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Berlin Mitte, Große Hamburger Straße, Ort jüdischen Lebens in Berlin, Denkmal für das ehemalige jüdische Altersheim Berlin

Literatur

Ein poetisches Lebenswerk

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Die Berliner Schriftstellerin Irina Liebmann verankert ihr Schaffen seit fast 30 Jahren in Berlin-Mitte. Jetzt hat sie mit „Die Große Hamburger Straße“ einen berührenden und beunruhigenden Denkraum geschaffen

Die Große Hamburger Straße im Berliner Ortsteil Mitte hat einen Wikipedia-Eintrag. Zuletzt wurde er im November 2019 bearbeitet. Etwas sehr Wichtiges fehlt jetzt darin: Irina Liebmanns neuer Roman „Die Große Hamburger Straße“. Das Buch schafft einen Denkraum für diesen Flecken Berlin, bestückt mit Schicksalen seiner Bewohner über die Jahrhunderte, erforscht von der Autorin über Jahrzehnte. Sie sagt „ich“ und führt in ihre Erinnerung, betrachtet Fotos und sucht Menschen, die sie lange kennt, wieder auf. Alt sind sie geworden, haben einen Staat untergehen sehen.

Irina Liebmann, zunächst Journalistin, dann Schriftstellerin: Dramatikerin, Lyrikerin, Romanautorin, erlebte ihren größten Erfolg mit dem Buch über ihren Vater, den jüdischen Kommunisten Rudolf Herrnstadt, den ersten Chefredakteur der „Berliner Zeitung“: „Wäre es schön? Es wäre schön!“ (2008). Ihr Anker- und Ausgangspunkt für viele Bücher war und ist aber Berlins östliche Mitte, begonnen 1982 mit dem „Berliner Mietshaus“. Damals klingelte sie an Türen und brachte die Bewohner zum Erzählen. Indem sie die Personen unkenntlich, aber ihr Leben deutlich machte, schuf sie ein Zeitbild. Es folgten die Romane „In Berlin“ und „Die freien Frauen“, der illustrierte Essay „Stille Mitte von Berlin“ und das Poem „Das Lied vom Hackeschen Markt“.

„Wir schreiben das Jahr 2015“, beginnt ein Absatz auf der dritten Seite. „Wenn dieses Buch jemals fertig werden sollte, wenn es gedruckt und gebunden vor Ihnen, verehrter Leser, tatsächlich auf einem Tisch liegen sollte“, schreibt sie weiter, „dann wird Krieg sein, hier, wo ich bin. Das fürchte ich. Es könnte sein.“ Damals nahm Deutschland viele Menschen auf, die ihr Zuhause durch Krieg verloren hatten, es gab giftige Stimmen dagegen.

Heute schreiben wir das Jahr 2020, das Buch ist gedruckt und gebunden. Nicht Krieg, nur eine Krankheit ist schuld, dass die seit Langem von Touristen bevölkerte Gegend wieder so leer ist wie zu jener Zeit, als Irina Liebmann mit ihren Recherchen begann. In den Achtzigern waren von Bomben gerissene Lücken noch unbebaut, begann gerade erst ein Sanierungsprogramm. Dass dies in der Straße wenig sichtbar wurde, gehörte zu den Nebenwirkungen der DDR-Wirtschaft; gleichbleibende Preise und gleichbleibender Lohn ließen viel Material im Privaten versickern. Das erzählten die Bauarbeiter häppchenweise. Heute ist eine Wohnung hier nur teuer zu haben.

Eine „Straße des Glaubens“ habe sie betreten, schreibt sie: „Ihr Krankenhaus ist katholisch, ihre Kirche protestantisch, und der uralte Friedhof, den es hier einmal gegeben hat, der war jüdisch gewesen.“ Reingelockt, reingezogen beim Gehen durch die Stadt wurde sie in die Straße, als „unreligiöse junge Frau“, dann steht sie dort und die Vergangenheit färbt ihren Blick. „Was für ein Ghetto!“, schreibt sie, lässt zwei Zeilen frei und fragt: „Habe ich das gesagt? Es ist mir so rausgerutscht. Normalerweise denke ich nicht an die Juden hier, Juden und Juden. Ich denk nicht an sie, sie sind weg.“

Irina Liebmann: Die Große Hamburger Straße. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt 2020. 236 S., 22 Euro

Wie Irina Liebmann das ausgelöschte jüdische Leben des Viertels nicht mehr aus ihrem Text lassen kann, ist stark und beunruhigt. Sie ist eben nicht nur neugierige Flaneurin, sie kennt die Fakten. Sie weiß, dass die Juden aus ihrem Zuhause geholt wurden und die Nachbarn nicht hinsahen. Darüber diskutiert sie nicht, sondern schreibt: „Denn auch ich bin nicht ehrlich, sonst würde ich sagen, dass auch mein Großvater und meine Großmutter auf solche Transporte gingen und niemals mehr wiederkamen, niemals …“ Und sie fand doch noch alte Frauen, die sich erinnerten, wie die Menschen ab 1942 durch die Straße getrieben wurden und am helllen Tag verladen. Sie liest ihre Gesprächsnotizen auf vergilbten Blättern. Verstummte Zeugen.

Wenn sie die Hausnummern abzählt und alte Pläne studiert, wenn sie ins Café geht und Gespräche wieder aufnimmt, schließen sich die Kreise einer deutschen Vergangenheit mit Hoffnungen, Enttäuschungen, Verrat. Sie war Anfang 40, als sie die Große Hamburger Straße für sich entdeckte. Als 2013 „Das Lied vom Hackeschen Markt“ erschien, sagte sie mir im Gespräch: „Tatsächlich will ich immer noch dieses eine Buch schreiben, für das ich so viel Material gesammelt habe. Dafür suche ich noch die richtige Form.“

Jetzt ist es da. „Die Große Hamburger Straße“ ist so etwas wie ein Lebenswerk der Irina Liebmann. Sie hat die Form und den Ton gefunden, ihre Recherchen zu durchdringen. Das Buch funkelt von ihrem Geist. Die grauen Fotos markieren Pausen. Die Sätze schwingen im Rhythmus der Stadtgängerin, sie pochen im Leserkopf weiter. „Und wissen Sie, was als Einziges hilft gegen die Angst?“, fragte eine der alten Frauen damals die junge Autorin. „Lesen. Nur Lesen.“ Wir schreiben das Jahr 2020, die Berliner Straßen sind leer, wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Aber wir lesen.

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