Monika Rinck.
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Monika Rinck

Poetikvorlesung: Brabbeln und deuten

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Die Dichterin Monika Rinck startet ihre Video-Poetikvorlesung „Vorhersagen“.

Monika Rincks Frankfurter Poetikvorlesung heißt „Vorhersagen“, und damit befasste sich die 1969 in Zweibrücken geborene Dichterin auch in der ersten Ausgabe. Von Punkt 18 Uhr an konnte man sich das Video anschauen, das funktionierte trefflich, stimmte aber auch melancholisch. Jedoch: Was wäre ein akademisches Viertel wert, vom Büro oder Sofa aus betrachtet.

Rinck aber war aufgeräumt angesichts einer Lage, die vor einem Jahr nicht ein einziger Mensch hätte vorhersagen können. Und ein dahingehender Orakelspruch wäre vermutlich missinterpretiert worden. Nie ist das Orakel fehlerhaft, wenn eine Vorhersage nicht eintrifft, lehrte Rinck, immer nur die Deutung.

Inzwischen wissen wir aber wieder mehr über die Situation, in der sich auch eine Poetikvorlesung derzeit befindet, und können mit dem Deuten weitermachen. Statt mit Vorhersagen begann Monika Rinck mit einer langen Aufzählung von Absagen, einer Absagenflut, bei der sie nicht einmal wesentlich über den April hinauskam. Als ihr klar wurde, dass es sich aber trotz allem lohnen würde, den Text zu schreiben, folgten die (schreibenden Menschen allzu vertrauten) Berechnungen, wie viele Seiten am Tag entstehen müssen, um dann und dann fertig zu sein. Dann fiel ein Tropfen Tee auf die Tastatur, und Rinck wischte ihn mit dem Ärmel weg, und die Tastatur war hin. Berechenbarkeit: ein zu weites Feld für eine einzelne Person.

Hineinschauen tötet

Auch darum gibt es ja die Riten der Orakelbefragung, sei es mit Blick auf den Flug der Vögel, sei es mit Blick in das Innere der Vögel. Letzteres können die Vögel nicht überleben. Monika Rinck überging das Töten der Tiere nicht, im Gegenteil erinnerte sie an die Rechnung, nach der seit 1970 die Tierpopulation weltweit um 70 Prozent geschrumpft ist.

Die Dozentin sondierte das Terrain des Vorhersagens. Zunächst sprachlich, indem sie das „Lesen“ umkreiste, ein vielfältiges Wort, das sich nicht drauf festlegt, ob es lediglich nimmt oder konsumiert, was bereits da ist, oder ob durch das Lesen nicht erst etwas entsteht. Rinck zitierte Walter Benjamins (auf Hugo von Hofmannsthal zurückgreifendes) „Was nie geschrieben wurde, lesen.“

Dann praktisch, indem sie schilderte, was für ein Orakel unverzichtbar ist. Etwa der Omphalos, der in Delphi den Nabel der Welt markierte. Oder die dampfende Erdspalte, über der die Pythia in Trance das Orakel empfing. Interessant, so Rinck: Die Frau als Brabbelnde, die Männer als die, die daraus Poesie formen. Dass das ein Bild ist, das Künstlerinnen bis in die Neuzeit verfolgt, ist der Künstlerin Rinck bewusst.

Poetikvorlesungen

Am 17. und  24. November sowie 1. Dezember 2020 sind die Videos jeweils von 18 bis 20 Uhr auf der Website www.poetikvorlesung.uni-frankfurt.de verfügbar.

Ihr fiel übrigens auch auf, dass bei einer Düsseldorfer Lesung im Saal verschärfte Hygieneauflagen eingehalten werden mussten, während draußen ein Straßenfest tobte. Und dass zwei Roboter im Berliner Futurium (das sie besuchte, während der Computer repariert wurde) darüber sprachen, was Menschen wohl täten, wenn nun doch Roboter die ganze Arbeit verrichteten. Gedichte schreiben, sei ihnen als erstes eingefallen. Gedichte schreiben, so Rinck, als sei es das vollständigste Gegenteil von Arbeit.

Die Vorlesung ist diesmal also ein dreiteiliger Film, der zweite Teil am nächsten Dienstag. Auch Teil 1 ist auf der Seite der Goethe-Universität weiterhin zu sehen.

Aber hat Nicholas Grindell nun ein Buch über Nabel geschrieben? So eindringlich bejahte und verneinte Rinck das in einer ihrerseits trancehaften Abschweifung, dass man hinterher suchen musste. Vorläufig vergeblich. Man fand dafür anderes. Es ist schön, dass Unsicherheit selbst über im Prinzip nachprüfbare Wahrheiten in bestimmten Situationen (und nur dann) eine Quelle der Anregung sein kann.

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