Pixiwelt: Die Kinderpuppen von Loretta Lux

Vor zwanzig Jahren gab es das Porträt eines Kindes mit dem Titel "Jessie bites". Auf dem Arm einer Erwachsenen hatte das kleine Mädchen, schuldbewusst

Von ULF ERDMANN ZIEGLER

Vor zwanzig Jahren gab es das Porträt eines Kindes mit dem Titel "Jessie bites". Auf dem Arm einer Erwachsenen hatte das kleine Mädchen, schuldbewusst dreinschauend, den Abdruck seines kompletten Zahnsatzes hinterlassen.

Später ließ die Fotografin uns wissen, dass der Biss ihr eigener war. Das war Sally Mann. Jetzt, gewechselt zur Farbe, versucht sich Loretta Lux in genau diesem Genre der dreisten Metaphorisierung des kindlichen Gemüts. Geboren 1969 in Dresden, hat sie in München Malerei studiert und danach, mit dreißig Jahren, angefangen zu fotografieren.

Aber was heißt schon fotografieren, denn ihre Bilder sind Montagen von Porträts und Landschaften, denen man ihre Heimat in der Pixelwelt durchaus ansieht. Es ist eine Mischung aus Pixelwelt und Pixifoto, Psycho und Propaganda. Sie baut ihre Kinder groß vor der Kamera auf, zum Leben erweckte Käthe-Kruse-Puppen mit strahlenden Augen in Sechziger-Jahre-Kleidchen vor entnervendem Grün, glitzerndem Wasser oder Satellitenstädten am Horizont. Interessant, dass die Intensität bei den asiatischen Kinderporträts nachlässt. Das ist bei den weniger artifiziellen Bildern Hellen van Meenes genauso.

Es geht um die Ausdifferenzierung einer europäischen Idee vom Kind. Möglicherweise hat das Kind selbst eine Vorstellung dessen, was Kindheit bedeuten könnte: Intervention sinnlos. Oder andersherum, ist die Idee von Kindheit dem Kind wie ein Stempel mit dem Eintrag "selbstständig, bewundernswert" schon eingeprägt. Wir lieben es, da lacht es! Die Wonneproppen des aufgeklärten Biedermeiers, die "Hülsenbeckschen Kinder", kehren hier als digitale Aliens wieder. Die Aliens bleiben natürlich gern gesehene Verwandte, weil sie schweigen von dem, worüber man nicht reden kann.

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