteilt, ein Buch mit vergifteten Seiten zu lesen empfiehlt: Die Seiten kleben zusammen, der Sultan feuchtet die Finger an und nimmt so das Gift auf. Ein eindrucksvoller, tödlicher Trick, den Umberto Eco in den Namen der Rose einbaute.

Noch heimtückischer töten Werke, deren unverständlicher Inhalt unfehlbar den Kopf schwer, den Magen krank macht - Generationen von Studierenden und Forschern gingen an ihnen zugrunde. Seit gut zwei Jahrhunderten kennen Kundige auch die Lesesucht als schwere Gesundheitsstörung, die Abertausende in eine traurige Abhängigkeit zwang. Es genügen geringste Dosierung und kürzeste Lektüre, schon verfällt ein Leser den Büchern, verliert sich zwischen den Seiten und dabei seine Lebenskraft, verfällt körperlich und geistig, stirbt schließlich mit einem Buch auf der Brust.

Schneller töten hoch aggressive Werke. In den Wahnsinn treiben sie und in den Selbstmord. Blutbefleckt liegen sie neben den Leichen, scheinbar unschuldig und zufällig, in Wirklichkeit aber Vollstrecker der Buchrache an den Menschen. Das bekannteste unter ihnen ist bis in unsere Tage ein alter Roman über einen jungen Mann, den ein gleichfalls junger Mann schrieb, damit er sich selbst nicht umzubringen brauchte. Goethes Strategie erwies sich für seine Person als erfolgreich, andere aber lernten Die Leiden des jungen Werthers kennen und den Tod lieben - Goethe versah spätere Auflagen mit dem einigermaßen erfolgreichen Hinweis, dem Suizid des Helden besser nicht nachzufolgen.

Eine solche nicht ganz uneigennützige Fürsorge gegenüber dem Leser, durfte zu keiner Zeit den Kollegen gelten: Ob Hass, Missgunst, Neid, Angst, Schadenfreude oder Spott - ihre Bücher waren Anlass und Ziel eines veritablen Vernichtungsbegehrens, materiell oder ideell. Mancher Autor wurde darüber sogar zum Kritiker. Eine alte Tradition, hatten Staat und Kirche doch über Jahrhunderte Werke dem Henker übergeben mit dem Befehl, sie zu foltern und anschließend in Flammen aufgehen zu lassen. Manchmal galt die Hinrichtung dem Buch selbst, manchmal dem in effigie verurteilten Autor, für den es stellvertretend leiden musste.

Verräter und Überläufer erleichterten den Großen der Welt diese Bücherkriege, waren es doch Bücher, die bei der Jagd auf Bücher halfen: Zensur- und Verbotskataloge. Der berühmteste unter ihnen, der Index librorum prohibitorum, gilt noch heute jedem gläubigen Katholiken als Ausschlusskriterium seines Kanons. Doch auch in öffentlichen Bibliotheken gibt es Kataloge, die Werke in den Giftschrank und damit aus der Welt der Leser verbannen. Ohne Ansehen des Inhalts genügt oft schon ein Stempel mit dem Hakenkreuz, die Aussonderung zu beschließen, das Buch von seinen Brüdern zu isolieren, so dass es nur noch Forscher mit Sondererlaubnis irgendwann einmal wieder in die Hände nehmen dürfen.

Allein Zensur schützt Literatur

Bücher verhalten sich also nicht immer solidarisch! Es scheint so, als sei der Frieden auch bei ihnen die Ausnahme, der Krieg die Regel. Jonathan Swift belauschte vor knapp dreihundert Jahren, was in der Königlichen Bibliothek zwischen Schließung am Abend und Wiedereröffnung am Morgen geschieht: ein grauenhaftes Schlachtengetümmel, ein Wüten und Hauen und Stechen und Morden der Bücher untereinander, bei dem es kein Pardon gibt. Gleichwohl streiten sie dort ehrenvoll im Gegensatz zu den feldgrau eingebundenen Heerscharen, die als geistige Munition, Beruhigungsmittel oder Hilfstruppe im Ersten und im Zweiten Weltkrieg die Soldaten begleiteten: Karl May und Rainer Maria Rilke, Friedrich Hölderlin und Joseph von Eichendorff. Schmachvoller Ort, der Tornister, wieviel glorreicher, selbst an der Front zu stehen! Bücher sind die besseren Menschen.

Deshalb stritt Alfred Döblin in der Weimarer Republik für die Erhaltung der Zensur. Ihre Abschaffung bedeute, dass die Literatur nicht mehr satisfaktionsfähig sei. Döblin ging es um eine "litteratura militans", eine wehrhafte, eine kriegerische Literatur, die sich nicht durch staatliche Schonung einwickeln und zum Schoßhund degradieren lasse. Er forderte eine gefährliche und damit auch gefährdete Literatur, die wehtun könne und tödlich sein, die deshalb selbst mit Schlägen, Streichen, ja dem Tod rechnen müsse.

Ob Döblin dabei auch kuriose Varianten der Wiederauferstehung im Sinn hatte? So eroberten die amerikanischen Truppen 1945 nicht nur Bayern, sondern auch die Münchener Druckerei, in der Mein Kampf gedruckt worden war. Als Besatzungsmacht sorgten sie dafür, dass der Bleisatz von Hitlers Hauptwerk eingeschmolzen und daraus Lettern gegossen wurden, für Deutschlands erstes demokratisches Medium, Die Neue Zeitung. Eine dunkle Herkunft, durchaus, vor allem aber ein Neubeginn. Damals hatten Zeitungen noch Zukunft.

Dossier: Buchmesse 2004

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