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20. Januar 2009: Barack Obama wird als 44. US-Präsident vereidigt.

Obama vs. Trump

Pointiert schwarz-weiß

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Ta-Nehisi Coates? Essays helfen in der Rückschau auf die Regierungszeit Obamas die rassistischen Strukturen der amerikanischen Gegenwart zu verstehen.

Ta-Nehisi Coates ist ein Meister darin, schwarz-weiß zu zeichnen. Zumindest wenn man die Metapher nicht im herkömmlichen Sinne einer undifferenzierten Betrachtung verwendet. Sein nun auf deutsch vorliegender Essay-Band „We Were Eight Years in Power. Eine amerikanische Tragödie“ ist beileibe nicht frei von Zwischenschattierungen. Sondern bietet viel mehr einen sehr klaren, sehr differenzierten Blick auf die US-amerikanische Gegenwart und Geschichte, der dabei aber stets deutlich macht, was es bedeutet, in dieser Realität schwarz oder weiß zu sein.

 

Das „Wir“ im Buchtitel ist ein schwarzes: Coates positioniert sich explizit als schwarzer Autor, zitiert wieder und wieder die afroamerikanischen Vorbilder, denen er auch in seinem Schreiben nacheifert – sei es James Baldwin, als dessen Nachfolger die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison ihn rühmt. Seien es Vertreter der Hip-Hop-Kultur wie Public Enemy, Nas oder Jay-Z, die Coates gerne zitiert. Aus dieser Einordnung im Feld afroamerikanischer Denk- und Schreibtraditionen heraus bilanziert Coates die acht Amtsjahre von Barack Obama als erstem schwarzen US-Präsidenten anhand von acht Essays, die er in dieser Zeit im Magazin „The Atlantic“ veröffentlichte. Der 42-Jährige rahmt diese Artikel, die sich mal mehr, mal nur am Rande mit der Person Obamas beschäftigen, mit autobiografischen Anekdoten und einer durchaus auch selbstkritischen Erörterung der Entstehungsumstände des jeweiligen Textes. So beleuchtet er seinen eigenen Werdegang vom arbeitslosen, von Geld- und Versagensängsten geplagten Autoren zum gefeierten Intellektuellen, dem das Auftreten Obamas einen neuen Markt für das eigene Schreiben eröffnete. Und indem er seine Biografie mit der Obamas abgleicht, macht er die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der politischen Positionierung begreiflich.

Ergänzt wird all dies um einen Epilog, der um Obamas Nachfolger Donald Trump kreist. Denn das ist ja die schwelende Grundfrage: wie konnte es passieren, dass Obama im Weißen Haus von einem offenen Rassisten (und Sexisten) abgelöst wurde?

Die Überraschung, die in dieser Frage mitklingt, der Schock der so viele nach dem Wahlsieg Trumps erfasste – Ta-Nehisi Coates teilt sie nicht. Nicht, weil er fest damit gerechnet hätte, dass so viele vor allem weiße Menschen Trump wählen würden – „aber ich traute es ihnen durchaus zu“. Im Gegensatz zu Obama, der in seinem von Coates fein beobachteten Glauben an das grundsätzlich Gute der amerikanischen Nation zu diesem sagte, dass Trump niemals gewinnen könne.

Coates hingegen stellt dieses Gute, den gemeinsamen amerikanischen Mythos, in seinen Essays konsequent in Frage. „Amerika wurde auf der Vorzugsbehandlung von Weißen errichtet – 395 Jahre lang“, schreibt er etwa in einem seiner stärksten Texte, dem „Plädoyer für Reparationen“. Weiße Demokratie sei Hand in Hand gegangen mit der Unterdrückung und Plünderung schwarzer Menschen, weit über die Zeit der Sklaverei hinaus. Er belegt das akribisch, indem er etwa daran erinnert, wie Menschen in vornehmlich schwarzen Wohnvierteln beim Erwerb von Immobilien strukturell benachteiligt wurden. Oder wie die systematische Zerstörung schwarzer Familien in der Sklaverei bis in die Gegenwart mit ihrer Masseninhaftierung von unverhältnismäßig vielen schwarzen Männern fortwirkt.

„Weiße Menschen, die sich der Schuld ihrer Vorfahren noch nicht ganz gestellt haben, aber ihre Last spüren, sehnen sich nach irgendeinem Zauber, der die Bürde der Sklaverei mit allem, was danach kam, auf magische Weise verschwinden lässt“, schreibt Coates. Aber diese Sehnsucht nach einem Happy End lasse sich nicht erfüllen, ohne die Vergangenheit und den bis in die Gegenwart wirkenden Rassismus zu benennen und aufzuarbeiten. Es reiche nicht, wie Obama dies getan habe, Programme zur allgemeinen Armutsbekämpfung aufzulegen und auszuklammern, dass es innerhalb sozialer Schichten ungleiche Chancen von schwarz und weiß gebe. „Deshalb müssen wir uns ein neues Land vorstellen. Reparationen – womit ich die volle Anerkennung unserer kollektiven Biographie und ihrer Folgen meine – sind der Preis, den wir zahlen müssen, um uns selbst in die Augen zu sehen.“

Die Analyse unterschiedlicher schwarzer und weißer Lebensrealitäten und ihrer historischen Ursachen bilden den Schwerpunkt von Coates Texten. Jedoch knüpft er sie immer wieder an Person und Handeln Obamas an, unabhängig davon, ob er gerade Präsidentengattin Michelle Obama porträtiert, das Vermächtnis von Malcolm X betrachtet oder den auch in Obamas Reden anklingenden schwarzen Konservatismus des TV-Entertainers Bill Cosby angreift.

So arbeitet Coates textübergreifend und pointiert das Bild eines Mannes heraus, der es zwar als Schwarzer ins Weiße Haus schaffen und so eine deutliche Symbolkraft entfalten, dabei sein Schwarzsein aber nie explizit herausstellen konnte, ohne damit direkt seine politische Agenda zu gefährden. „Barack Obama regiert eine Nation, die aufgeklärt genug ist, um einen Afroamerikaner ins Weiße Haus zu entsenden, aber nicht aufgeklärt genug, um einen schwarzen Mann als Präsidenten zu akzeptieren“, folgert Coates in seinem gegen Ende von Obamas erster Amtszeit verfassten Text „Die Angst vor einem schwarzen Präsidenten“. Und er knüpft daran auch sein Resümee, wonach Trump im Fahrwasser der Ideologie weißer Vorherrschaft „Amerikas erster weißer Präsident“ sei, der seinen Wahlerfolg anders als Obama nicht harter Arbeit sondern letztlich schlicht seinem Weißsein verdanke. Und der Tatsache, dass er auf den rassistischen Kampagnen, die Obama durch seine gesamte Amtszeit begleiteten, aufbauen konnte.

Coates’ oft mit historischen Daten und statistischen Fakten unterfütterte Essays mögen in der Gesamtschau teilweise ein wenig redundant sein – manche Anekdoten tauchen mehrfach auf, während einige dem US-Publikum sicher vertraute Namen oder Geschichtsfakten in der deutschen Ausgabe vielleicht einer Fußnote bedurft hätten. Coates’ großes Talent als Autor tritt aber gerade darin zutage, dass er politische Analyse und historische Rückschau mit Reportage-Elementen zu verbinden weiß. Und sich dabei immer wieder selbst einbezieht, so wie er es schon in seinem preisgekrönten Buch „Zwischen mir und der Welt“ tat, einem Brief an seinen Sohn, der seinen Weg als schwarzer Junge in einer rassistisch geprägten Gesellschaft finden muss. So hilft er, Strukturen der US-amerikanischen Gesellschaft besser zu verstehen auf eine Weise, die intellektuell fordert und emotional berührt zugleich.

Ta-Nehisi Coates: We Were Eight Years in Power.  A. d. Engl. v. Britt Somann-Jung. Hanser Berlin 2018. 416 S., 25 Euro.

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