Karl Ove Knausgard bei einer Preisverleihung.
+
Karl Ove Knausgard bei einer Preisverleihung.

Jahreszeiten

Die Poesie der Fledermäuse

  • vonFrank Junghänel
    schließen

Mit dem Band „Im Sommer“ vollendet Karl Ove Knausgard, der eigentlich gar nicht mehr Schriftsteller sein wollte, seine jüngste Tetralogie.

Als Karl Ove Knausgard vor sieben Jahren seine Lebensbetrachtung „Min Kamp“ abschloss, widmete er die letzten Gedanken in diesem egomanischen, viertausend Seiten starken Romanzyklus seiner Familie. „Ich habe Linda so gern, und ich habe unsere Kinder so gern. Ich werde mir nie verzeihen, was ich ihnen angetan habe, aber ich habe es getan, damit muss ich leben.“ Gemeint war damit die im wahrsten Sinne schonungslose Offenheit, mit der er in den sechs Bänden nicht nur sein eigenes Privatleben ausbreitete, sondern in seine intimen Bekenntnisse jene Menschen einbezog, die ihm nahe sind. Er beruhigte sich zum Schluss mit der Behauptung, dass er es nun genießen werde, „wirklich genießen“, wie er betonte, „dass ich kein Schriftsteller mehr bin“.

Nun, da mit dem Band „Im Sommer“ ein weiteres, diesmal vierteiliges Prosawerk in deutscher Übersetzung vorliegt, darf man sagen, dass sein Vorsatz, kein Schriftsteller mehr sein zu wollen, nicht lange getragen hat. Und liest man aus gegebenem Anlass parallel zum Sommerbuch auch noch in Knausgards ebenfalls gerade erschienenem Briefwechsel „Kein Heimspiel“ über die Fußball-WM vor vier Jahren in Brasilien, erfährt man, dass es gar nicht anders sein kann. „Durch das Schreiben finde ich meinen Weg ins Leben“, erklärt Knausgard irgendwo zwischen Gruppenphase und Finale. „Es ist meine Art, die Kanäle zur Welt zu öffnen.“ Um dann zu bemerken, dass ihm gerade dies nie gelungen sei – sich selbst dem Leben aufzuschließen.

Aus diesem Sehnen nach Zugehörigkeit, verwoben mit dem tief sitzenden Empfinden von Isolation, speist sich das Schreiben des norwegischen Autors, der im Dezember fünfzig wird. Ein schwieriges Alter für jeden, bei Knausgard aber hat man das Gefühl, dass er schon immer fünfzig ist. Alles ist bei ihm mit einem Gefühl der Vergeblichkeit verbunden und der Schuld. Schuld an sich selbst, an seiner Vorstellung von dem Menschen, der er sein möchte, Schuld an denen, die er liebt. Sein exzessives Schreiben ist wider besseren Wissens ein Versuch, diese Schuld Wort für Wort abzutragen.

Wenn man so will, sogar im Voraus. Die Jahreszeiten-Tetralogie hat er seiner Tochter Anna gewidmet, die zu Beginn, „Im Herbst“, noch gar nicht geboren war. Sie ist das „du“ in diesen Texten, die sie irgendwann einmal lesen wird, gerührt, betroffen, beschämt und hoffentlich auch ein bisschen amüsiert über ihren Vater, der sich solche Gedanken über sie und sich, über ihre Geschwister und über die Dinge des Lebens gemacht hat.

Die kleinen Essays, die sich hier wieder durch das Buch ziehen, tragen sommerliche Titel wie „Rasensprenger“, „Campingplätze“, „Wespen“, „Grill“, „Eiscreme“, „Mücken“ oder „Haut“. Und nicht selten, im Grunde immer, nimmt das Objekt der Beobachtung bei Knausgard eine subjektive Form an. Er will die Welt für seine Tochter entdecken, am Ende wird seine Tochter (und die Lesewelt) vor allem ihren Vater sehen. Im Kapitel „Kurze Hosen“ zum Beispiel. „Ich trage heute eine kurze Hose, sie ist moosgrün, und reicht mir bis knapp über die Knie, und obgleich sie in der Hitze bequemer ist als eine lange Hose, haftet ihr doch etwas leicht Unangenehmes an, als würde sie mich kleiner machen, als wäre ich zu alt für sie.“ Gleich ist der große Grübler dann bei seiner Sehnsucht nach der Kindheit. „Ich sehnte mich auch danach, so umhegt zu werden, wie ich es damals wurde.“ Angesichts einer gewissen Lebensverleugnung, die er in diesem Zurückblicken wahrnimmt, muss er sich klarmachen, dass die kurze Hose nur ein Stück Stoff ist, das die Beine unbedeckt lässt.

In den Tagebuchnotizen, die die kurzen Reflexionen verbinden, karrt Knausgard seine Kinder hin und her, zur Theatergruppe, zu Freunden, zum Baden. Sie leben nahe dem südschwedischen Ystad auf dem Land, Anna ist jetzt zwei, die älteste Tochter probt schon die Pubertät. Er guckt Fußball, es ist EM-Sommer, er schläft, er liest, zupft das Unkraut im Garten und spürt dem Vergehen der Zeit nach. Über seine Frau heißt es manchmal, sie sei in Helsingborg. Von Linda Boström Knausgard, selbst Schriftstellerin, ist der Autor inzwischen geschieden.

Ein Wesen, das ihm wichtig ist, kommt bei ihm gleich zweimal vor, zunächst im Eintrag „Fledermäuse“, wo er fasziniert die eigene Welterfahrung dieser Tiere evoziert, die sich bei jedem Ausflug in ein „Netz aus sonaren Abdrücken werfen und durch das Labyrinth in ihrem eigenen Kopf fliegen“. Versucht er das nicht auch? Später die „Fledermaus“, Einzahl. Knausgard berichtet davon, wie er als Kind in panischer Angst eine Fledermaus erschlagen hat. Seit diesem Tag, schreibt er, habe er sich niemals frei von Schuld gefühlt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare