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Pinneberg wählt nicht KPD

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8-1920-0-0-H1-B (324496)

Erwerbslosenfürsorge Berlin 20er Jahre

Weimarer Republik / Arbeitslosigkeit:
- Auszahlung der Unterstützung in einer
Zahlstelle der Erwerbslosenfürsorge. -
Foto, Berlin, 20er Jahre; spätere
Kolorierung.

E:
Benefit Office in Berlin / Photo / 1920s

Weimar Republic / Unemployment:
- Unemployment benefit is handed out
at a benefit office. -
Photo, Berlin, 1920s; coloured at a
later stage.

F:
Allocation chômage/Berlin des années 20

République de Weimar / Chômage
- Versement d'une aide financielle dans
un bureau du secours aux sans-emplois. -
Photo, Berlin, années 20 ; coloration
ultérieure. |
8-1920-0-0-H1-B (324496) Erwerbslosenfürsorge Berlin 20er Jahre Weimarer Republik / Arbeitslosigkeit: - Auszahlung der Unterstützung in einer Zahlstelle der Erwerbslosenfürsorge. - Foto, Berlin, 20er Jahre; spätere Kolorierung. E: Benefit Office in Berlin / Photo / 1920s Weimar Republic / Unemployment: - Unemployment benefit is handed out at a benefit office. - Photo, Berlin, 1920s; coloured at a later stage. F: Allocation chômage/Berlin des années 20 République de Weimar / Chômage - Versement d'une aide financielle dans un bureau du secours aux sans-emplois. - Photo, Berlin, années 20 ; coloration ultérieure. | © akg-images (akg)

Hans Falladas berühmter Roman „Kleiner Mann – was nun?“ erscheint erstmals in seiner ungekürzten Originalfassung.

Von Markus Schwering

Ich kenne den Fallada nicht, wohl aber diesen Pinneberg, das Lämmchen, Herrn Murkel natürlich, dann auch Frau Mia und den Jachmann – Herrgott, Jachmann, wie oft habe ich Sie in der kleinen Bar an der Ecke Augsburger getroffen! Diese Leute wohnen gleich nebenan, man kann ihre Schatten abends auf den Gardinen sehen, sie sind im ganzen Viertel gut bekannt.“

In dieser Besprechung in der „Vossischen Zeitung“ vom 7. September 1932 brachte Carl Zuckmayer auf den Punkt, was Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“ gleich nach seinem Erscheinen zu einem Welterfolg machte: Die unmittelbare, unverstellte, weder durch Ideologie noch artistische Finessen überformte Darstellung einer zeitgenössischen Lebenswelt. Und zwar nicht der einer großbürgerlichen décadence auf Thomas Mann’schen Zauberbergen, sondern derjenigen verzweifelter kleiner Angestellter, unversehens schwanger gewordener Arbeitertöchter, großspuriger Halbkrimineller und klassenbewusster Proleten. Nicht Davos, sondern Berlin – in der Ära der Massenarbeitslosigkeit und der politischen Radikalisierungskrise am Vorabend der NS-„Machtergreifung“.

Der mittel- und schließlich erwerbslose Verkäufer Pinneberg, dessen Freundin „Lämmchen“ ein („Murkel“ genanntes) Kind erwartet, dieser Verlierer, den das Leben tritt, wie es nur kann – er ist ein direkter Verwandter von Alfred Döblins Franz Biberkopf. „Berlin Alexanderplatz“ fehlt freilich seiner experimentellen Signatur und poetischen Zurichtung halber ein Stück weit jene Lebenswärme, die den Leser aus Falladas Roman, aus der Kraft seiner direkt dem Alltag der Erniedrigten und Beleidigten abgehörten Dialoge so unwiderstehlich und beklemmend anfällt.

Nun hat der Aufbau-Verlag „Kleiner Mann – was nun?“ in einer neuen Ausgabe herausgebracht. Warum das, schließlich gehört dieser moderne Großstadtroman par excellence seit langem zum literarischen Kanon? Ja, aber wie der Gießener Germanist Carsten Gansel in seinem Nachwort versichert, nicht in seiner originalen, also vom Verfasser niedergeschriebenen Gestalt. Der penible Vergleich zwischen der jüngst aufgefundenen, im Literaturzentrum Neubrandenburg und als Kopie im Fallada-Archiv in Carwitz (in diesem mecklenburgischen Ort lebte Fallada von 1933 bis 1944) aufbewahrten hand- und maschinenschriftlichen Originalversion und dem ersten Buchdruck im Rowohlt-Verlag wie auch dem Vorabdruck in der „Vossischen Zeitung“ ergibt vielmehr, dass der Roman im Zuge seiner Veröffentlichung massiv gekürzt wurde. Die dann von Auflage zu Auflage weitergeschleppten und jeweils mit willkommener Straffung und Verschlankung begründeten Streichungen, die jetzt erstmals aufgehoben wurden, umfassen nicht weniger als ein Viertel der Urschrift.

Sie „verändern“, so Gansel, „den Roman nicht grundsätzlich, zeigen aber, dass Fallada vieles nuancierter abzuwägen und zu schildern vermochte, als das bislang gedruckte Buch vermuten ließ. Die Streichungen betreffen vor allem Berlin-Beschreibungen und das dortige Nachtleben, Betrachtungen der ausgestoßenen Arbeitslosen und der Juden, Schilderungen einzelner subkultureller (damals ,zwielichtiger‘) Milieus, das Innenleben der Figuren (besonders den ,Robinson‘-Tagtraum) sowie anstößige und vulgäre Formulierungen.“

In der Tat zeigt der Vergleich, dass die Kürzungen nicht etwa entbehrliche Weitschweifigkeiten beseitigten, sondern das Buch um einen Teil seiner zeitdiagnostischen Schärfe und Genauigkeit brachten. Ein Beispiel. Im Original begründet Pinneberg, warum er im Unterschied zu seiner Frau Lämmchen nicht KPD wählen will: „Die wollen gar nichts von uns wissen, die schimpfen uns nur Bourgeois und Stehkragenproletarier.“ Diese Stelle fehlt dann im Buch – obwohl sie exakt die mentale Verfassung abstiegsbedrohter Angestellter am Ausgang der Weimarer Republik und damit einen Sozialtyp hinstellt, wie er zeitnah in Siegfried Kracauers soziologischem Großessay „Die Angestellten“ unnachahmlich beschrieben wurde.

Sind solche Streichungen „harmlos“? Nein, sind sie nicht. Der Tendenz der Druckfassung, die Darstellung „unmoralischer“ Milieus und vor allem politischer Kontroversen im Roman abzuschwächen und zu glätten, wachsen manchmal durchaus Zähne: Da wird etwa an einer Äußerung Pinnebergs über Juden so gekürzt, dass sie nun einen unverhohlen antisemitischen Zungenschlag bekommt – aus dem Munde einer der Identifikationsfiguren des Buches. Wollte da jemand etwa vorauseilenden Gehorsam praktizieren?

Wie auch immer: Aus rezeptionsästhetischer Sicht ist der Umgang des seinerzeitigen Verlegers mit dem Roman ein hochinteressanter Vorgang. Aber auch der „unbefangene“ heutige Leser – und gerade er – dürfte einigen Gewinn aus der endlich verfügbar gemachten Urfassung ziehen. Fallada selbst übrigens nutzten sie wenig, seine Bereitwilligkeit, besagte Kürzungen hinzunehmen, und sonstige Anpassungsleistungen an den Zeitgeist: Er blieb während der NS-Jahre ein „unerwünschter Autor“.

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