+
Stephanie Eidt bei der Produktion von „Der Platz“. 

Hörspiel

„Der Platz“ von Annie Ernaux: Was will man machen

  • schließen

Annie Ernaux’ „Der Platz“ als intensives Hörspiel mit der Schauspielerin Stephanie Eidt.

Annie Ernaux’ „Der Platz“ von 1983 ist ein schmales Buch, das den Blick auf die Gesellschaft verändern kann. Die eigene Warte spielt eine wesentliche Rolle, wenn man reflektiert, wie die Autorin, Jahrgang 1940, auf das Leben ihres Vaters schaut. Die Wucht, mit der Frankreich einem hier als Klassengesellschaft entgegentritt, ist umso größer, als Ernaux nie ins Allgemeine geht. Nüchtern beschränkt sie sich auf das, was sie über ihren verstorbenen Vater faktisch zu sagen weiß. Seine karge Jugend, die unhinterfragte Kinderarbeit, die Versuche, sich aus dem strapaziösen Arbeiterleben zu befreien und in einem Lädchen mit Ausschank ein Auskommen zu finden.

Die Verhältnisse bleiben ärmlich, „was will man machen“, aber „dem Kind fehlt es an nichts“ und sie soll „es einmal besser haben“. Wie die Tochter dem Milieu der Familie entwächst, ist kein tragischer, aber doch ein schmerzlicher Vorgang. Keine Stimme kann dafür geeigneter sein als die der Schauspielerin Stephanie Eidt, die im Hörspiel von Erik Altorfer – nach Sonja Fincks 2019 bei Suhrkamp erschienener Übersetzung – die alleinige Sprecherin ist. Empfindlich tastet und denkt sich diese Stimme durch den Text, das Ringen um die adäquate, nämlich haargenaue, unverblümte Wendung lässt sie sich ebenso anmerken wie die eigene Verwicklung. Einen sachlichen Blick auf den eigenen Vater zu werfen, was kann es Persönlicheres geben.

Altorfer (Regie und Bearbeitung) und Cordula Huth (Dramaturgie und Redaktion) legen das Hörspiel auch darum ganz anders an als das preisgekrönte Vorgängerstück des HR von 2018, Ernaux’ „Die Jahre“. Nicht Vielstimmigkeit, sondern völlige Intimität prägt die knapp 80 Minuten. In den dringlichen Sentenzen der Eltern – „Was sollen die Leute von uns denken“ – wird Eidts Stimme mal gedoppelt, mal hallt sie wider. Stets bleibt sie allein. Dazu antifolkloristische, nach innen gerichtete Musik von Martin Schütz.

„Der Platz“,  hr2-kultur, So., 14.04 Uhr, außerdem als Podcast auf hr2.de – das Hörbuch im Audio Verlag ist für Ende Juli angekündigt, 14 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion