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Zur Antisemitismus-Debatte: „Historiker streiten“ - Plötzlich diese Übersicht

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Von: Arno Widmann

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Das Holocaust-Mahnmal wäre ohne den strengen Blick auf Deutschland nicht möglich gewesen. B. Sax/afp
Das Holocaust-Mahnmal wäre ohne den strengen Blick auf Deutschland nicht möglich gewesen. © B. Sax/afp

Der Band „Historiker streiten“ bringt vorzüglich auf den Stand der Antisemitismus- und Singularitätsdebatte Von Arno Widmann

Vor einem Jahr fand im von der US-amerikanischen Philosophin Susan Neiman geleiteten Potsdamer Einstein-Forum das Symposium „Historiker streiten“ statt. Es ging dabei um Fragen wie diese: In welchem Verhältnis steht der Holocaust zu anderen Genoziden? Gibt es so etwas wie eine deutsche Staatsdoktrin, die festlegt, wie über den Holocaust zu sprechen ist? Wie beeinflusst sie die deutsche Israel-, respektive Nahostpolitik?

Ausgangspunkt dieses – wenn man so will – Historikerstreits 2.0 ist der „Katechismus der Deutschen“, ein Aufsatz des in New York lehrenden Genozidforschers A. Dirk Moses vom Mai 2021. Der von Moses spöttisch so betitelte Katechismus enthält u.a. folgende Glaubensartikel: Der Holocaust ist einzigartig. Er ist ein Zivilisationsbruch. Der Antisemitismus sollte nicht mit gewöhnlichem Rassismus verwechselt werden. Er ist etwas ganz für sich (sui generis). Schon im Januar erschien bei C.H. Beck ein Band, in dem Dan Diner, Norbert Frei, Saul Friedländer, Jürgen Habermas und Sybille Steinbacher Moses’ „Katechismus“ entgegentreten. Im jetzt erschienenen Band „Historiker streiten“ wird nicht nur die Potsdamer Tagung dokumentiert, es kommen weitere Stimmen zu Wort: ein guter Einblick in den aktuellen Stand der Debatte. Eine aufklärende und aufrüttelnde Lektüre.

Wer mit der Einleitung von Susan Neiman und mit dem Schlussstück des Mitherausgebers Michael Wildt beginnt, gewinnt die Übersicht, um sich zurechtzufinden im Getümmel der Argumente. Und wenn Sie danach den Beitrag des in Berlin lehrenden Globalhistorikers Sebastian Conrad lesen, der unter anderem die Nachkriegssituation der BRD mit der Japans vergleicht, wird Ihnen deutlich werden, wie es zu der sehr eigenen deutschen Holocaust-Interpretation kam. Die Auseinandersetzung der Neuen Linken mit der Ermordung der europäischen Juden spielt im Buch kaum eine Rolle. Die langen Debatten über den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus kommen nicht vor.

Allerdings bemerkt A. Dirk Moses über die deutschen 68er: „In den 1980er Jahren geben sie ihre Hoffnung auf eine geeinte sozialistische Nation preis zugunsten einer postnationalen Bundesrepublik, in deren Mittelpunkt das Gedenken an den Holocaust als ein einzigartiges Ereignis steht.“ Vom Maximal- zum Minimalprogramm. Statt des Traums vom Sozialismus das „Nie wieder Auschwitz“.

Referenzpunkt des Buches ist der Historikerstreit von 1986/87. Er war ausgelöst worden durch Ernst Noltes Behauptung, der Nationalsozialismus sei eine Reaktion auf die russische Revolution und den Stalinismus. Eine verbreitete Überzeugung. Unter anderem auch die von „Spiegel“-Chef Rudolf Augstein. Der hatte 1985 geschrieben: „Ob die Anti-Hitler-Verbündeten weniger Verbrechen begangen hatten als Hitler, steht gar nicht fest. Angefangen mit den Menschheitsverbrechen hatte jedenfalls 1928 Stalin.“ Hinzu kam, dass der Nationalsozialismus, der mit Stalin bei der Aufteilung Polens gemeinsame Sache gemacht hatte, von vielen als Bollwerk gegen den Kommunismus betrachtet wurde. Das war während des Kalten Krieges ein Pluspunkt. Der aber war seit den siebziger Jahren dabei, einer friedlichen Koexistenz Platz zu machen. Dagegen opponierte die von Helmut Kohl geforderte „geistig-moralische Wende“. Sie trat auf als Kampferklärung an den „Zeitgeist“, als eine Rückkehr zu nationalistischen Positionen.

Das meiste davon war und blieb Propaganda. Dass dem so war, lag an der weltpolitischen Entwicklung und ein wenig – denke ich – auch am Historikerstreit. Er war ein Abschnitt in der Auseinandersetzung um die Verfasstheit der Bundesrepublik. Damals ging es darum, der ökonomisch-politischen Westintegration eine – sagen wir – moralische hinzuzufügen. Die Bereitschaft, sich der eigenen Vergangenheit – die Bundesrepublik verstand sich ja völkerrechtlich als Nachfolgestaat des „Dritten Reiches“ – zu stellen, sie nicht abzuhaken und möglichst bald als verjährt zu betrachten, war die Intention derer, die damals dem Versuch, die Naziverbrechen zu historisieren, entgegentraten.

In den 80ern war immer mehr der Holocaust ins Zentrum der Betrachtungen über die Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts gerückt worden. Der Begriff war, daran erinnert Omer Bartov, erst 1979 durch die gleichnamige Fernsehserie auch in Deutschland angekommen. Edgar Reitz soll, so Bartov, damals erklärt haben, „Holocaust“ sei ein Versuch der Amerikaner gewesen, „uns unsere Geschichte wegzunehmen.“ Sein Unternehmen „Heimat“ erscheint so betrachtet als ein Versuch, der deutschen Geschichte, wie sie sich von außen betrachtet darstellt, eine Sicht von innen entgegenzusetzen.

Der Historikerstreit war eine Auseinandersetzung ausschließlich deutscher Historiker. Nirgendwo in der Debatte ein Migrant, ein Ausländer, eine Frau. Heute undenkbar. Fiel das damals jemandem auf?

Die Behauptung von der Einzigartigkeit des Holocaust, von seiner Singularität, wurde nicht in dieser Zeit erfunden. Aber in dieser Debatte wurde sie zu einem zentralen Moment im Nachdenken über die Vernichtung der Juden. Warum war seine Einzigartigkeit so wichtig geworden? Nur sie ermöglichte den Einzug der Deutschen nach Europa. Das von Augstein praktizierte gegenseitige Aufrechnen der Untaten hätte keinen europäischen Frieden herstellen können. Deutschland konnte nur, indem es radikal böse – also anders als alle anderen – war, so werden wie alle anderen. Die Behauptung von der Einzigartigkeit des Holocaust war 1986/87 kein Ergebnis vergleichender Genozidforschung, sondern ein politisches Statement, das sich gegen seine Gleichstellung mit kolonialen oder stalinistischen Massenmorden stellte.

Andererseits gilt natürlich auch, dass alles einzigartig ist. Jedes Lebewesen, alles, was ist, ist das Produkt einer einmaligen Konstellation. Darum ist es mit nichts anderem identisch. Gleichzeitig aber hat jeder von uns so viel gemeinsam mit den anderen, dass der eigene Narzissmus sich immer wieder gekränkt fühlt. Auch der Holocaust wiederholt sich immer wieder und ist zugleich einmalig. Der erwähnte Beck-Band, der sich für die Einzigartigkeit des Holocaust stark macht, belegt das eindrücklich. Liest man die Beiträge, so fällt einem auf, dass überhaupt keine Einigkeit darüber besteht, worin die Singularität des Holocaust bestehen soll.

In dem Propyläen-Band beschreibt Sami Khatib die Lage so: „Sobald von Zusammenhängen die Rede ist, gibt es nur Mischverhältnisse, Vermittlungen, Kombinationen von neuen und alten Faktoren, deren historisch je singuläre Konstellation gegen strukturelle Wiederholung nicht gefeit ist.“ Wie der bundesrepublikanische Blick auf den Holocaust heute aussehen würde, wenn es keine Wiedervereinigung gegeben hätte, weiß niemand.

Vielleicht wäre die Gedenkstättenpflege in der Bundesrepublik noch immer ein „gegenkulturelles Projekt“. Jedenfalls muss man der Tatsache in die Augen sehen, dass die zentralen Schritte zu unserem heutigen Blick auf die Judenvernichtung erst in der Berliner Republik getan wurden. Das neue Deutschland musste nach innen und nach außen zeigen, dass keine Gefahr für neue Großmachtträume von ihm ausging, dass es – trotz der Fernsehbilder aus Hoyerswerda (1991), Rostock (1992), Mölln (1992) und Solingen (1993) – nicht fremdenfeindlich war.

Susan Neiman/ Michael Wildt (Hg.): Historiker streiten. Gewalt und Holocaust – Die Debatte. Propyläen. 368 S., 26 Euro.

Die Debatten um die „Wehrmachtsausstellungen“ (1995) des Hamburger Instituts für Sozialforschung – Jan Philipp Reemtsma schreibt über sie – spielten nach innen eine wesentliche Rolle. Es wurde deutlich, in welchem Umfang die deutsche Wehrmacht – und damit der überwiegende Teil der männlichen Bevölkerung – an Kriegsverbrechen – auch gegen Juden – beteiligt war. Das änderte den Blick der Nachgeborenen auf ihre Väter und Großväter. Das Holocaust-Mahnmal im Zentrum der Hauptstadt wäre ohne diesen Perspektivwechsel und ohne den strengen Blick von außen auf Deutschland undenkbar gewesen.

In den 90er Jahren erst begann sich die heutige Vorstellung vom Holocaust herauszubilden. 1994 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die Leugnung des Holocaust nicht von dem Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt werde. In 18 europäischen Staaten ist das inzwischen der Fall.

In einigen von ihnen ist auch die Leugnung anderer Völkermorde verboten.

Die Anerkennung der Holocaustleugnung als Straftat gehört zu den Aufnahmebedingungen der EU. Die Bewältigung deutscher Vergangenheit ist zu einem Stück gesamteuropäischen Geschichtsverständnisses geworden. In Polen wurde 2006 ein inzwischen kassiertes Gesetz eingebracht, das die Behauptung, Polen seien am Judenmord beteiligt gewesen, unter Strafe stellte.

Aber der Konsens beginnt zu bröckeln. Sebastian Conrad sieht uns heute in einem Prozess der Ablösung eines Erinnerungsregimes durch ein anderes. Der Historikerstreit der 80er konzentrierte sich auf den Umgang der Bundesrepublik mit dem Holocaust. Im Zentrum der aktuellen Debatte stehen Kolonialismus und Rassismus. Diese Verrückung oder Erweiterung des Brennpunkts kommt nach Deutschland nicht nur von außen. Auch die deutsche Bevölkerung ist nicht mehr die von vor vierzig Jahren. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund.

Was empfinden kurdische Kinder, deren Eltern die Flucht aus vom türkischen Militär vernichteten Dörfern gelang, in deutschen Schulen, in denen die Vernichtung der Juden als einzigartige Untat dargestellt wird, während das, was ihnen widerfuhr und ihren Verwandten weiter widerfährt, auf keinem Unterrichtsplan steht?

Auch ihre Geschichte ist heute deutsche Geschichte. Wie unsere auch ihre ist. Hinzu kommen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, deren Eltern oder Großeltern als Soldaten der Roten Armee gegen Nazideutschland kämpften. Auch wer heute aus der Ukraine kommt, hat möglicherweise Urgroßeltern, die in der Sowjetarmee kämpften, während man selbst jetzt gegen Russland kämpft. Wie einfach macht sich gegenüber dieser neuen Unübersichtlichkeit der bundesrepublikanische Historikerstreit der 80er Jahre aus.

Die verschiedenen Erfahrungen und Hintergründe löschen einander nicht aus, nehmen einander nichts weg. Erinnerung, darin sind sich viele Beiträge des Bandes einig, ist kein Nullsummenspiel.

Das trifft für die Erinnerung zu. Nicht aber für die Staatshaushalte. Die Singularität des Holocaust wird von allen bestritten, die nicht einsehen, warum die Opfer von zum Beispiel Kolonialverbrechen nicht ebenso entschädigt werden sollen wie die des Nationalsozialismus. Je stärker der Druck aus dieser Richtung werden wird, desto wichtiger wird es für die ehemaligen Kolonialmächte werden, an der Singularität des Holocaust festzuhalten.

„Ob wir es mögen oder nicht“, beendet A. Dirk Moses seinen Beitrag, „aber seit im Augenblick so gut wie jede Position durch ‚unsere Vergangenheit‘ gerechtfertigt werden kann, werden deutsche Politiker, die behaupten, aus dieser Vergangenheit ‚gelernt‘ zu haben, früher oder später als lächerliche Sprechpuppen betrachtet werden (wenn sie Glück haben, kann man es ebenso gut als Verschleierung nationaler Interessen sehen, siehe all die Sozialdemokraten, die Nord Stream 2 im Namen der Versöhnung mit ‚den Russen‘ unterstützt haben). In Deutschland hat die Berufung auf ‚unsere historische Verantwortung‘ oft nur den Zweck, sich von der Verantwortung für die Gegenwart zu entlasten. Wir verstecken uns gerne hinter Hitler.“

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