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Pola Oloixarac.
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Pola Oloixarac.

Roman aus Argentinien

Pola Oloixarac: „Wilde Theorien“ – Pablos diskursive Brutalität

  • VonStefan Michalzik
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Die Linken und der Machismo: „Wilde Theorien“, der virtuose Debütroman von Pola Oloixarac, hat in Argentinien zu Kontroversen geführt.

Ganz am Ende dieser Parforcetour von einem Roman steht eine Rebellion der unterdrückten Klasse der Nerds, ähnlich wie in Highschoolfilmen, wo sie sich erheben und über jene triumphieren, die für cool gelten und bei den Mädchen gut ankommen. Die argentinische Schriftstellerin Pola Oloixarac hat mit ihrem Debütroman „Wilde Theorien“ nach dessen Erscheinen in ihrer Heimat 2008 eine heftige Debatte ausgelöst, weil er sich unter anderem mit dem Phänomen eines linken Machismo im akademischen Milieu beschäftigt. Nun liegt das Buch auch auf Deutsch vor, quasi nachgereicht vom Wagenbach-Verlag, der 2016 schon Oloixaracs zweiten Roman, „Kryptozän“, in Übersetzung vorlegte.

Das Buch, exzellent übersetzt von Matthias Strobel, ist komplex und beziehungsreich, stellenweise auch spröde, die Lektüre ist fordernd, doch sie lohnt. Nur lose sind die drei Ebenen der Handlung miteinander verschlungen. Der Blogger Pablo geht angesichts seiner Physis davon aus, dass er selbst für jemanden, der genauso scheußlich ist wie er selbst, zu scheußlich ist. Er kultiviert eine heitere Sehnsucht nach der Zeit seiner Adoleszenz, den neunziger Jahren. Die waren das Jahrzehnt des Austauschs von illegal aus dem Internet heruntergeladener Software und Pornofilmen – und der ersten Erfahrungen mit den immerfort neu auftauchenden „Psychopathenspielwiesen“ im Netz, wo Pablo seine „diskursive Brutalität“ ideal ausleben konnte. In der pummeligen Kamtchowsky lernt er unverhofft eine ihm ebenbürtige Partnerin kennen. Die beiden sind das, was man „politisch inkorrekt“ heißt und betreiben soziologische Feldforschung in der Subkultur von Buenos Aires. Gemeinsam mit einem attraktiven Paar, das sie in der Schlange zum Eingang zu einer angesagten Gothic-Party kennenlernen – Pablo hat gerade über Türsteher und den Zauber der Elite reflektiert -, bilden sie eine erotische Ménage à quatre.

Dann ist da noch eine – durchgeknallte – Ich-Erzählerin, die, wie sich irgendwann erschließt, zugleich die „allwissende Erzählerin“ der anderen Ebenen ist. Oloixarac gleich ist sie Jahrgang 1977 und studiert, wie diese einst, Philosophie; sie beschreibt sich als wunderschön und verfolgt über das ganze Buch hinweg einen Professoren.

Das Buch

Pola Oloixarac: Wilde Theorien. Roman. A. d. Span. v. Matthias Strobel. Wagenbach, Berlin 2021. 252 Seiten, 22 Euro.

Der Mensch, das Beutetier

August Garcia Roxler, einst Kämpfer der Guerilla, hat die Anfang des vergangenen Jahrhunderts von dem – fiktiven – niederländischen Anthropologen Johan Van Vliet entworfene „Theorie der egoischen Übertragungen“ weiterentwickelt. Van Vliets antifreudianische These geht dahin, dass die frühmenschliche Ursituation einer Existenz als Beutetier, das ständig auf der Hut vor den Raubtieren zu sein hat, als anthropologische Konstante in Gestalt einer Trias von Angst, Gewalt und Krieg bis heute prägend ist. Besonders zu Beginn des zweiten Teils, wo Van Vliets Theorie eingehend dargestellt und zu Leibniz in Beziehung gesetzt wird, nimmt das die Form eines Essays an.

Das ist kein vordergründig ironisches Buch, Witz und Diskurs jedoch bringt Pola Oloixarac prächtig zusammen. Es ist gespickt mit popkulturellen Bezügen, von Musik und Film bis zu Videospielen. Geboten werden Ausführungen etwa über gewaltsame Initiationsriten in Stammeskulturen und die militärische Homophilie im antiken Griechenland. Im finalen dritten Teil entwickelt das infernalische Quartett ein „moralisches Videospiel“ und schickt sich an, Google Maps anarchisch aufzumischen. Eine Guerilla des Internets, subversiv wie die verhassten Altvorderen der peronistischen Linken in den siebziger Jahren, doch mit einer anderen Haltung und zeitgenössischen Mitteln.

Zu Kontroversen führte dieser postmodern verschachtelte Roman in Argentinien, weil sich die beiden weiblichen Hauptfiguren gegen eine Dominanz der linken Machos im akademischen Milieu richten. Pola Oloixarac, die sich als Feministin versteht, kritisierte in einem Interview die „Mythologisierung der revolutionären Linken der siebziger Jahre in Argentinien und des Peronismus“. Gegen die Vorhaltung einer Rechtstendenz wehrt sie sich. In der Tat: Kritik an linkem Machotum macht noch keine Neurechte. Nerds, so Oloixarac in einem Interview, halte sie für die Helden unserer Zeit.

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