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Peter Sloterdijk, der Lehrer. Wir alle, sagt er, bedürfen einer grundlegenden Umschulung.
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Peter Sloterdijk, der Lehrer. Wir alle, sagt er, bedürfen einer grundlegenden Umschulung.

Peter Sloterdijk

Philosophie als Lagebesprechung

Der erste Band der Tagebücher von Peter Sloterdijk ist ein großartiges Porträt seines Denkens. Zuweilen unterlaufen zwar auch selbst einem Scharf-Denker wie Sloterdijk erstaunliche Fahrlässigkeiten. Dennoch muss man das Buch lesen.

Von Dirk Pilz

Am 11. November 2009 hält sich Peter Sloterdijk in Wien auf. Er arbeitet an einem Vortrag über „Arabosphären“ in Abu Dhabi, in sein Tagebuch notiert er: „Der Blick in den Spiegel sagt dem Betrachter, unabhängig von Aufmachung und Tageszeit: Es musste wohl jemand geben, der so aussieht.“

Selbstironie kann dieser Mann also auch. Selbstinszenierung allerdings weitaus besser. Gleich danach nämlich notiert er sich, dass anstelle der „missratenen Narzissmustheorie“ eine „Begriffsreihe zu entwickeln wäre, in der die durchlöcherte Landschaft der affektiven Selbstverhältnisse besser abgebildet werden kann“. Am besten fraglos von ihm selbst.

Zwei Teile, ein Thema

Rasch ist sie an diesem Novembertag auch entworfen, anderthalb Seiten lang. Anschließend hält der Philosoph mit Karlsruher Adresse noch fest, dass es schade um die „berüchtigte Brüsseler Gurkenvorschrift von 1988“ sei, lieferte sie doch einen „allzu schönen Beleg für den Surrealismus der europäischen Bürokratie“. Den Tag will er schließlich nicht beendet sehen, ohne diesen Gedanken zu hinterlassen: „Der jüdische Stress: ein so kleines Volk, ein so großer Gott, wenn das mal gutgeht.“

Peter Sloterdijk, seit Juni dieses Jahres 65 Jahre alt, hat seine „Notizen“ der Jahre 2008 bis 2011 veröffentlicht. Im Vorwort ist ihm der Hinweis wichtig, dass im „Berichtszeitraum“ vier Buchpublikationen des Autors erschienen seien, die wichtigste sicher seine „übungsanthropologische Studie“ über den Menschen als Akrobaten „Du musst dein Leben ändern“ (2009). Wert zu betonen ist ihm zudem, dass seine Notate hinsichtlich ihrer Gattungszugehörigkeit nicht leicht zu klassifizieren seien; in formaler Sicht könnten sie am ehesten noch mit Paul Valérys „Cahiers“ verglichen werden. Allerdings habe er sie nicht nach Themen geordnet, sehr wohl jedoch „Peinliches und Belangloses“ weggelassen.

Inwiefern es weder peinlich noch belanglos ist, zu erfahren, dass Sloterdijk in einer New Yorker Ausstellung nur einige Aktfotografien beachtlich erschienen, was ihn fürchten ließ, das „stoffliche Interesse“ sei mit ihm durchgegangen, bleibt dem Leser überlassen. Dem Voyeurismus huldigende Einsichten ins Privatleben werden einem dankenswerterweise größtenteils jedenfalls erspart. Es reicht zu wissen, dass es Sloterdijk nicht schätzt, in dem schönen Oberengadiner Hotel Waldhaus in Sils Maria „in Konversationen zu geraten, wie man sie auf dem Jahresempfang der lederverarbeitenden Industrie erwartet“. Arroganz und Dünkel waren für ihn noch nie Fremdwörter.

Mehr Assoziationen als Argumente

Zwei Teile hat dieses Buch, aber ein Thema. Es ist aus seinem umfangreichen Werk hinlänglich bekannt: „Sämtliche gängige Diskurse“, schreibt er in „Du musst dein Leben ändern“, seien in „lähmender Harmlosigkeit“ verfangen. Es brauche daher einen wie ihn, um den „sterbenden Baum der Philosophie noch einmal blühen“ zu lassen, und zwar durch eine schonungslose „Lagebesprechung“ der Gegenwart.

Zu seiner Gegenwart gehören in den Notaten vor allem die Schriften von Konkurrenzdenkern, die er sich „zur Prüfung“ vorlegt – über weite Strecken liest man hier Kurzreferate zu Philosophen, die Sloterdijk für beachtenswert hält, über Nietzsche, Hegel oder Derrida etwa. Oft sind es lediglich Denkstichworte, mehr Assoziationen als Argumente, dafür aber in erfrischend aphoristischer Zuspitzung. Überhaupt scheint für ihn nur erwähnenswert, was sich zu Pointen verarbeiten lässt, von der „Popmusikpisse aus dem Bordlautsprecher“ im Flugzeug über eine Tour-de-France-Etappe bis zum Tod von Peter Zadek, was ihm übrigens Anlass ist, das gesamte Theater flugs zur „Kaff-Kunst“ zu erklären. Von hoher komödiantischer Qualität sind die eingestreuten Selbstbeschreibungen: „Beruf: Oligarchenseelsorger“. „Luxurologe“. „Brainfood-Berater“.

Zuweilen unterlaufen selbst einem Scharf-Denker wie Sloterdijk dabei erstaunliche Fahrlässigkeiten. Im Edelhotel „Elephant“ in Weimar zum Beispiel kommt ihm alles „fabelhaft und historisch gesättigt“ vor, „wenn nur eine gewisse falsche und dünne Feinheit nicht wäre“ – ausgerechnet dies über ein Hotel, in dem sich Hitler von der Bevölkerung gern auf den für ihn geschaffenen Balkon rufen ließ: „Lieber Führer komm heraus aus dem Elefantenhaus“.

So schonungslos wie möglich

Ähnlich beklemmend ist seine Selbstbeschreibung als Materialsammler für sein philosophisches Schreiben: Es gelte, „Bausteine an die Rampe (zu) schaffen“. Bausteine für eine Philosophie, die davon ausgeht, dass die „alteuropäische Denk- und Lebensform Philosophie erschöpft“ sei, und zwar „unleugbar“, weshalb Sloterdijk sie – vor allem in seiner dreibändigen Ideengeschichte der Menschheit, „Sphären“ (1998-2004) – zur Sphärologie, zur Biosophie, zur Theorie der Atmosphären und zur Allgemeinen Immunologie umschreibt, immer getrieben von einer „Sorge um das Ganze“. Denn die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt sei die diffus allgegenwärtig wachsende Einsicht, dass es so nicht weitergehen könne.

So sieht er sich: als Erlöser aus Missverständnissen, als Messias einer kommenden Denkbefreiung. Bereits in seinem frühen Wurf „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983) zitierte er deshalb Erich Kästner: „Ich will nicht reden, wie die Dinge liegen. / Ich will dir zeigen, wie die Sache steht“ .

Und das so schonungslos wie möglich. „Die Philosophen haben den Gesellschaften nur verschieden geschmeichelt“, heißt es in seiner Schrift „Die Verachtung der Massen“ (2000), es komme aber darauf an, „sie zu provozieren“. Denn wir alle bedürfen, so sagt er, einer grundlegenden Umschulung, auf dass uns endlich die „metaphysischen Mucken“ ausgetrieben würden, all jene schlechten Gewohnheiten des Denkens und Fühlens, die noch immer dem Gespenst der Religion am Rockzipfel hängen. Sloterdijk betreibt, wie er sagt, „säkulare Missionswissenschaft“. Er zeigt sich in diesen seinen Notaten dabei als Bewusstseinsgeschichtler, der aus dem Vergangenen die Chancen und Gefahren des Kommenden ablesen will.

Der Meister aus Deutschland

Philosophie ist für Sloterdijk daher immer Überlebenstraining – in diesen Notaten ist er beim Selbsttraining zu beobachten. Aus diesem Verständnis seiner Denkdisziplin folgt auch seine Vorliebe für Kriegsmetaphern und eine Feldherren-Sprache, die den Leser zum Empfänger von Imperativen macht.

Er spricht stets, als spreche das große ganze Welt-Ich aus ihm. Mal ist es ein „man“, das etwas erlebt, mal ein „er“, der zu bedenken gibt. Nichts charakterisiert treffender seine Grundhaltung zum Artgenossen und der Mitwelt als die Eintragung vom 20. August 2009, notiert in Bad Aussee: „Mit dem Wagen durch Täler und Dörfer, an die das Gefühl spontan Höchstnoten verteilt.“ In der Disziplin des Notenverteilens ist er der Meister aus Deutschland. Und diese Notizen wollen entsprechend als ein Klassenbuch gelesen werden, das er der „Nation von Schülern“ auf den Tisch haut. Vor Sloterdijks Lehrertisch müssen entsprechend alle das Verdikt fürchten, als versetzungsgefährdet zu gelten, die seinen Lehrsätzen nicht willens oder fähig sind, Folge zu leisten.

Axel Honneth zum Beispiel, der sich vor zwei Jahren erdreistet hatte, Sloterdijks sonderbare Thesen zu einer neuen Steuerpolitik „der gebenden Hand“ zu kritisieren, wird hier mit dem Urteil „ansteckende Talentlosigkeit“ gemaßregelt. Kaum gnädiger der Richtspruch über Robert Spaemann, den Sloterdijk als Vertreter der „antimodernen Front“ ins Blick-, also Zensurfeld nimmt: „aufsehenerregende Dürftigkeit“.

„Denken wie im freien Fall"

Muss man das lesen? Unbedingt. Nicht nur, weil niemand sonst das Genre des Klassenbucheintrags zu solch hoher Stilkunst getrieben hat. Sondern, weil sich in diesem Buch bewahrheitet, was Sloterdijk in seinem Essay „Gottes Eifer“ (2007) dekretiert hat: „Beim Studium der Schriften philosophischer Autoren von hohem Anspruch an die Kontrolle über den eigenen Diskurs stößt man gelegentlich auf Absätze, die dadurch aufhorchen machen, dass sie offensichtlich nicht der Notwendigkeit einer laufenden Überlegung entspringen, sondern einem plötzlichen, assoziativen Drang nachgeben, der die Durchführung eines Arguments durchbricht.“

Beim Studium von „Zeilen und Tage“ stößt man immerfort auf solche Absätze; denn Sloterdijks Denken ist, wie er im zweiten „Sphären“-Band schreibt, ein „Denken wie im freien Fall“. Es ist folglich ein rücksichtsloses Hineinstürzen ins große Ganze, das Bekenntnis zur „Einebnung des philosophischen Votums ins allgemeine Durcheinander“. Als ein „automatisches Klavier des Zeitgeistes“ hat er sich selbst einmal charakterisiert. In diesem Buch ist es in Hochform.

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011. Suhrkamp, Berlin 2012. 636 S., 22, 95 Euro

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